28.02.13

"3096 Tage"

Kampusch-Film wühlt im Keller der Seele

Das Werk "3096 Tage" Natascha Kampuschs achtjähriges Martyrium als beklemmendes Zwei-Personen-Drama. Es lässt immerhin ahnen, warum sie überlebt hat.

Von Irene Jung
Foto: 2013 Constantin Film Verleih GmbH/Jürgen Olczyk
Matratze, Spüle, Toilette: In dem fensterlosen Kellerverlies muss die kleine Natascha (Amelia Pidgeon) Jahre verbringen
Matratze, Spüle, Toilette: In dem fensterlosen Kellerverlies muss die kleine Natascha (Amelia Pidgeon) Jahre verbringen

Bevor sie ihn sieht, hört sie ihn. Die Kommode, die er beiseiteschieben muss, dann das Knirschen des Geldschranks auf dem Kellerboden, das Aufschließen der schweren Tresortür, hinter der ihre Zelle liegt. Am Anfang versteht sie gar nicht, wozu das alles, warum sie hier ist. Er behauptet, ihre Eltern zahlten kein "Lösegeld", weil sie sie gar nicht wiederhaben wollten. Das ist eine Lüge. Die Wahrheit über ihre Lage, die ganze monströse Ausweglosigkeit, hat die kleine Natascha Kampusch erst allmählich begriffen.

Dieser erste Teil von Sherry Hormanns Film "3096 Tage" ist fast am schwersten zu ertragen. Zuerst sitzt die kleine Natascha noch in ihrem rosa Kinderzimmer zwischen Katze, Pferdebildern und Plüschtieren - und Stunden später in dem keine sechs Quadratmeter großen, fensterlosen Verlies unter der Garage ihres Entführers Wolfgang Priklopil, das sie lange Zeit nicht mehr verlassen wird. Eine Zehnjährige fällt aus einer normalen Kindheit ins emotionale Dunkel. Ist einem Mann ausgeliefert, der wie besessen ist von der Idee, ein Geschöpf ganz für sich allein zu schaffen und zu beherrschen.

Der Mann ist 35, aber merkwürdig allein, nur seine resolute Mutter bekocht ihn ab und zu. Das Vorstadthaus: peinlich sauber und aufgeräumt, in dieser gruselig gedämmten Schleiflack- und Fototapeten-Existenz ist ein Pedant am Werk. Genauso pedantisch hat er in monatelanger Arbeit die versteckte Montagegrube ausgebaut, verputzt und gefliest.

In diesem Gefängnis spielen 80 Prozent des Films, in dem das Mädchen alle Stadien eines gefühlten sozialen Todes durchläuft - Angst, Auflehnung, Verzweiflung bis zum Suizidversuch, Resignation. In der Rolle der kleinen Natascha gibt die zwölfjährige Amelia Pidgeon all den verlassenen und verängstigten Kindern der Welt ein unvergessliches, verletzliches Gesicht. Je älter das Mädchen aber wird, desto häufiger überfordert und verunsichert es den Mann. Die Jugendliche (Antonia Campbell-Hughes) versucht, seinen Wünschen zu entsprechen, fordert aber auch seine Wut heraus. Er prügelt und demütigt das Mädchen, rasiert ihr den Kopf, entzieht ihr die Nahrung, bis sie nur noch 38 Kilo wiegt. Und will in ihr gleichzeitig die Frau haben, die er draußen nie kriegt, weil er sich Frauen nicht gewachsen fühlt. Gleich der erste Satz im Film, Nataschas Stimme aus dem Off, lässt die Zuschauer wissen: "Es war klar, am Ende würde nur einer von uns überleben. Und am Ende war ich es, nicht er." Wahrscheinlich war die Idee des Produzenten Bernd Eichinger, die Geschichte von Natascha Kampuschs Gefangenschaft überwiegend als Zwei-Personen-Kammerspiel zu inszenieren, die einzig angemessene für diesen Stoff. Eichinger hatte sich mehrmals mit Natascha Kampusch getroffen und lange Interviews mit ihr gemacht. Nach seinem plötzlichen Tod im Januar 2011 vollendete die Hamburger Drehbuchautorin und Grimme-Preisträgerin Ruth Toma Eichingers Skript, der Drehbeginn musste auf 2012 verschoben werden. Eichingers Wunsch-Regisseurin Sherry Hormann, die in "Die Wüstenblume" 2009 schon sensible Themen wie Zwangsehe und Beschneidung in Szene gesetzt hatte, winkte zunächst ab, sie wollte "nicht in diesen Abgrund steigen".

Schwierig war nach Angaben des Produzenten Martin Moszkowicz auch der fast einjährige Casting-Prozess. Die britische Casting-Agentin Pippa Hall, die schon den großartigen Hauptdarsteller in "Billy Elliott" gefunden hatte, entdeckte die kleine Amelia Pidgeon erst durch Zufall in ihrem Dorf. Pidgeon durfte nur drei Stunden pro Tag vor der Kamera stehen, die Dreharbeiten wurden von einem Kinderpsychologen und einem Vertreter des Jugendamts begleitet. Beim Casting für die Rolle des Wolfgang Priklopil gab es sogar zahlreiche Absagen. Niemand wollte diesen Mann spielen. Erst in Thure Lindhardt fand das Team dann einen überzeugenden Priklopil, der die Rolle allerdings nach eigener Aussage "extrem schwer" fand.

Letztlich sind es diese drei Darsteller, die den Filmfiguren eine beklemmende, glaubwürdige Präsenz verleihen. Die zierliche Antonia Campbell-Hughes, die für die Rolle abmagern musste, lässt den schwierigen Balanceakt zwischen Anpassung und leisen Manipulationsversuchen ahnen, mit denen sich die Gefangene nach Jahren ab und zu auch mal einen Gang in den Garten erbettelt oder ihren Peiniger ablenkt. Aber es bleibt eine Gratwanderung. Thure Lindhardt spielt Priklopil als einen gehemmten, nach außen überangepassten Mann, der sich nach einer gefahrlosen Form der Liebe sehnt, in der er jederzeit die Kontrolle behält. Er hat das perfekte Unterwerfungsszenario gebaut, kann seine Wutausbrüche ausleben, fordert über eine Gegensprechanlage ständig "Gehorsam! Gehorsam!". Aber er ist nicht darauf gefasst, dass dieses Mädchen eines Tages antwortet: "Du musst genau so oft Gehorsam sagen, wie ich es mir anhören muss."

In solchen Momenten ahnt der Zuschauer, wie die Heranwachsende diese Kaspar-Hauser-ähnliche Isolation überstehen konnte. Warum sie nicht den Lebensmut verlor. Ein Kind, das gezwungen ist, sich ganz und gar an einen Erwachsenen anzupassen, entwickele eine Haltung, in der es "nicht nur das zeigt, was von ihm gewünscht wird, sondern so mit dem Gewünschten verschmilzt, dass man kaum ahnen würde, wie viel anderes hinter dem maskierten Selbstverständnis noch in ihm ist", schrieb die Psychoanalytikerin Alice Miller. Dieses andere kann die Film-Natascha für sich retten. Ihr 25 Jahre älterer Entführer ist für ihre Widerstandskraft blind - er schwelgt in seinen Allmachtsgefühlen.

Die Frage, wer so einen Film sehen will, ist damit noch nicht beantwortet. Zwar zieht der Name Kampusch in Talkshows und Zeitungsserien immer noch große Aufmerksamkeit auf sich. Die junge Frau wird den Hype nicht los, teils durch eigene Interviews, teils weil ihre Eltern ihr mit eigenen Büchern in den Rücken fallen - wie der Vater jetzt mit der Behauptung, sie sei gar nicht Priklopils Gefangene gewesen. Über sie kursieren E-Mails, in denen sich das Internet als das erweist, was es leider manchmal auch ist: eine Kloake aus Hass und Frauenverachtung. Die Vorstellung, ihr Schicksal mit einem Film angemessen ins Licht zu rücken, ist lobenswert.

Aber ob der Film nun einen "Schlussstrich" zieht, wie Natascha Kampusch hofft, bleibt fraglich. Ebenso, dass er ein Erfolg wird. Ähnlich medienwirksam war der Fall von Marianne Bachmeier, die 1981 den Entführer und Mörder ihrer Tochter im Gericht erschoss. Burkhard Driest verfilmte den Fall mit Gudrun Landgrebe, Hark Bohm mit Marie Colbin, die sogar den Deutschen Filmpreis dafür bekam. Aber im Kino waren alle beide ein Flop.

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