26.11.12

"Dallas"-Star

Larry Hagman: Reich, böse, beliebt

Der US-Schauspieler ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Mit Paraderolle als Bösewicht J.R. Ewing in TV-Serie "Dallas" wurde er zum Star.

Von Matthias Heine
Foto: dpa

Der Schauspieler, der als skrupelloser J.R. Ewing in der Fernsehserie "Dallas" weltberühmt wurde, starb in einem Krankenhaus in Dallas

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Am 30. Juni 1981 wurde im Ersten Deutschen Fernsehen das Ende der Nachkriegszeit eingeleitet. An diesem Tag begann die Ausstrahlung der Serie "Dallas" in Deutschland. Und Larry Hagman als charmanter, manipulativer und durchtriebener Ölbaron J.R. Ewing ließ sowohl den rheinischen Kapitalismus der Adenauer-Erhard-Zeit als auch seine Widersacher - die sogenannten 68er - ganz alt aussehen.

Bis dahin waren Kapitalisten Männer wie Gert Fröbe gewesen. Unattraktive Typen, die mit 50 älter wirkten als die 70-Jährigen von heute. Vielleicht sahen sie im wirklichen Wirtschaftsleben nicht mehr so aus, aber doch im Film, im Fernsehen und ganz bestimmt in den Karikaturen der Zeitungen, wo sie noch bis weit in die Achtzigerjahre hin als dicke Männer im schwarzen Anzug mit Havanna und Homburg-Hut dargestellt wurden - am allerlängsten in der "Frankfurter Rundschau".

Die Szene, in der Gert Fröbe als Direktor Preysing 1959 im Film "Menschen im Hotel", bevor sie ins Bett gehen, zur Sekretärin Flämmchen sagt: "Du kannst die Strümpfe ruhig anbehalten", definiert die ganze Widerwärtigkeit der Idee, diese Typen könnten auch noch Sex haben. Noch Mario Adorf als Bauunternehmer Schuckert in Fassbinders "Lola"-Film war 1981 der gleichen gestrigen Vorstellung vom Unternehmer verpflichtet: ein Zigarren rauchender Puffgänger, der harte Unterleib des Honoratiorenkapitalismus gewissermaßen. Niemand, mit dem eine Frau es treiben würde, wenn er sie nicht mit seinem Geld zugeschissen hätte.

Auch J.R. Ewing trug einen Hut. Das war aber auch das Einzige, was ihn mit den deutschen Generaldirektoren und Baulöwen - zwei Wörter wie zwei altdeutsche Schrankwände - verband. Im Gegensatz zu ihnen hatte er echten Sexappeal. Zwar war seine männliche Ausstrahlung untrennbar amalgamiert mit der Aura von Macht und Geld, die ihn umgab - seine Geliebte, die Nachtklubsängerin Afton Cooper, hätte niemals mit einem armen Mann geschlafen. Aber hier standen sich Geschäftstüchtigkeit und erotische Anziehungskraft eben nicht als einander ausschließende Eigenschaften gegenüber, sondern sie wurden eins: J.R. Ewing war sexy, weil er reich war.

Die tollste Frau in der Serie hatte er sowieso. Nein, nicht Afton Cooper. Dass er mit diesem Dummchen verkehrte, kam uns Fernsehzuschauern immer mehr wie eine Pflichtübung vor. Sondern Sue Ellen. J.R.s Gattin erschien uns trotz oder gerade wegen ihres Alkoholproblems als attraktivste Frau des Ewing-Clans: eine tragische Mrs. Robinson, deren Schicksal davon kündete, dass die Liebe mit zunehmendem Alter nicht unkomplizierter werden würde, sondern dunkler und interessanter.

J.R. selbst erschien den damals 20 Jahre alten Punks und New Wavern wie ein Erlöser. Man war sowieso ständig auf der Suche nach Abgrenzungsmöglichkeiten von der schon etwas ranzig gewordenen linken Flokatifolklore der Siebziger. Also huldigte man diesem eleganten Haifisch im Meer des texanischen Rohstoffkapitalismus immer auch mit provozierender Absicht. So, wie man sich ein Jägerjackett mit den Hirschhornknöpfen aus dem Secondhandladen anzog, weil man wusste, dass man damit das Faschismusradar unserer pädagogischen Aufsichtspersonen durcheinanderbrachte.

Diese waren ja immer noch bestrebt, den Kapitalismus als etwas Tiefschwarzes und Abstoßendes darzustellen. Im Sozialkundeunterricht oder im Dritte-Welt-Laden - so genau war das nicht immer zu unterscheiden - zeigten sie uns den Dokumentarfilm "Septemberweizen", der die Spekulation mit Getreide als Hauptursache des Welthungers brandmarkte. Sie empfahlen uns Taschenbücher wie "Wirtschaftskrise und multinationale Konzerne" von Charles Levinson. Konzern war ja schon schlimm genug - aber multinational? Das war dann schon so etwas Ähnliches wie der Todesstern aus "Krieg der Sterne."

Wenn uns die Lektüre jener Sachbücher zu schwierig vorkam, dann wichen wir aus auf die didaktischen Comics "Marx, Lenin, Trotzki etc. für Anfänger", die um 1980 als zehntausend-, wenn nicht gar hundertausendfach verkaufte Bestseller die Druckerpressen von rororo verließen.

Diese Propaganda war durchaus noch erfolgreich. Aber mit dem Auftauchen von J.R. Ewing verflüssigten sich die Weltbilder. Man konnte gleichzeitig Ronald Reagan und Margret Thatcher hassen und zu "We Don't Need This Fascist Groove Thang" von Heaven 17 oder "Ghost Town" von den Specials tanzen und trotzdem J.R. Ewing dafür bewundern, dass er auf alles, woran wir im Grund immer noch glaubten - Moral, Regeln, Sozialpartnerschaft, SPD, Grüne - spuckte.

Deshalb versammelten sich junge Frauen und Männer mit ausrasierten Nacken jeden Dienstag um 21.45 Uhr vor dem Fernseher, bevor sie dann in Klubs gingen, die Leukoplast oder Rizz hießen - Namen, die ebenfalls eine deutliche Grenze gegenüber der graugrünen Naturfaserwelt der Älteren zogen. Und dort wurde dann vielleicht Musik von der deutschen Indie-Band "Cliff Barnes and the Fear of Winning" aus Osnabrück gespielt, deren Name dem J.R.-Gegenspieler und ewigen Loser der "Dallas"-Serie ironisch huldigte.

Dass man gleichzeitig Kommunist sein und dem rüden Charme des amerikanischen Kapitalismus erliegen konnte, hatte schon der junge Brecht vorgemacht, der in den Achtzigern durchaus noch ein Leitstern für Nachwuchsintellektuelle war. Für sein Stück "Die Heilige Johanna der Schlachthöfe" erträumte er sich im Jahr 1931 den Fleischfabrikanten Pierpoint Mauler - einen Typen wie J.R. Ewing. Einen, der die Konkurrenten genauso lässig Konkurs gehen lässt, wie der Texaner immer wieder Cliff Barnes zermalmt. Brechts "Dallas" hieß Chicago, und statt Öl floss Rinderblut. Aber die zwiespältige Faszination blieb die gleiche: Der Kapitalismus mochte ja mörderisch sein - aber Amerika war auch verdammt cool.

J.R. Ewing hat dann wieder auf das Theater zurückgewirkt: Die Darstellung des Shylock durch Gert Voss in Peter Zadeks legendärer Inszenierung "Der Kaufmann von Venedig" 1988 wäre ohne "Dallas" wohl nicht denkbar gewesen. Voss gab dem jüdischen Kaufmann Shylock, der von den Nazis zur antisemitischen, von den Nachkriegsregisseuren zum philosemitischen Klischee verzerrt worden war, seine Würde zurück, indem er ihn als zwar rachsüchtigen, aber zugleich auch coolen Spieler am Spekulationsroulettetisch porträtierte.

Im Grunde beginnt mit J.R. Ewing eine Veränderung der Werte in der Unterhaltungskultur, die bis heute nachwirkt: Dass in den großen Leitfernsehserien des letzten Jahrzehnts Mafiabosse ("Die Sopranos"), Wildwest-Halsabschneider, die ihre Opfer an Schweine verfüttern ("Deadwood") oder Drogenköche ("Breaking Bad"), zu Sympathieträgern wurden, ist auch eine Spätfolge der Sage von der Southfork Ranch. Nur der reale Kapitalismus jenseits der Fiktionen, ist - wie die Kinder der Achtzigerjahre seitdem in ihrem Berufsleben feststellen konnten - zwar weniger böse, aber auch viel langweiliger, als es uns einst in "Dallas" versprach.

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