26.02.13

Kinostart von "3096 Tage"

Warum Natascha Kampusch nicht geflüchtet ist

Hat man nicht genug gehört vom Fall Natascha Kampusch? Tatsächlich ist der Regisseurin Sherry Hormann mit "3096 Tage" ein recht differenziertes Kammerspiel über Gewalt und Abhängigkeit gelungen.

Von Katharina Grimnitz
Foto: AP/dpa

Ihr Martyrium kommt auf die Leinwand: Natascha Kampusch
Ihr Martyrium kommt auf die Leinwand: Natascha Kampusch

Frankfurt. "3096 Tage" ist kein Film, den man leichten Herzens anschaut. Es geht um den realen Fall einer Zehnjährigen, die 1998 auf dem Schulweg gekidnappt und in eine hermetisch verschlossene Zelle unter einem Wohnhaus eingesperrt wurde, bis sie 2006 fliehen konnte. Eigentlich möchte man nicht so genau wissen, was Natascha Kampusch durchgemacht hat. Es ist ein Stoff, der von den Brüdern Grimm als Märchen aufgeschrieben worden wäre, ein Stoff, der irgendwann vielleicht einen Horrorfilm inspirieren wird.

Produzent Bernd Eichinger hatte vor seinem Tod 2011 mit dem Verfassen des Skripts begonnen. Schon durch die vielen Gespräche, die Natascha Kampusch mit Eichinger führte, war klar, dass die Chronik so detailgetreu und realistisch wie möglich ausfallen würde. Ein Trost in Form einer künstlerischen Überhöhung oder auch nur eines harmonieseligen Happy Ends war also nicht zu erhoffen.

Tatsächlich verzichten Regisseurin Sherry Horman ("Wüstenblume", "Anleitung zum Unglücklichsein") und ihr Ehemann, Kameralegende Michael Ballhaus ("Die Ehe der Maria Braun", "Die Farbe des Geldes"), weitgehend auf filmische Kniffe. Zu Beginn ein paar Streiflichter auf Nataschas Konflikte mit den getrennt lebenden Eltern, dann, am hellen Tag, der Überfall: Wolfgang Priklopil zerrt das Kind in einen Lieferwagen. Er lässt es hungern – zeitweise wog Natascha als Teenager nur 38 Kilo -, er trommelt ihr über die Abhöranlage das Mantra "Gehorche!" ein, er behauptet, dass ihre Eltern kein Lösegeld zahlen wollen, verprügelt sie und beschimpft sie. Kurz: Er will sie brechen.

Aber er schenkt ihr auch Bücher, lässt sie nach zwei Jahren zum ersten Mal aus ihrem Verlies. Und dann will er sie zu seiner Sklavin abrichten, die ihn bedient, und die, abgemagert und kurzgeschoren wie eine KZ-Gefangene und mit Kabelbinder gefesselt, mit ihm ins Bett muss.

Amelia Pidgeon als kindliche Natascha und Antonia Campbell Hughes als Heranwachsende verkörpern ein introvertiertes Mädchen, das jeden Strohhalm ergreift, um durchzuhalten. Wie Tom Hanks in der Robinsongeschichte "Cast Away – Verschollen" bastelt sie sich ein Gegenüber. Das Lesen und die schreibende Selbstvergewisserung – sie führt auf Klopapier Tagebuch – scheint die Rettung vor dem psychischen und physischen Terror gewesen zu sein.

Anders als in Kampuschs eigenem Buch kommen auch die Vergewaltigungen aufs Tapet. Und es ist dieser willensstarken jungen Frau hoch anzurechnen, dass sie auch hier gnadenlos ehrlich die Grauzonen des Sklavenverhältnisses ausleuchtet. Ein einziges Mal entsteht bei ihr so etwas wie Genuss – und dieser Kontrollverlust zieht prompt einen Selbstmordversuch nach sich. Die Frage, wieso sie Priklopil in den Momenten außerhalb ihres Kerkers nicht verlassen hat, stellt sich angesichts der Drohungen und fast lückenlosen Überwachung jedoch nicht mehr.

Priklopil, gespielt vom Dänen Thure Lindhardt, wird nicht als Monster gezeigt, sondern als erschreckend banales Würstchen. Seine Mutter versorgt ihn mit Bergen von vorgekochtem Essen. Ihre Rolle ist leider unterbelichtet – entwickelt der Film sich doch zum Psychogramm eines unscheinbaren Muttersöhnchens, das Angst vor erwachsenen Frauen hat; ein Psychopath, aber überlegt genug, um über Monate hinweg heimlich einen Kerker zu bauen.

Zwar denkt man gelegentlich auch an das Martyrium zwangsverheirateter Frauen. Tatsächlich aber scheint der kleinbürgerliche Despot mit seinem Sadismus und seinen Sehnsüchten geradewegs einem Ödön-von-Horváth-Drama entsprungen. Deshalb ist es umso bedauerlicher, dass der Film zugunsten internationaler Marktchancen auf deutschsprachige Schauspieler verzichtet – und auch auf das abgründig gemütliche österreichische Idiom, das auf Priklopils realsatirisches Spießertum wie die Faust aufs Auge gepasst hätte.

Oft sind die Schauspieler noch nicht einmal lippensynchron. Dieser Verfremdungseffekt beeinträchtigt dann doch erheblich die Intensität des ohnehin distanzierten Kammerspiels, das mit seiner Beobachterposition zwar an der Oberfläche verharrt, damit zugleich aber Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Menschen zur Kenntlichkeit zuspitzt.

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