12.10.12

Auszeichnung

Ai Weiwei und Liao Yiwu kritisieren Nobelpreis für Mo Yan

Er sei ein chinesischer Staatsautor und vertrete die Realität des Landes nicht. Die kommunistische Führung hingegen begrüßte den Entschluss.

Foto: DAPD
China Nobel Literature
Das Pseudonym Mo Yan steht sinngemäß für "der Sprachlose": der neue Literaturnobelpreisträger

Berlin/Peking. Der chinesische Künstler Ai Weiwei hat reserviert auf die Vergabe des Literaturnobelpreises an seinen Landsmann Mo Yan reagiert. Der wegen seiner gesellschaftlich engagierten Kunst verfolgte Ai Weiwei sagte der Tageszeitung "Die Welt" (Freitagsausgabe): "Ich akzeptiere das politische Verhalten von Mo Yan in der Realität nicht. Er ist möglicherweise ein guter Schriftsteller. Aber er ist kein Intellektueller, der die heutige chinesische Zeit vertreten kann."

Der 1955 geborene Mo Yan ist der erste in China lebende Autor, der den Literaturnobelpreis erhält. Der Bauernsohn zählt zu den wichtigsten chinesischen Autoren der Gegenwart. Die Auszeichnung wird am 10. Dezember in Stockholm übergeben und ist mit umgerechnet 925.000 Euro dotiert.

Ai Weiwei sagte in dem Interview: "Moderne Intellektuelle haben eine tiefgehende Beziehung zur aktuellen Realität unseres Landes. Einen Nobelpreis an jemanden zu geben, der von der Realität abgehoben lebt, ist eine rückständige und unsensible Verfahrensweise. Dennoch gratuliere ich ihm dazu."

Wesentlich positiver äußerte sich die kommunistische Führung Chinas. Propagandachef Li Changchun schrieb, der Preis für den 57-Jährigen spiegele den Fortschritt in der zeitgenössischen chinesischen Literatur wider, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua.

Viele chinesische Schriftsteller seien im Leben und in den Traditionen des Volkes verwurzelt, schüfen viele gute Werke mit chinesischen Eigenschaften und Stil. "Mo Yan ist ein herausragender Repräsentant dafür." Das Glückwunschschreiben war nicht direkt an den Preisträger adressiert, sondern an die offizielle Schriftstellervereinigung, deren Vizevorsitzender Mo Yan ist.

Li Changchun sitzt im Ständigen Ausschuss des Politbüros, dem obersten Machtgremium der Kommunistischen Partei. Er ist die Nummer vier in der chinesischen Macht-Hierarchie.

Diesen Freitag meldete sich auch der in China verfolgte Autor Liao Yiwu auf der Frankfurter Buchmesse zu Wort. Er hat den chinesischen Literaturnobelpreisträger Mo Yan als "Staatsautor" bezeichnet. "Er vertritt das Regime", sagte Liao, der am Sonntag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennimmt.

Zwar habe Mo Yan literarisch eine hohe Ebene erreicht. Es gehe ihm aber nicht um die Menschenrechte im kommunistischen China. "Erstens kommt die Wahrheit, zweitens die Literatur", sagte Liao, der seit seiner Flucht aus China im vergangenen Jahr in Berlin lebt. In seiner Heimat saß der Dissident mehrere Jahre im Gefängnis.

(EPD/dpa)
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Der Nobelpreis für Literatur
  • „Das Ausgezeichneste”

    Der Nobelpreis für Literatur gilt als die wichtigste literarische Auszeichnung der Welt und wird seit 1901 fast jährlich vergeben.

     Stifter des bedeutenden Preises ist der schwedische Industrielle Alfred Nobel. In seinem Testament hatte er ihn nach Physik, Chemie und Medizin als vierte Preiskategorie bestimmt. Nach dem Willen des Unternehmers soll ihn derjenige erhalten, „der in der Literatur das Ausgezeichnetste in idealistischer Richtung hervorgebracht hat“. Das Werk soll von hohem literarischen Rang sein und dem Wohle der Menschheit dienen.

     Der von der Schwedischen Akademie vergebene Literaturpreis ist mit

    10 Millionen Schwedischen Kronen (gut 1,1 Millionen Euro) dotiert. Er wird jeweils am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels, in Stockholm überreicht. (dpa)

  • Vergabe nach uralten Regeln

    Die Zusammensetzung und Arbeitsweise der Sprach-Akademie richten sich nach Regeln, die auf die Gründung des Gremiums 1786 zurückgehen. Die Akademie hat in der Regel 18 Mitglieder. Sie werden von der Akademie selbst auf Lebenszeit gewählt.

    Die Auswahl der Kandidaten verläuft schrittweise. Zuerst lädt das für drei Jahre aus den Reihen der Akademie gewählte fünfköpfige Nobelkomitee 600 bis 700 Personen und Organisationen dazu ein, Vorschläge für das kommende Jahr zu machen.

    Bis zum 31. Januar müssen die Vorschläge in Stockholm vorliegen. Das Nobelkomitee erstellt Namenslisten, die in der Akademie schließlich auf fünf Kandidaten reduziert werden. Die Akademie-Mitglieder beschäftigen sich dann mit dem Werk der Nominierten. Anfang Oktober wird der Preisträger durch Wahl bestimmt. Er muss mehr als die Hälfte der Stimmen aller Akademiemitglieder bekommen. (dpa)

  • Die Preisträger seit 2000

    2011: Thomas Tranströmer (Schweden)

     

    2010: Mario Vargas Llosa (Peru/Spanien)

     

    2009: Herta Müller (Deutschland)

     

    2008: J.M.G. Le Clézio (Frankreich)

     

    2007: Doris Lessing (Großbritannien)

     

    2006: Orhan Pamuk (Türkei)

     

    2005: Harold Pinter (Großbritannien)

     

    2004: Elfriede Jelinek (Österreich)

     

    2003: John M. Coetzee (Südafrika)

     

    2002: Imre Kertész (Ungarn)

     

    2001: V.S. Naipaul (Trinidad und Tobago/Großbritannien)

     

    2000: Gao Xingjian (China/Frankreich)

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