08.11.12

Vierkanttretlager

"Ein Plädoyer für die Unsicherheit"

Ein Gespräch mit der norddeutschen Band Vierkanttretlager über Heimat, Menschwerdung und Musik als großes Plädoyer für die Unsicherheit.

Von Dennis Sand, Marie-Theres Rüttiger, Anna-Maria Polke
Foto: Christian Alsan
Vierkanttretlager aus Husum: Heimat als heilender Effekt
Vierkanttretlager aus Husum: Heimat als heilender Effekt

Jung, hoch gehandelt und sehr norddeutsch. Spätestens seit sie beim Bundesvision Song Contest stilecht mit Akkordeonuntermalung und Seemannsmützen das Land Schleswig-Holstein repräsentierten, sorgt die Band Vierkanttretlager auch überregional für Aufmerksamkeit. Musikalisch vermengen sie das Erbe der alten Hamburger Schule mit befindlichkeitsorientierten Texten. Und finden zwischen Tocotronic und Tomte ihren eigenen Stil. Ein Gespräch mit Sänger Max Leßmann über Heimat, Menschwerdung und die Bedeutung seiner Musik als einem großen Plädoyer für die Unsicherheit.

Abendblatt: Max, ihr seit schon seit einiger Zeit unterwegs: Nach den großen Festivalauftritten jetzt auf ausgiebiger Clubtour. Wie beeinflusst das Dein Verständnis von Heimat?

Max: Heimat ist so ein Wort. Ich bin ja der Einzige der Band, der noch in Husum wohnt, wo wir alle zusammen aufgewachsen sind. Und ich bin tatsächlich nicht sehr häufig zu Hause. Vielleicht einmal im Monat für 3 Tage. Das verstärkt aber diesen heilenden Effekt im eigenen Bett zu schlafen. Sich mal 2 Tage keine Gedanken über irgendwelche Abläufe machen zu müssen und einfach mal kreativ sein zu können. Ich kann vor allem in Husum schreiben und daraus lässt sich ableiten, dass ich in letzter Zeit nicht besonders viel Zeit zu schreiben hatte.

Wie sehr hat Husum euch denn tatsächlich geprägt?

Max: Ich glaube, dass unsere Herkunft ein positiver Faktor für uns alle in unserer persönlichen musikalischen Entwicklung war. Auch weil es in Husum keine Jugendkultur gibt. Wir mussten uns keiner Szene anschließen, obwohl wir das bestimmt zu irgendeinem Zeitpunkt gewollt hätten. Aber es gab nicht die Möglichkeit sich irgendwo einzureihen. Deswegen mussten wir auch unseren Weg durch die Musikwelt sehr eigenständig und selbstständig suchen. Niemand hat uns vorgeschrieben, wie wir uns kleiden und was wir hören dürfen. Von daher glaube ich, dass dieses kleinstädtische viel dazu beiträgt, dass man seine eigene Einstellung finden kann.

Musiker aus deutschen Kleinstädten kokettieren im Moment sehr gerne mit Ihrer Herkunft. So auch Casper, mit dem ihr erneut zusammengearbeitet habt. Entwickelt die Provinz gerade ein neues Selbstbewusstsein?

Max: Ich weiß nicht, ob das nicht schon immer so war. Die ketzerischen Leute würden sagen, in Provinzregionen gründen sich Bands, weil es sonst nichts zu tun gibt. Das ist vielleicht ein bisschen einfach gesagt. Aber etwas ist dran. In Husum gibt es zwei Diskotheken und einen Konzertclub, da muss man sich früher oder später irgendetwas suchen. Ob das Sport oder Musik oder eine andere Sache ist. Das ist bestimmt kein neues Phänomen, aber vielleicht ist das Bewusstsein dafür neu. Vielleicht ist auch die Qualität plötzlich besonders hoch. Aber ich glaube, dass in Regionen, die sehr still sind, die Leute gerne sehr laut werden.

Wie habt ihr den Schritt aus der Kleinstadt hinaus in die Welt wahrgenommen?

Max: Es ist so gewesen, dass wir am Anfang sehr kleine Schritte gegangen sind, aber die waren immer sehr positiv. Mit 15 haben wir unser erstes Konzert in Hamburg gespielt. Das war für uns schon ein totaler Erfolg. Die Schritte werden größer, aber es ist immer noch so, dass wir uns sehr genau überlegen, was Sinn und uns auch Freude macht. Und wie wir wahrgenommen werden wollen. Man muss sehr vorsichtig sein, dass man sich nicht selbst von einer Seite zeigt, die man nicht unterstützt. Und sich einer Öffentlichkeit preisgibt, die einen vielleicht missversteht.

Vierkanttretlager ist eine missverstandene Band?

Max: Ich kann mir mein Publikum nicht aussuchen, aber ich möchte gerne, dass die Leute nachvollziehen können, was ich sage. Und da gibt es Menschen, die das komplett falsch verstehen. Es gibt Lieder, wie "Gib deinem Leben keinen Sinn", bei dem es eine Kontroverse schon um den Titel gab. Ein Stück, was missverstanden worden ist, weil es zum Aufruf für dieses "No Future"-Denken verstanden wurde. So war es nicht gemeint. Wir haben in unserem Umfeld mitbekommen, wie Leute direkt nachdem sie Abitur gemacht haben, sich wieder in eine vorgefertigte Form gezwängt haben. Sie haben mit dem Studium begonnen oder sind zur Bundeswehr gegangen und haben die Offizierslaufbahn angestrebt. Dieses Lied ist vielmehr ein Plädoyer an die Unsicherheit, die man sich, gerade wenn man jung ist, zugestehen muss. Das ist die einzige Zeit, wo das gesellschaftlich auch ein bisschen anerkannt ist und dir niemand sofort auf die Finger schlägt. Und darum geht's: Dass man sich in der Unsicherheit finden kann.

In einem Song heißt es dann: "Wir schließen ab mit unserer Zeit"

Max: Genau. Es gibt diesen Lebensabschnitt, die schulische Laufbahn, wogegen ich immer sehr gekämpft habe. Vor allem mit meinem Kopf. Ich war sehr ungern in der Schule und hab mich da immer sehr missverstanden gefühlt. Ich glaube, das war ein kleiner Aufschrei dagegen, weil ich immer weg wollte. Jetzt bin ich glücklicherweise raus aus der Schule und merke, dass es albern war sich so aufzuregen. Aber das ist noch so ein Relikt aus dieser Zeit, in der ich vor allem innerlich sehr große Kämpfe ausgetragen habe. Wenn meine Mutter und mein Vater mir dann gesagt haben "Das ist doch nicht so schlimm", wusste ich das auch, aber innerlich hat sich das anders angefühlt.

Was war denn los in der Schule?

Max: Ich hatte das Gefühl, ich lerne Dinge, die ich nicht brauche. Die mich nicht interessieren. Das war seit der ersten Klasse tatsächlich so. Ich war nie gern in der Schule und habe mich da komplett verraten und verkauft gefühlt. Ich war auch kein besonders netter Schüler zu den Lehrern, dementsprechend weiß ich auch, dass es auch sehr viel an mir gelegen hat, und ich bin sehr froh, dass ich da nie wieder hin muss (lacht).

Gab es denn auch Momente, in denen Du Angst vor der Zukunft hattest?

Max: Überhaupt nicht. Das ist gerade das Schöne. Darum geht's auch in unserer Musik, dass man sich dieser Unsicherheit hingeben kann. Und dann passieren manchmal schlimme, aber meistens sehr schöne Dinge. In meinem Leben zumindest. Ich weiß, dass es bei anderen anders sein kann. Aber ich bin nicht so sicherheitsbedürftig.

Warum liegt in eurer Musik dann so viel Ernst?

Max: Weil es ernste Themen sind, die da abgehandelt werden. Es sind so viele philosophische Themen über die Menschwerdung und das Menschsein. Das sind alles Dinge, mit denen ich mich vor allem mit mir selbst auseinandersetze und mich frage "was möchte ich" und "wo möchte ich hin". Nicht im Sinne von Karriere, sondern eher im Sinne von Mensch sein und Mensch werden. Meiner Meinung nach, hat das nicht so viel damit zu tun, was man im Endeffekt macht oder was für Autos man in der Garage stehen hat. Deswegen mache ich mir keine Sorgen. Das ist so ein bisschen diese bescheuert naive Vorstellung, dass mir nichts passieren kann, solange ich noch 1,50 Euro in der Tasche habe, um mir einen Collegeblock und einen Stift zu kaufen. Dann weiß ich, dass ich aus jeder Lage herauskommen kann. Mit meinem Geist, beim Schreiben.

Kann Musik die Welt verändern?

Max: Also ehrlich gesagt, interessiert mich nicht so besonders, was am Ende des Tages mit meiner Musik passiert. Ich hoffe, dass sie gehört wird und natürlich wünscht man sich auch, dass die Menschen verstehen, was ich meine. Aber in erster Linie geht es mir darum, dass ich die Möglichkeit habe, gewisse Gedanken, gewisse Züge von mir an die Öffentlichkeit zu bringen. Natürlich möchte ich auch zum Denken anregen. Aber was am Ende für Gedanken entstehen, das ist mir egal.

Vielen Dank für das Gespräch.

Vierkanttretlager auf Tour

Die kommenden Konzerte im Norden:

09. November 2012 - Hamburg, Molotow (ausverkauft)

11. November 2012 - Bremen, Lagerhaus

10. November 2012 - Kiel, Orange Club

23. November 2012 - Flensburg, Volksbad

21. Dezember 2012 - Husum, Speicher

22. Dezember 2012 - Husum, Speicher (ausverkauft)

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