28.01.13

Gast bei Lessingtagen

"Ich glaube, dass China bald zerbricht"

Der chinesische Dissident Liao Yiwu spricht im Abendblatt-Interview über ein Großreich, dessen Krisen und das Leben im Berliner Exil.

Von Annette Stiekele und Hans-Juergen Fink
Foto: www.malzkornfoto.de
Die sichtbaren und die unsichtbaren Gefaengnisse
Liao Yiwu, 54, im Hubertus-Wald-Forum der Hamburger Kunsthalle vor dem 17 Meter breiten Gemälde "Dam" des chinesischen Künstlers Meng Huang

Hamburg. Mit einem so großen Andrang hat Liao Yiwu wohl selbst nicht gerechnet. Hin und wieder huscht ein Lächeln über das asketisch wirkende Gesicht des Mannes, der bis heute in Erinnerung an seine Inhaftierung den Kopf kahl geschoren trägt. Angereist ist er für die große Rede zur Eröffnung der Lessingtage im Thalia Theater. Am Abend vorher drängeln sich bei der Ausstellung "Die sichtbaren und die unsichtbaren Gefängnisse" 300 Menschen im Hubertus-Wald-Forum der Hamburger Kunsthalle. Nicht nur Wolf Biermann hat eine herzliche Umarmung für den chinesischen Dissidenten und diesjährigen Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels.

Für die Veröffentlichung seines Gedichts "Massaker" über die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung am 4. Juni 1989 auf dem Tiananmen-Platz mit geschätzt 3000 Toten saß Liao Yiwu vier Jahre im Gefängnis. Er erlitt Repressalien und Folter und setzte sich 2011 über Vietnam nach Berlin ab, wo er heute lebt. Bei Dim-Sum und einem Glas Bambusschnaps gibt Liao Yiwu Einblicke in sein neues Leben in Freiheit.

Hamburger Abendblatt: Fühlt sich die Entscheidung, in den Westen zu gehen, immer noch richtig an?

Liao Yiwu: Ich hatte ja keine andere Wahl. Die Polizei hatte mir gesagt, wenn du dein Buch in Taiwan oder Deutschland herausbringst, drohen dir über zehn Jahre Gefängnis. Die Frage stellte sich also nicht. Es war notwendig. Ohne die Veröffentlichung des Buches hätte ich nicht überleben können. Es war also eine Entscheidung zwischen Gefängnis und Verhungern.

Abendblatt: Verkaufen sich Ihre Bücher in China unter dem Ladentisch noch gut?

Liao: Darüber weiß ich nichts.

Abendblatt: Wie erleben Sie vor dem Hintergrund Ihrer Erfahrungen in China die westliche Lebensweise? Das muss anfangs ein ziemlicher Kulturschock gewesen sein.

Liao: Ich habe in der westlichen Welt eine Umgebung zum Schreiben gefunden. In Freiheit kann ich meinen Landsleuten besser helfen, als es mir in China vergönnt war. Ich habe ja viele Interviews mit einfachen Leuten in China geführt und dachte, ich muss das vollenden. Dort hätte ich Meng Huangs Bild niemals zeigen können. Jetzt kann ich Menschen wie ihm helfen. Bei dem Schriftsteller Li Bifeng habe ich es zumindest versucht.

Abendblatt: Wie beurteilen Sie das Engagement des Westens für verfolgte Künstler wie Ai Weiwei?

Liao: Es besteht die Gefahr, wie bei Ai Weiwei, den Künstler als Marke zu begreifen und dabei stehen zu bleiben. Dann wird das westliche Engagement nichtssagend. Man muss auch die Inhalte transportieren. Er muss seine Werke ausstellen können, sonst hilft es niemandem. Für diese Ausstellung haben wir dieses Kunstwerk unter Lebensgefahr aus China herausgeschafft. Wir sind mit dieser Ausstellung dicht an den Inhalten. Wir haben auch die unter Hausarrest stehende Liu Xia zu Hause besucht.

Abendblatt: Für wie lange richten Sie sich ein, im ausländischen Exil zu leben?

Liao: Ich hoffe und glaube, dass das chinesische Imperium bald zerbricht. Dann kann ich in meiner Heimat ein selbst bestimmtes Leben führen und in ein unabhängiges Sichuan zurückkehren. Wenn ich mit einer Regierung nicht einverstanden bin, gehe ich eben in ein anderes Land. Wenn man sich die Geschichte anschaut, ist es nur folgerichtig, dass das chinesische Großreich zerbrechen muss.

Abendblatt: Sehen Sie aktuell konkrete Anzeichen dafür?

Liao: Schon. Ich finde, die kommunistische Partei hat die Sache immer weniger im Griff. Man muss nur nach Ex-Jugoslawien schauen oder in die ehemalige Sowjetunion, um zu wissen, dass es passieren wird.

Abendblatt: Gab es Versuche, Sie nach China zurückzulocken?

Liao: In Australien kam die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua auf mich zu und wollte mir garantieren, dass mir nichts widerfährt, wenn ich zurückginge. Aber das habe ich natürlich nicht geglaubt. Die großen Zeitungen in China haben Texte über mich veröffentlicht. Demnach bin ich als Feind des chinesischen Staates geflohen. Es wird auch behauptet, ich sei geisteskrank. Ich würde China mit erlogenen Geschichten schlecht machen.

Abendblatt: Gibt es aktuell Drohungen gegen Sie oder auch gegen Freunde und Angehörige?

Liao: Zwei Monate nachdem ich hierhergekommen war, haben sie meinen Freund, den Schriftsteller Li Bifeng, zu zwölf Jahren Haft verurteilt und eingesperrt. Er wurde dreifach verurteilt. Anlässlich des Massakers, wegen Reportagen über Arbeiteraufstände und weil er mir angeblich zur Flucht verholfen hätte. Wenn ich jetzt nach China ginge, wäre klar, was sie mit mir machen würden.

Abendblatt: Sie setzen sich weiterhin mit dem Thema Unterdrückung auseinander. Was beschäftigt Sie aktuell?

Liao: Ich habe Lesungen in der ganzen Welt abgehalten. Mich interessiert jetzt auch, wie es meinen Landsleuten im Westen geht. Wie sie als Asylanten zum Teil unter erbärmlichen Bedingungen leben. Außerdem beschäftigt mich die tibetische Frage sehr stark. Die inzwischen 100 Selbstverbrennungen seit 2009 sind eine Katastrophe. Ich schreibe ein neues Buch, das 2015 erscheinen soll. Darin wird es erneut um China gehen. Es wird von meiner Flucht handeln.

Abendblatt: Welche Langzeitwirkungen der Repressalien spüren Sie heute?

Liao: Ich denke immer, ich muss schreiben und Musik machen. Dann geht es. Außerdem bin ich bin viel unterwegs. Wenn ich mal schlaflos bin, trinke ich einen Schnaps. Manchmal verfluchen mich nächtliche Anrufer.

Abendblatt: Ist das eines von den 'unsichtbaren Gefängnissen'?

Liao: Schon, aber ich lebe jetzt zum Glück wirklich in einem freien Land.

Abendblatt: Sie leben getrennt von Ihrer Heimat, Ihrer Sprache, Ihrer Tradition. Was fehlt Ihnen am meisten?

Liao: Die Freiheit ist das höchste Gut. Die Kommunistische Partei hatte mich hart im Griff. Ich bin sehr froh, dem nicht mehr ausgesetzt zu sein.

Abendblatt: Anfangs erzählten Sie von Schuldgefühlen, weil Sie im Westen leben können und andere nicht. Wie gehen Sie damit heute um?

Liao: Ich habe keine Schuldgefühle, aber ich spüre nach wie vor eine große Verantwortung für die Schriftsteller, die im Gefängnis sitzen. Ich habe einen großen Einfluss hier. Den setze ich ein, wo immer es geht.

Abendblatt: Sie haben als Oppositioneller eine rigide Sichtweise. Mo Yan, der in diesem Jahr den Literaturnobelpreis erhalten hat, haben Sie harsch als angepassten Autor kritisiert. Kann es nicht mehrere Wege der Opposition geben?

Liao: Man kann verschiedener Auffassung sein, was Literatur angeht. Aber Mo Yan hat eine Grenze überschritten, unter anderem, als er sagte, Zensur sei nur ein Security-Check. Das ist inakzeptabel. Viele meiner Freunde sitzen wegen Zensurproblemen im Gefängnis.

Abendblatt: In Ihrem aktuellen Buch "Die Kugel und das Opium" schreiben Sie bezogen auf das Massaker am Tiananmen-Platz am 4. Juni 1989, dass die Inhalte, für die die Verfolgten und Ermordeten eingetreten sind, in China heute nichts mehr gelten würden. Die Leute, die im Gefängnis überlebt haben und rausgekommen sind, müssen das Gefühl haben, es war alles umsonst?

Liao: Durch mein Buch, dadurch dass ich die Geschichte bewahre, zeige ich, dass es nicht umsonst war. Bei meinen Lesungen in aller Welt erfahre ich ein starkes Interesse an dem Thema. Es gibt im Westen eine Menge Material dazu. Das ist für mich ein Trost.

Abendblatt: Sie arbeiten sich an der Vergangenheit ab. Ist es vorstellbar, dass Sie einmal nicht mehr daran denken?

Liao: Das ist ein langfristiger Prozess. Wenn ich jemandem helfen konnte, habe ich das Gefühl, dass ich es ein Stück überwinde. Aber als Li Bifeng ins Gefängnis ging, warf man mir vor, ich hätte mich in den Westen entzogen. Da habe ich drei Nächte lang nicht geschlafen.

Abendblatt: Wie steht es heute um die Demokratiebewegung in China?

Liao: Ich sehe, was im Internet auf vielen Kanälen passiert. Es gibt jedes Jahr eine Gedenkveranstaltung in Hongkong, auf der Hunderttausende Menschen auch vom Festland der Opfer gedenken. Der Bürgerrechtler Li Wang-yang hat dort über die Zustände in den chinesischen Gefängnissen berichtet. Daraufhin wurde er 2012 getötet. Offiziell war es Suizid.

Abendblatt: Ist die Sehnsucht nach Demokratie verdeckt von den neuen Konsumwelten, jetzt, wo China eine rasant wachsende Wirtschaftsmacht ist?

Liao: Das finde ich nicht. Das historische Gewissen ist ungebrochen. Und es ist nach wie vor lebendig.

Abendblatt: Im Westen ist der Glaube verbreitet, dass der Reformprozess China automatisch in eine Demokratie verwandelt. Warum funktioniert das nicht?

Liao: Das wirtschaftliche Wachstum hat mit der Bevölkerung nichts zu tun. Je rasanter sich die Gesellschaft entwickelt, desto verachtenswerter werden die Verhältnisse. Auf Kosten der Arbeiter und der Umwelt. Ich wünsche mir eine pluralistische Gesellschaft für das Großreich China, in der jeder nach seiner Fasson leben kann. Wenn sich die Tibeter einen religiösen Führer als Oberhaupt wünschen, bitte sehr.

Abendblatt: Wie kann ein Szenario aussehen, in dem das Großreich zerfällt?

Liao: Wenn eine schlechte, grausame Regierung an der Macht ist, muss sie einfach irgendwann zerbrechen. Das ist in der Geschichte immer so gewesen. Dann ist das 'Mandat des Himmels' verloren, ich glaube fest daran.

Dolmetscherin: Martina Hasse

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