09.11.12

TV: NDR

Wie die Menschen im Norden leben

Geburt und Tod, Alltag und Gefühle: "Der Tag der Norddeutschen" ist mit 17 Stunden Sendezeit die größte Produktion des NDR-Fernsehens.

Foto: dapd
Langer "Tag der Norddeutschen"
Die Regisseurin des Dokumentarfilmprojekts "Tag der Norddeutschen", Franziska Stünkel, an einer Pinnwand mit Steckbriefen der Protagonisten

Hamburg. Natürlich dürfen die ganz großen Momente nicht fehlen: Ein Mensch wird geboren, die Asche eines anderen während einer Seebestattung dem Meer übergeben. Den schwerstbehinderten Aron begleitet die Kamera in einem Kinderhospiz in Kellinghusen und die Strafgefangene Dijana im Frauengefängnis Vechta. Doch sonst überwiegt Alltägliches im "Tag der Norddeutschen". Der Film will einen ganz normalen Tag von 121 Menschen zeigen, die zwischen Weserbergland und Sylt, zwischen Ostfriesland und Usedom leben.

Am 11. Mai dieses Jahres hatte der NDR rund 100 Kamerateams und Autoren losgeschickt, um die zuvor von Radiohörern, Fernsehzuschauern und Redaktion ausgewählten Norddeutschen von 6 bis 0 Uhr zu begleiten. Dabei entstanden 700 Stunden Material, die von sieben Cuttern auf knapp 17 Stunden zusammengeschnitten wurden. Es ist die bisher größte Produktion des NDR Fernsehens.

Doch es gibt bereits Vergleichbares im deutschen Fernsehen: Am 5. und 6. September zeigte der RBB den inzwischen mehrfach, unter anderem mit dem Deutschen Fernsehpreis, ausgezeichneten Film "24 Stunden Berlin – Ein Tag im Leben". Wurden in dem RBB-Projekt 24 Stunden in der Hauptstadt anhand des Tagesablaufs ihrer Bewohner festgehalten, hat die NDR-Produktion diesen Ansatz auf den Norden Deutschlands und die Menschen, die dort leben, übertragen. In beiden Dokumentationen sprechen die Protagonisten für sich. Auf eine Kommentierung wurde verzichtet.

Es gibt allerdings gravierende Unterschiede: So ist "24 Stunden Berlin" nicht nur gut sieben Stunden länger als die NDR-Doku. Der RBB strahlte seinen Film auch nonstop ohne jede Unterbrechung aus. So viel Mut hatte der NDR nicht. Nicht nur dass die Hauptausgabe der "Tagesschau" und die NDR-Ländermagazine wie gewohnt auf Sendung gehen: Jede Stunde wird die Dokumentation von Regisseurin Franziska Stünkel für fünf bis 15 Minuten unterbrochen. Dann wird Moderator Hinnerk Baumgarten (NDR 2, "DAS!") live im Studio mit Menschen sprechen, die für das Projekt vor der Kamera standen.

Vermutlich will der NDR mit den vielen Unterbrechungen einer Überforderung seiner Zuschauer vorbeugen. Sie sind aber auch ein Beleg dafür, dass sich "Der Tag der Norddeutschen" trotz unübersehbarer Ähnlichkeiten mit "24 Stunden Berlin" grundsätzlich von der RBB-Doku unterscheidet: Über weite Strecken wirkt der NDR-Film wie ein gigantisches PR-Projekt in eigener Sache. Es dürfte kein Zufall sein, dass sich der Sender nicht wie der RBB einfach auf eine Metropole beschränkt, sondern paritätisch ausgewogen Einwohner aus dem gesamten Sendegebiet des NDR Fernsehens porträtiert. Von den 121 Mitwirkenden haben aber nur drei einen Migrationshintergrund, wie das Hamburger Institut für Migrations- und Rassismusforschung in einem offenen Brief an den Sender moniert. Der NDR erwidert, die Dokumentation erhebe nicht den Anspruch, "eine vollständig repräsentative demografische Abbildung der in Norddeutschland lebenden Berufs- und Altersgruppen, der Geschlechter oder z. B. der regionalen Verteilung" zu sein.

Kitschig-schöne Aufnahmen etwa von Hamburg und dem Nordseestrand, die in einer seriösen Dokumentation nichts zu suchen haben, überzuckern den "Tag der Norddeutschen". Zur Fiktionalisierung trägt zudem der exzessive Einsatz der vom hannoverschen Produzenten Mousse T. für das Projekt komponierten Filmmusik bei. Und natürlich gibt es auch einen Song zur Sendung, "Für immer" von Oceana.

Trotz dieser nicht unerheblichen Mankos ist "Der Tag der Norddeutschen" in seinen besten Momenten mehr als nur ein Werbefilm für Norddeutschland und den NDR. Die Doku, die die höchst unterschiedlichen Erlebnisse ihrer Protagonisten aneinanderreiht, wirkt keineswegs beliebig, was am sorgsamen Schnitt liegt. Und immer wieder finden sich Preziosen wie diese: Der jugendliche Sohn eines Bestattungsunternehmers sagt, dass er die traditionsreiche Firma übernehmen möchte. Wenig später ist er zu sehen, wie er gelangweilt Kränze aus einer Kapelle zu einem Grab trägt. Im Off erzählt er derweil, dass er eigentlich lieber für das Legoland arbeiten würde.

"Der Tag der Norddeutschen" Sa 10.11., 6 bis 0 Uhr, NDR

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