19.01.13

Ehrentag

Beim Wotan! So viel Wagner war noch nie

Zum 200. Geburtstag des Komponisten gibt es haufenweise Bücher, CDs und DVDs, Wichtiges und Skurriles. Der Versuch eines Überblicks.

Von Joachim Mischke
Foto: Knesebeck Verlag/Andreas Völlinger und Flavia Scuderi
Der Komponist im Comic "Wagner - Die Graphic Novel" von Völlinger/Scuderi, der im Mai im Knesebeck Verlag erscheint
Der Komponist im Comic "Wagner - Die Graphic Novel" von Völlinger/Scuderi, der im Mai im Knesebeck Verlag erscheint

Hamburg. Gerade jetzt hat man es nicht leicht als bekennender Wagnerianer. Was weniger daran liegt, dass es immer noch Zeitgenossen gibt, die diese Begeisterung für den Gesamtkunstwerker und seine Musik nicht nachvollziehen mögen. Schon Loriot hatte im "FAZ"-Fragebogen auf "Ihr Lieblingsmaler?" mit "Wagner hat nie gemalt" geantwortet, und das war garantiert nicht komisch gemeint.

Man hat es aber auch deswegen nicht leicht, weil sich die Neuveröffentlichungen mühelos zu etlichen Kilos Lebendgewicht summieren können, außerdem gehen Opernkarten und anderes Zubehör zur Suchtbefriedigung schnell ins Geld.

Nie wird so viel Wagner gewesen sein wie 2013, im Guten wie im Faden. Schon vor Beginn der Jubiläumsfeierlichkeiten zum 200. Geburtstag, die er sich mit Verdi teilt (als Nebenjubilare sind auch Britten und Corelli zu würdigen), meldeten sich die ersten Gratulanten zu Wort, oft sehr ausführlich.

Bei den reinen Biografien stehen derzeit mindestens vier neu zur Auswahl: Sehr kompakt und verlässlich wird der Lebenslauf in "Richard Wagner" (C.H. Beck) von Egon Voss abgebildet; Iris Winklers "Schönheit, Glanz, Wahn. Richard Wagner und die Magie der Musik" (Bloomsbury) ist für sehr viel jüngere Leser als die übliche Wagner-Stammkundschaft gedacht.

Fortgeschrittenere können sich wie früher bei der Geschmacksfrage "Beatles oder Stones?" zwischen den Expertenmeinungen von Martin Geck und Udo Bermbach entscheiden. Der Hamburger Politologe Bermbach, als Vielschreiber bekannt, leitet in "Mythos Wagner" in bewährter Weise und aus der Perspektive des Historikers durch Leben, Vertonen und Denken seines Studiensubjekts. Der Musikwissenschaftler Geck dagegen ist mehr der kritische Gourmet, dem auch nicht immer alles klar ist und der voraussetzt, dass seine Leser vorgebildet sind und mehr erfahren wollen als das gängige Was, Wann, Wo und Warum.

Der Devise "Doppelt erhellt besser" folgen zwei Autoren: Der Historiker Eberhard Straub legte mit "Wagner und Verdi" (Klett-Cotta) im November die erste Gegenüberstellung vor, die beide als europäische Größen betrachtet. Mitte Februar folgt mit "Liebestod. Wagner, Verdi, Wir" (Hoffmann und Campe) des Musikjournalisten Holger Noltze die zweite Aufarbeitung von Gemeinsamkeiten und Trennendem des Gegensatzpaars.

Das vielleicht skurrilste Buch für Wagnerianer, die schon alles zu wissen glaubten, erscheint im März: Im Herbst hatte Kerstin Decker in "Nietzsche und Wagner: Geschichte einer Hassliebe" (Propyläen) die x-te Analyse der Männerfreund- und -feindschaft zwischen dem Philosophen und dem Komponisten vorgelegt. Als Nächstes würdigt sie die bekanntesten Vierbeiner der Musikgeschichte, allen voran den Neufundländer Robber und den Zwergspaniel Peps, in "Richard Wagner. Mit den Augen seiner Hunde betrachtet" (Berenberg). Joachim Köhler arbeitet sich in "Der lachende Wagner. Das unbekannte Leben des Bayreuther Meisters" (Heyne) an einer weiteren Nebensache ab. Im Vorwort schreibt Köhler: "Wagners Humor gilt als heikel, die Forschung meidet ihn wie ein Minenfeld." Danach erfährt man auf 260 nicht immer amüsanten Seiten, warum.

Ebenfalls nicht immer amüsant ist die Lektüre von "Mein Leben mit Wagner" (C.H. Beck), für das die "Zeit"-Musikkritikerin Christine Lemke-Matwey bündelte und bearbeite, was ihr der Dirigent Christian Thielemann erzählte. Viel Biografisches ist bekannt, das bot bereits anno 2003 ein Vorgängerwerk aus der Feder von Kläre Warnecke. Dafür plaudert Thielemann ausführlich nicht aus dem Nähkästlein, sondern darüber, wie es so ist und klingt im Bayreuther Graben, der so klingt wie kein anderer auf der Welt.

Seinen autobiografischen Aufzeichnungen gab Gottfried Wagner, Komponisten-Urenkel und für die derzeitigen Herrscherinnen des Grünen Hügels wohl vor allem Nestbeschmutzer, anno 1997 den Titel "Wer nicht mit dem Wolf heult", der sich auf die Hitler-Nähe des Wagner-Clans im Dritten Reich bezog. Im März will er mit "Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Richard Wagner - ein Minenfeld" (Propyläen) mit Kritik an den Machthaberinnen und Schriftgut-Verheimlicherinnen nachlegen.

Vom wagnerschen Tonfall sind die Wortschöpfungen der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek Welten entfernt. Gerade deswegen dürfte spannend werden, was sie im März in ihrem Bühnenessay "Rein Gold" (Rowohlt) zur Sprache bringt. Basierend auf der großen Abschiedsszene Wotans von seiner Lieblingstochter Brünnhilde am Ende der "Walküre" soll es hier um die Bedeutung von Gold und Geld, um Macht und Ohnmacht in unserer Gegenwart gehen.

Wer fühlen will, muss aber neben der Lektüre auch hören. Dafür bieten sich zwei dekorative Bilderbuch-Tenöre an, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Das dunklere Timbre von Jonas Kaufmann dominiert seine Zusammenstellung von Parade-Episoden aus den Opern, ergänzt durch eine interessante Rarität: die für Männerstimme arrangierte Orchesterfassung der Wesendonck-Lieder (Decca). Klaus Florian Vogt - langjähriger Hornist bei den Hamburger Philharmonikern, bevor er das Instrument an den Nagel hängte - und sein heller, fast weißer Tenor ist bei gleichem Repertoire ein harter Kontrast dazu (Sony).

Den ganzen "Ring" bietet eine spektakuläre 8-DVD-Box (DG, auch als BluRay erhältlich) mit der 16 Millionen Dollar teuren Produktion, die Robert Lepage ab 2010 an der New Yorker "Met" präsentierte. Star neben den Stars wie Bryn Terfel als Wotan und Deborah Voigt als Brünnhilde war ein Bühnenbild - eine hochkomplexe Maschine für alle Teile des Zyklus.

Mit diesem Hightech-Spektakel kann die Hamburgische Staatsoper dann doch nicht mithalten. Dafür punktet sie vom 12. Mai an mit dem einzigartigen Angebot, unter der passenden Überschrift "Wagner-Wahn" die zehn großen Opern in wenigen Wochen zu zeigen. Und wenn das Wagner-Jubiläum am 31. Dezember 2013 endet, ist keineswegs Ruhe. Dann ist Richard-Strauss-Jahr.

Am 19. Februar erscheint "Richard Wagner. Nimm meine ganze Seele zum Morgengruße. Die schönsten Briefe" (hg. v. Joachim Mischke) beim Hamburger Verlag Hoffmann und Campe.

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