Drehbuch-Skandal beim NDR

Die Angst vor dem System Heinze

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Kaum einer will offen über Doris Heinzes Machenschaften reden. Jetzt ermittelt die Hamburger Staatsanwaltschaft.

Hamburg. Da ist beispielsweise der Produzent, der Interessantes über die Abrechnungspraxis des NDR zu erzählen weiß. Oder aber die Autorin, die sagt, ihr sei schon seit Langem bekannt, dass die Fernsehspielchefin des Senders, Doris Heinze, unter Pseudonym eigene Drehbücher einreichte.

Zitiert werden will keiner von beiden: "Ich möchte weiterhin in dieser Branche arbeiten", sagt der Produzent. Und die Autorin weiß, dass Heinze "irre viele Leute" kennt: "Man weiß nicht, in welches Wespennest man da sticht."

Längst hat der NDR seine Fernsehspielchefin suspendiert und möchte ihr lieber heute als morgen kündigen. Seit Freitag ermittelt die Staatsanwaltschaft Hamburg. Und doch ist die Furcht in der TV-Branche groß, ein falsches Wort über die Frau zu verlieren, die Phantom-Autoren mit Aufträgen bedachte.

Ihren Mann, den Regisseur Claus Strobel, ließ sie für den NDR fünf Drehbücher unter dem Pseudonym Niklas Becker schreiben. Sie selbst schrieb als Marie Funder zwei Drehbücher und ein Treatment und kassierte dafür das volle Honorar. Als NDR-Angestellte hätte ihr nur die Hälfte zugestanden. Eine gänzlich unbekannte bayerische Gesundheitsberaterin ist angeblich Autorin eines von der ARD-Tochter Degeto verfilmten Stoffes. Und die Identität eines gewissen Markus Benz, der ein nicht realisiertes Drehbuch zur Krimireihe "Polizeiruf 110" verfasste, ist nach wie vor ungeklärt.

Heinze hatte Helfer. Die Münchner Filmagentin Inga Pudenz gab sich als Autorin Marie Funder aus. Ihre wichtigste Komplizin war aber die Produzentin Heike Richter-Karst von der Münchner Produktionsfirma AllMedia, die fast alle Filme der Phantom-Autoren produzierte. In Branchenkreisen heißt es, Richter-Karst habe 2001 Heinze als Geschäftsführerin zur AllMedia lotsen wollen, woraus aber nichts wurde. Auch so machten die beiden gute Geschäfte - nicht unbedingt zum Vorteil der AllMedia. So soll die NDR-Tochter Studio Hamburg, der die Firma damals gehörte, sich 2003 zu ihrem Verkauf entschlossen haben, weil sie rote Zahlen schrieb. Kann es sein, dass Richter-Karst dem einen oder anderen Drehbuchautor zu hohe Honorare zahlte? Womöglich auch Niklas Becker alias Claus Strobel? Dessen Filme "Katzenzungen" und "Vor meiner Zeit" wurden noch vor dem Verkauf produziert. Studio Hamburg lehnt jede Stellungnahme ab.

Heinze saß in Fördergremien und in der Buy-out-Gruppe der Degeto, die festlegt, welche Drehbücher die ARD-Tochter verfilmt. Richter-Karst war Mitglied der Jury des Deutschen Fernsehpreises. Mit so mächtigen Damen legt man sich nicht an, wenn man in der TV-Branche etwas werden will.

Loretta Wollenberg hat aber nichts mehr zu verlieren. Die freiberufliche Lektorin arbeitete bis 2007 für den NDR. Dann ließ ihr Heinze mitteilen, sie lege keinen Wert mehr auf ihre Dienste. Wollenberg sagt, dass ihr bereits 2001 NDR-Redakteure mitgeteilt hätten, Heinze und ihr Mann würden Drehbücher unter Pseudonym schreiben.

Überprüfen lässt sich das nicht. Die Lektorin will nicht verraten, von wem konkret sie ihre Informationen bekam. Dennoch: Die Affäre Heinze hätte wohl schon viel eher ans Licht kommen können. Bereits der Vorstand des Verbands Deutscher Drehbuchautoren Pim Richter hatte dem "Spiegel" gesagt, Verbandsmitglieder hätten schon seit drei Jahren Hinweise, dass Niklas Becker der Mann der Fernsehspielchefin sei. Aus Angst schwiegen alle.

Der ARD-Vorsitzende Peter Boudgoust sieht keine Notwendigkeit, die Kontrollen im Senderverbund zu verschärfen. Gegen die "hohe kriminelle Energie" einer Heinze sei man machtlos.

Das ZDF überarbeitet zwar seinen Verhaltenskodex. Dort hält man es aber nach wie vor für völlig unproblematisch, wenn eine Ehefrau Großaufträge von der Redaktion ihres Gatten bekommt. So schrieb Christine Rohls, die bei anderen Sendern als Autorin nie in Erscheinung getreten sein soll, mehr als 100 Drehbücher der Serien "Unser Charly" und "Hallo Robbie" für die ZDF-Hauptredaktion Unterhaltung-Wort. Deren Leiter war bis Ende 2007 ihr Mann Claus Beling. Rohls erhielt dafür das volle Honorar. Man könne die Autorin ja nicht dafür bestrafen, dass ihr Mann beim ZDF arbeite, heißt es beim Sender.