Kultursenatorin

Kisseler: "Kaputtsparen ist ein Kampfbegriff"

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Kultursenatorin Barbara Kisseler über die Elbphilharmonie, die Finanzierung der Museen und die Bedeutung von Kultur für Hamburg

Hamburg. Auf ihrem Schreibtisch hat Barbara Kisseler die Elbphilharmonie mühelos im Griff, denn sie steht dort als Ausstechform für Kekse. Wir sprachen mit der parteilosen Politikerin über den Haushalt und ihre Pläne.

Hamburger Abendblatt: Bürgermeister Olaf Scholz' Vorwahl-Liebe für die Kultur scheint mittlerweile erkaltet zu sein ...

Barbara Kisseler: Das kann ich nicht bestätigen.

Aber wie sehr kämpft er im Senat für Ihre Belange? Ohne Rückendeckung des Chefs kommt kein Kulturbehörden-Präses auf einen grünen Zweig.

Kisseler:Ich fühle mich bisher absolut unterstützt von Olaf Scholz - konzediere aber, dass er auch noch andere Verantwortungen hat als "nur" die Kultur. Wenn er so einen Haushalt vorfindet, muss er das Ganze zusammenhalten.

Die Kulturpolitiker der SPD sind nicht müde geworden, die Unterfinanzierung der Museumsstiftungen zu beklagen. Nun gab es eine Anfrage an den Senat, auf die Ihre Behörde antwortet, die Stiftungen seien auskömmlich finanziert.

Kisseler: Das Wort auskömmlich hat eine rhetorische Ambivalenz, denn man muss einräumen, dass viel Wichtiges in der Grundzuwendung nicht enthalten ist, von Sonderausstellungen bis hin zu investiven Kosten etwa im Baubereich. Der Vorgängersenat hat festgelegt, dass die Entschuldung der Museen nur dann gewährt wird, wenn sie eine schwarze Null schreiben. Das hat starken Druck aufgebaut, der in Teilen hilfreich war, die Museen aber stark beschneidet. Wenn man will, dass sie über Hamburg hinaus wirksam werden sollen, müssen sie über den Ausstellungsfonds hinaus finanziell bessere Arbeitsbedingungen erhalten.

Im Moment hat man den Eindruck, dass sich die Museen kaputtsparen.

Kisseler: Kaputtsparen halte ich für einen Kampfbegriff, den ich so nicht teile. Ich denke, wir haben in der Tat einen unglaublich schwierigen Haushalt vor uns. Ich möchte aber ausdrücklich betonen, dass wir im Kulturbereich nirgendwo kürzen. Das heißt im Gegenzug aber nicht, dass damit alles gut ist. Für den Haushalt 2013/14 müssen wir uns die Museen noch einmal ganz genau ansehen und entscheiden, welches Haus noch eine andere Unterstützung braucht und wie die dann aussehen soll.

Die Museen sind großteils baulich saniert worden, nicht aber die Deichtorhallen. Es regnet rein, es ist von notwendigen Investitionen in Höhe von zehn Millionen Euro die Rede. Was wollen Sie tun?

Kisseler: Nichts ist so überzeugend wie die persönliche Anschauung. Deshalb war ich froh, dem Finanzsenator die Probleme bei einer Begehung zeigen zu können. Jetzt weiß auch der Finanzsenator, dass hier etwas passieren muss. Wenn wir über große Investitionen sprechen, die Vorrang haben, sind darin auch die Deichtorhallen enthalten. Schließlich sind sie eines unserer erfolgreichsten Häuser auch über Hamburg hinaus. Ein solches Haus können wir nicht im Regen stehen lassen.

Im letzten Kulturausschuss war überraschend von einem Investitionsstau von 100 Millionen Euro die Rede. Wer ist davon betroffen und wie und mit welchem Geld wollen Sie das Problem angehen?

Kisseler: Das umfasst den gesamten Kulturbereich, bisher liegen uns aber überwiegend Schätzungen vor. Der Betrag von 100 Millionen verdeutlicht vor allem, dass in den letzten Jahren nicht sehr viel gemacht worden ist und daher jetzt ein großer Bedarf besteht.

Was ist die dringlichste Adresse?

Kisseler: Für mich sind das die Deichtorhallen, weil wir da eine akute Notsituation haben. Der bauliche Zustand ist so prekär, dass das eigentlich niemand mehr übersehen kann. Schon bei der Übernahme durch die Stadt 1989 befanden sich die Hallen in einem Zustand, der für Ausstellungszwecke alles andere als tauglich war. Da ist manches passiert, die Sanierung wurde aber nicht kontinuierlich betrieben.

Warum wollen Sie die Stiftung Historische Museen erhalten, obwohl sie bisher kaum erfolgreich war?

Kisseler: Sie war aus meiner Sicht nicht erfolgreich, weil bisher stets einer der vier Museumsdirektoren für das Ganze verantwortlich war. Das halte ich für ein in der Praxis untaugliches Prinzip, weil manchmal auch unangenehme Entscheidungen getroffen werden müssen, die zulasten eines der Häuser gehen. Deshalb bedarf es einer Person, die nicht gleichzeitig auch Partikularinteressen vertreten muss.

Ein Generaldirektor würde aber jährlich etwa 300 000 Euro mehr kosten. Woher soll dieses Geld kommen?

Kisseler: Ich werde zwar versuchen, den Finanzsenator zu überzeugen, glaube aber, dass wir diese Kosten, die sich übrigens nicht allein auf den Generaldirektor beziehen, aus dem Haushalt der Kulturbehörde erwirtschaften müssen. Es wird jedenfalls nicht zulasten der Kulturinstitutionen gehen.

Müssten Sie wegen des Elbphilharmonie-Desasters neben Hochtief nicht auch die Vorgänger-Senate verklagen?

Kisseler: Ich kenne die juristischen Voraussetzungen nicht, die dafür nötig wären, aber es ist eine interessante Perspektive. Im Ernst: Was mich an dem Anlass der Debatte stört, ist, dass wir städtischerseits immer wieder hinter angeblichen oder tatsächlichen Planungsproblemen und Ähnlichem hinterherrennen. Ich habe daher schon bei meinem Amtsantritt eine Bestandsaufnahme veranlasst. Ich werde die Ergebnisse - also die noch ausstehenden Probleme - deutlich benennen.

Ein weiterer Streit ist der zwischen der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) und der Gängeviertel-Initiative. Werden Sie dort vermittelnd eingreifen und welche Meinung hat Ihre Behörde im Gegensatz zur BSU?

Kisseler: Wir haben keine gegensätzliche Meinung zur BSU. Ich teile die Auffassung, dass es einen Kompromiss geben muss, und halte es nicht für vertretbar zu sagen: Alles geht komplett an die Initiative, womöglich noch ins Eigentum überschrieben, und die Initiative darf dann ganz allein einen kleinen Teil der Stadt für sich beanspruchen. Ein Teil wird mit der Initiative gestaltet und der wahrscheinlich größere wird über die Steg realisiert - das halte ich für einen vertretbaren Kompromiss. Ich würde auch versuchen, dies der Initiative deutlich zu machen.

Hamburg sei nicht die Filiale von Berlin, haben Sie kürzlich gesagt. Kampnagels Sommerfestival-Chef Matthias von Hartz geht nun trotzdem, obwohl er gerade einen Lauf hat - und er ist ja nicht der Erste. Was ist nötig, um diese Abwanderungsbewegung umzukehren?

Kisseler: Wir müssen uns in Hamburg in einigen Fällen noch anstrengen, die Stadt als Arbeitsgebiet für Künstler und Kulturschaffende so attraktiv zu machen, dass nicht nur die Übernachtungszahlen im Tourismussektor steigen, sondern dass die Leute auch länger als nur eine Nacht bleiben. Dazu muss man - auch wenn das in diesem Haushalt nicht klappt - noch mal Geld in die Hand nehmen. Die Schönheit der Stadt allein wird nicht ausreichen. Man kann auch über die Institutionen selbst - ich denke an die Kooperation vom Thalia-Theater mit den Salzburger Festspielen - Glanz ausstrahlen, der Rückwirkung hat. Dass jemand wie Karin Beier hier am Schauspielhaus anfängt, spricht auch dafür.

Glanz ist auch eine Lieblingsvokabel Ihrer Amtsvorgängerin Dana Horáková gewesen.

Kisseler: Wenn es nur darum ginge, der Kunst Glanz zu verleihen, der ja immer eine Oberflächenangelegenheit ist, hat man das Wesen der Kunst falsch verstanden.

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