Jazzahead Bremen

Gibt es demnächst einen Mindestlohn für Jazzer?

Foto: © Jens Schlenker / Jens Schlenker

Bei der Jazzahead, einer Mischung aus Messe und Festival, wurde mehr Geld für Musiker gefordert. In Bremen präsentierte sich mit "Jazz Moves" auch ein Zusammenschluss von Hamburger Jazzaktivisten.

Bremen. In handliche Stücke geschnitten, liegen die klebrigen Teilchen in Körben am Messestand von "Jazz Moves", dem Zusammenschluss von Hamburger Jazzaktivisten. Es ist Sonnabend, 10.30 Uhr, Frühstückszeit auf der Jazzahead in Bremen. Es gibt Kaffee und Tee und in kleinen Portionen jenes Hamburger Nationalgebäck, das auf der Einladung an alle Messeteilnehmer folgerichtig unübersetzt bleibt. "Do you know Franzbrötchen?", steht auf den am Tag zuvor verteilten Postkarten.

Was die noch etwas verschlafenen Besucher anlockt – die Konzertnacht davor war lang, das anschließende Abhängen an den Hotelbars noch länger –, ist neben der Aussicht auf süße hanseatische Verköstigung womöglich auch der freundliche Geist, der von diesem Stand ausgeht.

Denn die sich da zu "Jazz Moves" zusammengefunden haben – Musiker, Labels, Festivals, Booking-Agenturen, Veranstalter und Initiativen –, stellen ihre separaten Befindlichkeiten hier zugunsten eines Auftritts zurück, der der Losung "Gemeinsam sind wir stärker" folgt. Und das ist zu spüren – auch wenn neun von zehn Anfragen am Stand dem Festival Elbjazz gelten. Nur kein Neid, schließlich hat Elbjazz den Namen der Stadt Hamburg auf der Weltkarte des zeitgenössischen Jazz überhaupt erst auffindbar gemacht.

Der "Jazz Moves"-Geist wirkte exemplarisch für die ganze Jazzahead, diesen viertägigen Hybrid aus Fachmesse, Showcase-Marathon und Kulturfestival für eine ganze Stadt, der am vergangenen Wochenende zum neunten Mal in Bremen stattfand. Denn diese Veranstaltung bringt in dem von außen wie von innen spektakulär hässlichen Gebäude der Messe Bremen für ein langes Wochenende Geistesverwandte aus aller Welt zusammen, die für den Rest des Jahres oft eher Einzelkämpfer und Konkurrenten sind. Das wuselige, dabei präzis organisierte Familientreffen mit Tausenden von Teilnehmern gewinnt dabei Jahr für Jahr an Attraktivität und Charme.

Die halbstündigen Showcases waren zwar so getaktet, dass man theoretisch alle hören konnte. Aber weil die kleinen Konzerte alternierend in zwei Sälen stattfanden, traf man auf dem Weg vom einen zum anderen unweigerlich lauter nette Leute, mit denen man sich am besten gleich hier und jetzt ausführlich austauschen wollte. So gingen vielen Besuchern reihenweise Showcases durch die Lappen. Kollektive Wiedersehensfreude und viele hochklassige Konzerte konnten freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Urheber des zeitgenössischen Jazz nicht nur in Deutschland zur Spezies des kreativen Prekariats zählen und dass Selbstausbeutung auch für die vielen kleinen Firmen, die den Jazz in die Welt hinaustragen helfen, eher die Regel als die Ausnahme ist.

Einen tapferen ersten Versuch zur systematischen Veränderung der Verhältnisse hat jetzt die Union deutscher Jazzmusiker (UdJ) gemeinsam mit etwa 60 Veranstaltern gestartet. In einer auf der Jazzahead vorgestellten "Willenserklärung" definierten die Unterzeichner Standards, nach denen sie sich künftig die Honorierung von Live-Jazz vorstellen. So soll ein Musiker in einer Spielstätte, die mindestens zu einem Drittel öffentliche Zuwendungen erhält, mindestens 250 Euro Gage bekommen, auf einem Festival die doppelte Summe. Gemessen an anderen Kunstformen erscheinen diese Beträge bittstellerisch bescheiden; in der Realität aber ist die Entlohnung oft derart klamm, dass 80 Euro für einen Gig als "gutes Geld" gilt.

Auch die Jazzahead selbst geriet ins Visier der UdJ. Denn die deutschen Bands, die bei der "German Jazz Expo" genannten Showcase-Serie am Freitag spielten, bekamen weder Honorar noch Reise noch Unterkunft bezahlt. Die Musiker sollten mal schön auf dem Teppich bleiben und das als Investition in ihre Zukunft verstehen, giftete eine freie Promoterin, die nicht genannt werden möchte. Guter Rat von Prekariat zu Prekariat.

Dass es überhaupt zu einer gemeinsamen Willenserklärung von Musikern und Veranstaltern kam, feiern beide Seiten als Fortschritt. Sie erhoffen sich davon eine Signalwirkung bei Kommunen und Ländern, wohl wissend, dass deren Kassen derzeit wenig hergeben, um den schönen Traum vom Mindestlohn für Jazzer Wirklichkeit werden zu lassen.

Den Schulterschluss mit den Jazzern probieren neuerdings auch eher auf Rock und Pop ausgerichtete Spielstätten. Die Live Musik Kommission, der Verband der Musikspielstätten Deutschland e.V. (LiveKomm), prämierte in Bremen unter den zehn deutschen Bands, die auf der German Jazz Expo Showcases spielten – darunter waren mit dem höchst arrivierten Tingvall Trio und der räudigen Band Cnirbs auch zwei Gruppen aus Hamburg –, eine, die Anfang 2015 an sieben aufeinanderfolgenden Tagen durch sieben deutsche Clubs touren soll.

Das international besetzte Heavy-Jazz-Quartett Kuu aus Berlin machte das Rennen. Garantiegage für jeden der vier Musiker pro Auftritt: 150 Euro.