Gängeviertel - eine Bilanz

50.000 Liter Alkohol, vier Babys, 500 Konzerte

Foto: Bertold Fabricius / Bertold Fabricius/Pressebild.de/Bertold Fabricius

Vor drei Jahren besetzten Künstler die vom Abriss bedrohten Häuser. In einem reich illustrierten Buch erzählen sie erstmals ihre Geschichte.

Hamburg. Seit dem 22. August 2009 ist Hamburg mehr als eine Hauptstadt der Musicals, Fischbrötchen, Hafengeburtstage und Cruise Days. Hamburg ist jetzt auch ein kleines, unbeugsames hanseatisches Stadtquartier, das ein roter Punkt ziert, mit der rotzfrechen Aufforderung: "Komm in die Gänge". Ein Farbtupfer, der der hochwohlmeinenden Bildergalerie der Stadt unorthodoxen Zuwachs bescherte. Die Ironie der Geschichte: Freiwillig ist das nicht passiert, jedenfalls nicht von Anfang an. Und welches Stadtmarketing das bessere ist, darüber ließe sich prima streiten, obwohl den Aktivisten vor Ort wenig egaler oder unangenehmer sein dürfte, als Teil einer Werbemaßnahme zu sein. Sie wollten nie eines dieser Markenzeichen sein - und sind es dennoch geworden.

Wir haben Sommer 2012, Normalität ist eingekehrt ins Thema Gängeviertel. Aus dem Gegenentwurf ist eine Institution geworden. Die Sache zieht sich, je nach Belastbarkeit des individuellen Geduldsfadens könnte man auch meinen, dass sie stockt, hängt oder klemmt. Künstler kamen und gingen, arbeiteten dort, feierten gern und viel. Selten waren Hausbesetzer (denn nichts anderes waren sie anfangs) so vielen so sympathisch. All das geschah - eine weitere schöne Pointe - direkt gegenüber von einem Polizeirevier. Die Erinnerung an das "Hoffest", das an diesem Wochenende gefeiert wird, ist Szene-Folklore geworden und hat erste verklärende Patinaschichten angesetzt. Es waren aber nicht nur die üblichen Verdächtigen aus Kultur und Subkultur, die auf Demos und bei Solidaritätsveranstaltungen in Theatern und Museen Protest einlegten. Die ganze Stadt, so schien es, war ernsthaft sauer auf das Rathaus. Der Wutbürger trug nicht nur Tattoo oder Hoodie, sondern auch Tweed oder Perlenkette.

In einem verschwenderisch opulenten Buch, ein mit viel Herzblut verfasster Beleg für die Kreativitäts- und Debattierlust aller Beteiligten, ist nun nachzulesen, wie alles begann, was bisher geschah und wie es weitergehen könnte. Eine der vielen schönen Geschichten: die mit dem Zettel für die Spezialbesucher des Viertels am 22.8.2009, den es offiziell natürlich nie gab. Auf ihm stand: "Diesen Zettel auf gar keinen Fall mit dir führen, sondern auswendig kennen und vernichten!!! Wir sind alle Gäste. Keine Aussagen, die dich oder andere belasten könnten, gegenüber Polizei, Beamten, Behörden, unbekannten Dritten!"

Einiges hat sich getan seit diesen Räuber-und-Gendarm-Anfängen. Der Maler und frühere Schirmherr Daniel Richter, dessen Unterstützung bundesweit Furore machte, ist nach seiner letzten großen Suada über die hiesige Kulturpolitik nach Berlin gezogen. Kultursenatorin Karin von Welck warf mit Ole von Beust das Handtuch, Reinhard Stuth kam und ging sehr schnell, dann wurde Barbara Kisseler Kultursenatorin. Das Gängeviertel war immer da. In den Wintermonaten wurde dort daran gearbeitet, die Schäden an der Substanz nicht allzu drastisch werden zu lassen. Seit November 2011 steht der historische Bestand vollständig unter Denkmalschutz. Kaum zu glauben, dass wenige Jahre zuvor noch die Abrissbirne darüber schwebte. Stadtentwicklungssenatorin Jutta Blankau sagt: "Das Gängeviertel wird sich zu einem lebendigen innerstädtischen Quartier mit günstigen Mieten und vielen künstlerischen Aktivitäten entwickeln. Grundlage dafür ist ein Entwicklungskonzept, das wir mit dem Gängeviertel erarbeitet haben. So können wir die Sanierung gezielt fördern."

Barbara Kisseler hat einen anderen Blickwinkel: "Die Gängeviertel-Initiative hat nicht nur das historische Viertel vor der geschichtslosen Sanierung bewahrt, sondern der Stadt auch eine dringend notwendige Debatte über den Umgang mit unserer Baukultur geschenkt. Zudem hat die Initiative mit viel ehrenamtlichem Engagement und Kreativität das kulturelle Leben in der Stadt bereichert und dadurch bewiesen, wie dringend eine Stadt wie Hamburg Räume für Kreative braucht. Für die Zukunft wünsche ich der Initiative weiter viel Durchhaltevermögen und der Stadt, dass sie von drei Jahren Gängeviertel lernt und für solche Initiativen, die eine Stadt vielfältig und lebenswert machen, weiterhin offen ist."

Seit April ist die Steg treuhänderischer Eigentümer der Häuser. Geschäftsführer Hans Joachim Rösner zum scheinbaren Stillstand der Dinge: "Der Eindruck, dass sich nichts täte, täuscht gewaltig." Die Vorbereitungen der ersten Baumaßnahmen hätten begonnen. Aber weil alles unter Denkmalschutz steht, seien diese Vorbereitungen erheblich aufwendiger und erforderten zusätzliche Zeit für die Abstimmung mit dem Denkmalamt. "Unter diesen Bedingungen sind wir auf gutem Weg und weit vorangekommen." In den nächsten Tagen sollen für die Häuser an der Caffamacherreihe sowie die Fabrik, das zukünftige kulturelle Zentrum des Viertels, die Baugenehmigungsverfahren eingeleitet werden. "Parallel dazu wird die Ausschreibung der Baumaßnahmen vorbereitet. Baubeginn wird im Frühjahr 2013 sein. Schneller schafft das kein Mensch." Wer vor gut drei Jahren vorhergesagt hätte, solche Sätze zu erleben, wäre unter das berühmte Verdikt des Altkanzlers Helmut Schmidt gefallen, dass Leute mit Visionen zum Arzt gehörten.

"Mehr als ein Viertel. Ansichten und Absichten aus dem Hamburger Gängeviertel". Assoziation A, 240 S., 18 €

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