23.02.13

Schul-Kanon

Welche Bücher Hamburgs Abiturienten 2013 lesen müssen

Goethes "Faust" ist kein Muss, Herrndorf wird gerne genommen, Regionales geht immer: Das ist der Kanon an Hamburgs Schulen im Jahr 2013.

Von Thomas Andre
Foto: dpa
Eine Goethe-Skulptur. Sein "Werther" gehlrt noch immer zu der klassischen Schulbuchlektüre
Eine Goethe-Skulptur. Sein "Werther" gehlrt noch immer zu der klassischen Schulbuchlektüre

Hamburg. Was muss ein Abiturient heutzutage gelesen haben, wenn er die Schule verlässt? Gibt es ihn noch, den bildungsbürgerlichen Kanon? Sollte es ihn überhaupt geben? Wer ist eigentlich Finn-Ole Heinrich?

Um mit der letzten Frage zu beginnen: Finn-Ole Heinrich ist ein Hamburger Autor von Romanen und Kinderbüchern, dessen Entwicklungsroman "Räuberhände" in diesem Jahr Prüfungsthema in Hamburg ist. Das Deutsch-Abitur ist also sehr im Heute verankert, denn Heinrichs Buch erschien 2007. Und wenn ein Schüler aus Ottensen oder Farmsen, aus Poppenbüttel oder Lurup in diesem Jahr sein Abitur ablegt, dann beschäftigt er sich beim Thema "Grenzüberschreitungen: Identität und Kultur" nicht nur mit Heinrich, sondern auch mit Fatih Akins Film "Auf der anderen Seite".

Nun ist es so, dass der 30-jährige Heinrich nach weitläufiger Meinung nicht zum Kanon dessen gehört, was "man gelesen haben muss". Trotzdem ist die Lektüre der "Räuberhände", die von Freundschaft und einer Reise nach Istanbul erzählen, eine gewinnbringende für gerade erwachsen werdende Leser. Wer erkennt sich schon in Faust wieder oder in Gretchen?

Ja, die Frage nach der richtigen Leseliste ist so alt wie der Deutschunterricht selbst. Ob Schillers Dramen noch zeitgemäß sind oder Lessings Stücke repräsentativ in ihrer Welthaltigkeit, ist Gegenstand vieler Debatten gewesen. Die einen schütteln beim Blick in die ollen Kamellen den Kopf, die anderen wettern gegen den Untergang des Abendlandes, wenn keiner mehr aus dem "Faust" zitieren kann. In den Bildungsplänen der Freien und Hansestadt kann man nachlesen, was Hamburger Schüler gelesen haben müssen. Und das ist zunächst einmal: nicht viel. Zumindest, wenn es um Namen geht.

Die tauchen nämlich in den Rahmenplänen kaum noch auf. Wo früher die Bildungsbehörde Autoren vorschlug, zielen die Vorgaben jetzt eher ins Allgemeine und auf die grundsätzlichen Lesekompetenzen von Schülern. Die Lehrer entscheiden selbst über den Lesestoff. Das klingt nach dem Gegenteil von Kanon, täuscht jedoch über den wahren Sachverhalt etwas hinweg. Denn neben Heinrich/Akin stehen 2013 zwei weitere Themen im Deutsch-Abi zur Auswahl: die Exillyrik (u.a. Brecht, Kaléko, Kraus, Lasker-Schüler) und Goethes "Werther".

Einen Kanon, sagt Volker Wolter, Schulleiter des Gymnasiums Rahlstedt und seit über 30 Jahren Deutschlehrer, "den gibt es nicht mehr". Aber zumindest kanonische Merkmale, die durch das Zentralabitur vorgegeben werden. Und auch in der Mittelstufe lesen Hamburger Gymnasiasten und Gesamtschüler viel vom Langgedienten, einfach, weil sich Heine, Büchner und Fontane bewährt haben. Und es ist auch nicht so, dass sich hinsichtlich der Durchlässigkeit für Neueres viel geändert hätte.

Wo früher pralle Romane aus fremden Lebenswelten ("Das Parfum", "Schlafes Bruder") behandelt wurden, werden heute die Jugendromane von John Green und Herrndorf gelesen.

Besser als vermeintliche Pflichtstoffe, erklärt Heinz Grasmück, sei konzeptionelles Arbeiten mit Texten und Themen. Grasmück ist Referent für Deutsch und Künste in der Bildungsbehörde, in einer Kommission mit Lehrern, Lehrerfortbildern und Schulaufsehern besorgt er den Bildungsplan für Hamburger Schüler. Wichtiger als ein Kanon ist ihm projektbezogenes Arbeiten, etwa mit interkulturellen Schwerpunkten. Im Abi mit dem interdisziplinären Doppel Heinrich/Akin; oder im Bereich der Exillyrik. "In der Gesamtschule Mümmelmannsberg haben Schüler eine Anthologie veröffentlicht, in der sie über eigene migrantische Herkunft schreiben", berichtet Grasmück.

Einig sind sich die Lehrer in der Beteiligung der Schüler an der Auswahl der Unterrichtsstoffe. Darüber hinaus ist es von Schule zu Schule verschieden, wie sich die nicht vom Zentralabi vorgeschriebenen Unterrichtseinheiten gestalten. Meist werden sie von den Deutschlehrern gemeinsam abgestimmt. Jochen Stüsser, Deutschlehrer am Christianeum, verteilt unter seinen Schülern Lektüreempfehlungen. "Jeder, der ein Buch liest, kann sich darüber prüfen lassen und seine Note verbessern", sagt Stüsser. Auf seiner Vorschlagsliste stehen aktuelle Klassiker aus allen Epochen (Hölderlin, Kleist, Stifter, Keller, Kafka, Thomas Mann), Weltliteratur (Proust, Joyce, Dostojewski) und jede Menge Gegenwartsliteratur: Alina Bronsky, Thomas Glavinic, Daniel Kehlmann, Ursula Krechel.

Stüsser macht auch Krimi-Projekte (mit Poe, Chandler, Hammett), sagt aber: "Die Klassiker funktionieren immer noch." Der "Faust" müsse so behandelt werden, dass er Interesse wecke - was wohl zu allen Zeiten so war. Stüssers Rahlstedter Kollege Wolter legt wert auf die Feststellung, dass die Wahlfreiheit der Stoffe keineswegs zu einem Weniger an klassischen Stoffen führe. "Die aktuelle Literatur ist meist zeitgebunden, von vielen Titeln, die vor fünf Jahren gelesen wurden, spricht heute niemand mehr", sagt er.

Was auffällt, ist das Bemühen um regionale Stoffe. In Rahlstedt haben sich die Schüler mit dem Erbe Detlev von Liliencrons beschäftigt, der ganz in der Nähe des Gymnasiums lebte; im Christianeum wird vielleicht noch häufiger als anderswo Siegfried Lenz gelesen, der, wie das altsprachliche Gymnasium, in Othmarschen zu Hause ist. Hauke Bitter ist Lehrer in der Mittelstufe an einer Gesamtschule in Winterhude, er sagt: "Ich würde gerne viel mehr lesen lassen - etwa als Klausurersatzleistung, aber leider dürfen wir nur begrenzt die Anschaffung von Büchern fordern. Unsere Schulbibliothek hat keine große Auswahl, und in die Bücherhallen finden viele den Weg nicht."

Einen Weg finden durch das üppig bestellte Feld der Literatur, das ist die Aufgabe des Deutschunterrichts. Man war sich selten einig und diskutiert auch heute noch, welche Schneisen er dabei unbedingt schlagen muss und welche Seitenpfade er dabei nehmen darf. Gereicht hat es auch vor 25 oder vor 15 Jahren nicht, einfach mit den berühmten gelben Heftchen in den Klassenraum zu marschieren und über "Kabale und Liebe" und "Emilia Galotti" zu räsonieren. Heute kann man noch weniger als früher tabellarisch aufführen, was ein Hamburger Abiturient gelesen hat. Es kommt auch darauf an, welche Vorlieben seine Lehrer hatten.

Wäre Literaturhaus-Chef Rainer Moritz Lehrer, er würde jeden Abiturienten vier Evergreens (Goethe, Fontane, Schnitzler, Kafka), einen modernen Klassiker (Marlen Haushöfers "Die Wand") und zwei relative Frischlinge (Herrndorfs "Tschick", Jochen Schmidts "Schneckenmühle") lesen lassen. "So würde das aussehen, müsste ich mich um keinen Lehrplan kümmern", sagt Moritz.

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