Kino Regisseur Guido Weihermüller: "Sport schweißt zusammen"

Foto: David Daub / Wechselzeiten

Regisseur Guido Weihermüller drehte "Wechselzeiten", einen Film über vier Frauen beim Hamburg-Triathlon, die sich auf ihren ersten Wettkampf vorbereiten. Am heutigen Montag ist Premiere im Abaton.

Hamburg Regisseur Guido Weihermüller hat mit "Wechselzeiten" eine Dokumentation über vier Frauen gedreht, die sich auf ihre erste Teilnahme am Hamburg-Triathlon vorbereiten. Ein Sportfilm, vor allem aber eine berührende Entwicklungsgeschichte, die ihre Weltpremiere heute im Abaton erlebt. Einige Tage später folgt dann der offizielle Bundesstart.

Hamburger Abendblatt: Herr Weihermüller, eigentlich sind Sie ja Werbefilmer. Was hat sie bewogen, eine Triathlon-Dokumentation zu drehen?

Guido Weihermüller: Werbedrehs machen Spaß, und es lässt sich damit gutes Geld verdienen, aber es befriedigt als Filmemacher nicht so. Ich möchte Geschichten erzählen, die Spuren hinterlassen. 2011 habe ich meinen ersten Triathlon absolviert und festgestellt: Jeder Triathlet hat seine eigene spannende Geschichte. 2012 hat meine Frau dann einen Anfängerkursus, das Rookie-Programm, um das es auch im Film geht, gemacht und abends immer so begeistert davon erzählt, dass ich wusste: Das ist das richtige Thema.

Ihr Film ist ohne Förderung entstanden. Wie haben Sie ihn finanziert?

Weihermüller: Wir haben Sponsoren gesucht und dachten, da Triathlon eine Materialsportart ist, müsste es möglich sein, Fahrradfirmen zu finden, die sich engagieren, aber das war nicht so. Im Nachhinein bin ich froh, dass wir keinen Sponsor hatten, der verlangt, man solle sein Rad zeigen. Auf diese Weise hatten wir eine unheimliche Freiheit. Und: Wir konnten das Budget nicht überziehen – weil es gar keines gab.

"Wechselzeiten" erzählt die Geschichten von vier Frauen, die sich auf ihren ersten Triathlon vorbereiten. Warum Frauen, und warum gerade diese?

Weihermüller: Als wir uns den 40 Teilnehmern am Rookie-Programm vorgestellt haben, kamen gleich sechs Frauen und zwei Männer auf uns zu, die gerne Teil der Dokumentation sein wollten. Es war schon deutlich, dass sich manche wirklich auf eine persönliche Reise machen und es nicht nur um eine sportliche Herausforderung geht. Wir haben dann einige nicht in den Film genommen, weil sie entweder sportlich schon zu weit waren, also nicht mehr wirklich am Anfang standen, oder eine Wette Anlass für die Teilnahme war. Das fand ich nicht so spannend. Was die Frauen angeht: Sie sind eher als Männer in der Lage, sich in eine Gruppe zu begeben und zu sagen: Ich kann das nicht, bitte helft mir. Männer ticken da anders. Sie wollen sich keine Blöße geben. Ich war auch so. Vor meinem eigenen Rookie-Programm habe ich erst mal allein trainiert, um in Form zu kommen.

Haben Sie also von Anfang an nur mit den vier Frauen gedreht, die jetzt im Film vorkommen?

Weihermüller: Nein, aber wir mussten uns im Film aus zeitlichen und dramaturgischen Gründen beschränken. Wir haben den Beteiligten irgendwann den Trailer gezeigt, und zwar in einer sehr ruhigen intimen Atmosphäre. Einige haben dabei geweint und hinterher erzählt, was diese gemeinsame Zeit für sie bedeutet. Plötzlich wurde klar: Es ist ihnen gar nicht so wichtig ist, dass sie im fertigen Film zu sehen sind, sondern, dass sie Teil dieses Gesamtprojekts waren. Ich hatte tatsächlich ein bisschen Angst davor, einigen, mit denen wir lange gedreht haben, zu sagen, dass sie nicht dabei sein werden, aber für die meisten war das gar kein Problem.

Sie kommen den Protagonistinnen sehr nah, es wird über Sehnsüchte und Ängste gesprochen. Wie haben Sie diese Nähe hergestellt?

Weihermüller: Viele der Geschichten, die mir erzählt wurden, konnte ich aufgrund eigener Erfahrungen nachvollziehen. Ich hatte auch eine Trennung hinter mit, als ich angefangen habe, Triathlon zu machen. Ich wog 15 Kilo mehr als heute und hatte chronische Rückenschmerzen. Außerdem habe ich wohl ein ganz gutes Einfühlungsvermögen. Wir haben den Teilnehmern immer Zeit und Raum gegeben, sie zu keinem Zeitpunkt bedrängt. Es gab Gespräche, die dauerten anderthalb Stunden, im Film sind davon dann nur drei Minuten zu sehen. Ich glaube, die Frauen hatten das Gefühl, dass ich einer von ihnen bin. Und das war ich auch. Als etwas erfahrenerer Triathlet konnte ich ihnen außerdem ein paar Tipps geben.

Haben Sie noch Kontakt zu den vier Frauen?

Weihermüller: Ja, wir sind Freunde geworden, nicht nur bei Facebook. Schon beim Dreh sind wir sehr fürsorglich miteinander umgegangen. Wenn wir bei einer zu Hause drehten, wurde für uns mitgekocht. Es war sehr familiär.

Überraschend, dass es während der zwölf Wochen gar keine Konflikte zwischen den Teilnehmern gab. Oder haben Sie die rausgeschnitten?

Weihermüller: Ich hatte auch gedacht, dass es bei so vielen Frauen Zickereien oder Stutenbissigkeit gibt, aber das war nicht so. Ich denke, die sportliche Herausforderung war so groß, dass alle auf der Suche nach Verbündeten waren. Der Sport schweißt zusammen. Jeder zeigt seine Stärken und Schwächen ohne Schutz, da überwiegt der Respekt vor der Leistung der anderen.

Was wünschen Sie sich für Ihren Film?

Weihermüller: Nach der Teampremiere kam eine junge Triathletin zu mir und sagte: "Ich muss diesen Film meinen Eltern zeigen, damit sie verstehen, warum ich das mache." Wenn "Wechselzeiten" auf diese Weise wirkt, habe ich mein Ziel erreicht.

Und was kommt nun?

Weihermüller: Hoffentlich mein erster Langtriathlon (3.86 km Schwimmen, 180 km Radfahren, 42,195 km Laufen; die Red.), vielleicht auf Mallorca.
"Wechselzeiten" Premiere: Mo 23.6., 20. Uhr, Abaton. Weitere Vorführungen ab 26.6. im Abaton