Interview

Roger Cicero: "Nicht alle Fans werden das mögen"

Foto: Mathias Bothor / Warner

Mit seinem Album "Was immer auch kommt" meldet sich der Hamburger Sänger und Entertainer Roger Cicero zurück – auf ungewohnte Weise. Denn Cicero geht musikalisch und lyrisch neue Wege.

Hamburg Als wir Roger Cicero ein paar Wochen vor der Veröffentlichung seines neuen, fünften Albums "Was immer auch kommt" in einem Hamburger Hotel treffen, schauen wir genau hin, ob es wirklich der Pop-Entertainer aus Winterhude ist: breites, lautes Lachen, blitzende Augen, komischer Hut. Ja, das ist er. Aber sicher ist sicher, denn "Was immer auch kommt" klingt wie ein ganz anderer Roger Cicero. Der Unterschied zu den seit 2006 veröffentlichten vier Vorgängeralben, die alle weit vorn in den Top Ten landeten, ist nicht zu überhören. Aber das hat auch seine Gründe, wie er erzählt.

Hamburger Abendblatt: Ihre Plattenfirma hat uns scheinbar die falsche CD zugeschickt. Es steht zwar Roger Cicero drauf, aber es klingt nicht nach Big-Band-Swing für liebeshungrige Frauen über 30. Viel mehr ist "Was immer auch kommt" ein astreines und auffallend persönliches Pop-Album geworden. Ein Scherz aus dem Presswerk?

Roger Cicero: (lacht) Nein. Eigentlich steckt schon alles im Albumtitel und im gleichnamigen Lied: Es geht um Haltung, um eine innere Veränderung.

Niels Frevert sang "Ich möchte mich gern von mir trennen", Sie singen "Ich werde mich heute von mir trennen". Was ist bloß mit euch Hamburger Musikern los? Ich bin über 40, mimimimi, ich muss einfach mal etwas Verrücktes tun?

Cicero: Oh, ich habe schon so viel Verrücktes in meinem Leben getan, und nichts davon möchte ich über Bord werfen, denn es hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Ich bereue nichts. Dennoch ist es nun an der Zeit, neue Wege zu gehen.

Die Trennung von Ihrer Freundin und Mutter Ihres Sohnes hat auf dem Album in Songs wie "Hollywood", "Knapp daneben", "Frag nicht wohin" und dem Rio-Reiser-Cover "Straße" deutlich hörbare Spuren hinterlassen, die Lieder zeigen die verletzliche Seite an Ihnen. Das auf den vier ersten Alben kultivierte Bild des souveränen Machos implodiert geradezu. War der alte Roger Cicero nur eine Kunstfigur?

Cicero: Nein, ich habe auch schon früher "Ich hätt' so gern noch Tschüss gesagt" über meinen gestorbenen Vater gesungen, persönlicher geht es eigentlich gar nicht. Aber wenn man von einer neuen Lebenssituation herausgefordert wird, ist das auch eine Inspiration, das trifft auf alle Veränderungen zu. Natürlich thematisiere ich das Thema Trennung auf dem Album sehr häufig…

... wenn auch ohne Drama, Nieselregen und Windmaschinen.

Cicero: Genau. Eine Trennung an sich ist eigentlich banal, das Drama findet davor und danach statt.

Drama heißt ja auch große Show, eine Bühne für die Swing-Big-Band. Auch davon haben Sie sich inzwischen getrennt. Mit kleiner Besetzung orientiert sich der Sound besonders in "Durch deine Augen" an den Beatles, auch Blumfeld wird vielleicht manchen Hörern einfallen, wenn wir beim Thema "Kunden, die dieses Album bestellten, kauften auch ..." sind.

Cicero: (lacht) Oh, danke. Das ist sehr nett.

Hey, auf den Sound bezogen!

Cicero: Ja klar! Einige Songs haben wir uns im Studio mit dem kleinen Bandbesteck im Wortsinn erspielt. "Durch deine Augen" ist natürlich Beatles galore, eine kleine Ehrerbietung.

Waren die ersten vier Alben vor allem für die Fans gemacht, während "Was immer auch kommt" ein Album für Sie persönlich geworden ist?

Cicero: Wenn es um die Herangehensweise an ein Album geht, dann liegen Sie damit vollkommen richtig. Es wird Fans geben, die es bereichern wird, und es wird welche geben, denen es gar nichts sagt. Aber darüber sollte man sich nicht viele Gedanken machen. Denn es ist genauso riskant, immer seinen gleichen Striemen zu fahren, wie etwas auszuprobieren.

Wie werden sich die neuen Songs denn auf die Konzerte auswirken? Werden viele ältere Lieder durch das Raster fallen?

Cicero: Nein, ich werde im Sommer und Herbst wieder mit der Big Band touren, aber bei den neuen Songs wird sie nicht wie eine Big Band klingen. Bei der ersten Probe waren die Jungs zwar noch ein wenig irritiert, aber dann hat das Virus um sich gegriffen.

Wurde die ganze Truppe zum Proben wieder in ein Hotel am Timmendorfer Strand eingepfercht wie 2011 vor der Tour zu "In diesem Moment"?

Cicero: O Gott, nein! Da sei eine Riesenbühne, hatte man uns gesagt, und wir haben unser Zeug da kaum reingekriegt. Es gab das Gerücht, Udo Lindenberg hätte das für seine Livetour auch benutzt, und wir dachten uns: Och, wenn das für Udo reicht... Aber der hat da wohl was ganz anderes gemacht.

Sie könnten ja wie bei den Konzerten mit Ihrer Jazz Experience beim Elbjazz-Festival und in der Fabrik mal wieder auf kleiner Bühne auftreten, im Mojo Club oder im Gruenspan. Wie in den alten Zeiten, als Sie Gastsänger bei Bands wie Soulounge und Jazzkantine waren.

Cicero: Das ginge aber nur mit den neuen Songs. Und wer will das erste 40-Minuten-Konzert der Welt sehen?

Einfach mal etwas Verrücktes tun.

Cicero: Eine große Bühne ist natürlich schwerer zu fassen, man sieht erst nur Köpfe, wenn einen nicht die Scheinwerfer blenden. Aber dann kommt das Gespür für die Leute umso überwältigender. Jede Bühne ist ein magischer, ein verrückter Ort.

Roger Cicero: "Was immer auch kommt" CD (Warner) im Handel; Konzert: Mi 1.10., 20.00, CCH Saal 1, Karten ab 45,- bis 67,80 im Vorverkauf unter der Abendblatt-Ticket-Hotline 30 30 98 98; www.rogercicero.de