29.12.12

Hamburger Kunsthalle

Stefan Brandt ist der neue Kunst-Manager

Stefan Brandt ist der neue Geschäftsführer der Hamburger Kunsthalle und hat schnell gemerkt: Hier ist Improvisationstalent gefragt.

Von Matthias Gretzschel
Foto: Roland Magunia
Stefan Brandt, Geschäftsführer der Kunsthalle, vor Hans Makarts "Der Einzug Kaiser Karls V. in Antwerpen"
Stefan Brandt, Geschäftsführer der Kunsthalle, vor Hans Makarts "Der Einzug Kaiser Karls V. in Antwerpen"

Hamburg. Wenn Stefan Brandt über seinen Werdegang erzählt, geht es immer auch um 1989, um die große Zäsur der jüngsten deutschen Geschichte, die nicht nur für das ganze Land, sondern auch für ihn ganz persönlich fast alles verändert und völlig neue Möglichkeiten eröffnet hat. Müßig zu fragen, was aus einem wie ihm geworden wäre, wenn sich ihm nicht die Chancen geboten hätten, die vor dem Zusammenbruch des SED-Regimes noch im wahrsten Wortsinne undenkbar waren, sich aber schon bald danach eröffneten, wenn man jung war und begabt genug, sie auch zu ergreifen.

Stefan Brandt, seit 1. Oktober neuer Geschäftsführer der Hamburger Kunsthalle, stammt aus Weimar, jener thüringischen Provinzstadt mit kultureller Weltgeltung. Als auch dort die Montagsdemonstranten die DDR-Diktatur aus den Angeln hoben, war er gerade Gymnasiast, und damit schon alt genug, das dramatische Geschehen sehr wach mitzuerleben. Als Kind von Lehrern wuchs er in einer bildungsbürgerlichen Atmosphäre auf. Natürlich war ihm die Schizophrenie des DDR-Alltags vertraut, wo man genau unterscheiden musste zwischen dem einen, was zu Hause gesagt, und dem anderen, was in der Schule und der Öffentlichkeit geäußert werden durfte. "Diesen Druck habe ich sehr stark gespürt, umso befreiender war das Erlebnis der Wende, die fast über Nacht so vieles möglich gemacht hat", sagt Brandt, der sich schon damals viel stärker für politische Entwicklungen interessierte als viele seiner Altersgenossen im Westen.

Als Sechsjähriger hatte er begonnen Geige zu lernen, bald spielte aber der Gesang für ihn eine größere Rolle. Er sang im Kinderchor, übernahm auch eine Kinderrolle am Theater, und dass er später auch beruflich mit Kunst zu tun haben wollte, war ihm schon als Abiturient klar. Also studierte er zunächst in Detmold und dann in Basel Gesang und parallel Musikwissenschaft, entschied sich aber schließlich gegen eine Laufbahn als Sänger. 2004 promovierte er in Basel über ein Thema zur Barockoper.

"Schon während des Studiums habe ich mich für Kulturmanagement interessiert, habe Praktika gemacht und mir dabei die Frage gestellt, wie sich Kulturkompetenz und wirtschaftliche Kompetenz sinnvoll verbinden lässt. Ich selbst hatte damals freilich noch nicht viel Ahnung von wirtschaftlichen Zusammenhängen", meint Brandt. Das sollte sich ändern, erste praktische Erfahrungen sammelte er noch in Basel, wo er ein eigenes freies Opernensemble aufbaute, für das er auch ökonomisch verantwortlich war. Eher durch Zufall kam er zu einem Praktikum bei der Unternehmensberatung McKinsey. Daraus wurde eine siebenjährige Tätigkeit, bei der der promovierte Musikwissenschaftler sein Ziel, im Kulturbereich tätig zu sein, freilich nie aus dem Blick verlor. Er folgte seiner Frau, einer Musikwissenschaftlerin, nach Wien und arbeitete für das dortige McKinsey-Büro, war aber vor allem unterwegs. "Das war eine spannende Zeit, aber trotzdem fehlte mir etwas. Ich wollte auf Dauer nicht nur Dinge anstoßen, sondern sie auch umsetzen, etwas gestalten und dafür verantwortlich sein", sagt Brandt, der inzwischen mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern nach Zürich gewechselt war, wo er in einem kleineren Schweizer Unternehmen Managementerfahrungen sammeln wollte.

Als er von der Ausschreibung der Geschäftsführer-Stelle der Hamburger Kunsthalle las, schickte er keine große Bewerbungsmappe, sondern seinen Lebenslauf per Mail. "Ich habe mir nicht so wahnsinnig viel davon versprochen, dachte aber schon, dass die Stelle gut für mich passen könnte. Außerdem habe ich einen familiären Hamburgbezug, denn meine Frau stammt von hier", sagt Brandt, der allerdings bald feststellte, dass die Hamburger Museumsszene nicht gerade auf Rosen gebettet ist.

Geschreckt hat ihn das nicht. Bevor er seinen Vertrag unterschrieb, war ihm klar, dass er damit die Verantwortung für ein Haus übernimmt, das eben nicht auskömmlich finanziert ist. "Ich glaube, dass wir es immer wieder schaffen können, das aus eigener Kraft auszugleichen, solange die Lage nicht noch schwieriger wird, als sie es ohnehin schon ist", meint Brandt. Er weiß genau, dass er sich keinen einzigen Flop, keine einzige große Ausstellung leisten kann, die vom Publikum nicht angenommen wird, will die Kuratoren aber auch nicht ständig wirtschaftlich unter Druck setzen. Denn er möchte eben nicht nur Projekte realisieren, bei denen nichts schiefgehen kann, sondern auch solche, die dem Publikum Neues, Spannendes und Unerwartetes bieten. Dafür wird er auch Risiken eingehen, doch müssen diese zumindest kalkulierbar sein, was ihm bei einem Museum, das eine Eigenfinanzierungsquote von stolzen 50 Prozent erwirtschaftet, immerhin möglich erscheint. Weiß er doch, dass selbst große internationale Häuser in Wien oder Berlin deutlich weniger Sponsorengelder einwerben, als das für die Hamburger Kunsthalle schon fast selbstverständlich ist.

Wenn Stefan Brandt durch die Sammlung geht und dabei sieht, wie hoch deren Qualität tatsächlich ist, genießt er es, Verantwortung für dieses Haus zu tragen. Allerdings fragt er sich manchmal, ob allen in der Stadt tatsächlich bewusst ist, was sie an ihrer Kunsthalle haben: "Es ist wirklich ein Museum von europäischem Rang, und irgendwann muss die Politik trotz aller nachvollziehbarer Sachzwänge die Frage beantworten, ob sie die Kunsthalle in die Lage setzen will, diese internationale Rolle auch auszufüllen. Oder ob wir immer weiter improvisieren und Löcher stopfen sollen." Dass eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe vor ihm liegt, ist dem neuen Geschäftsführer ebenso bewusst, wie die Tatsache, wie stark zurzeit sein Improvisationstalent gefragt ist. Trotzdem wirkt Stefan Brandt optimistisch. Offenbar vertraut er darauf, dass sich Dinge nicht nur ständig verändern, sondern auch positiv entwickeln können. Das hat er schließlich selbst mehrfach erfahren.

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