Prognose

Hamburgs Kultur im Jahr 2021: Alles wird gut

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Staatsminister Schamoni - zu schön, um wahr zu werden? Eine kleine Kultur-Utopie schildert, wie es in zehn Jahren in Hamburg aussehen könnte.

Hamburg. Als Anfang Januar 2011 in der Rede zur "Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns" die Worte "Masterplan", "effizientes Management" und "Kundenorientierung" zu hören waren, ging es weder um Hafenpolitik noch um das Einsammeln von EU-Subventionen. Handelskammer-Präses Frank Horch ging es um Kultur und ihre Bedeutung fürs Gemeinwesen. Also - wenn auch indirekt - um die Zukunftssicherung des Hafens und der dazugehörigen Metropole. Doch diesmal blieb es nicht bei Sonntagsreden und der Wahnvorstellung, man werde zur Kulturmetropole, wenn man sich nur oft genug dafür hält. Diesmal wurde verstanden und gehandelt. Geld, und das trotz knapper Kassen nicht zu knapp, spielte eine Rolle. Entscheidend waren aber der gute Wille und die Gewissheit, es gut anzulegen.

Zehn Jahre und ein radikales Umdenken später: Hamburg hatte entdeckt, was Kultur sein kann, und umgesetzt, was sie bieten soll. Den ersten Impuls dazu lieferten die Kulturagenten der Kulturstiftung des Bundes, die das Schulfach "Kulturelle Bildung" populär machten. Die Initiative "Wir wollen lernen" taufte sich nur deswegen um in "Wir wollen Kultur".

Schuld an allem war aber nicht etwa das altbekannte Streben nach kurzfristiger Gewinnmaximierung - Auslöser des Kultur-Aufschwungs waren einige Sätze eines gebürtigen Hamburgers und Wahl-Berliners. Der Schauspieler Christan Ulmen hatte dem Abendblatt Ende 2010 gesagt: "Ich könnte mir vorstellen, mit 80 wieder hierherzuziehen. Hamburg ist ja eine Stadt für Senioren. Sehr schön, sehr ruhig." So viel Häme eines Exilanten wollten die Hanseaten dann doch nicht schlucken und wurden ernsthaft lokalpatriotisch. Ab Ende Februar 2011 wurde zurückmodernisiert, ausgebaut und aufgefrischt.

Das Echo des Ehrgeizes hallte bis ins Berliner Regierungsviertel. Stephanie zu Guttenberg hatte ihren Vize-Kanzler-Gatten direkt nach der Amtsübernahme 2013 angewiesen, dem neuen Kultur-Staatsminister Rocko Schamoni (FDP) seinen Behördenapparat nach Hamburg nachzuschicken, an den Amtssitz im Golden Pudel Club.

Aus den einstigen Problem-Großbaustellen sind 2021 blühende Landschaften geworden, um die Hamburg international beneidet wird. Die Pause für die Erneuerung der Schauspielhaus-Bühnentechnik wurde genutzt, um ein Abo-System einzurichten. Mit aufregendem Theater sorgte das All-Star-Ensemble auf drei Interimsbühnen für Besucherrekorde. Das Thalia, das nicht mehr nur von Mäzenen finanzierte Theaterfestival und Kampnagel konterten mit einer Festival-Kooperation und etablierten 2017 die zur Annale beschleunigte Triennale, die alle für totpalavert gehalten hatten.

Koproduktionen mit den Salzburger Festspielen, den Wiener Festwochen, Edinburgh und Aix-en-Provence haben nun zuerst in Hamburg Premiere. Opernchefin Simone Young verzichtete freiwillig auf einen Teil ihres Gehalts, um ihren Vertrag ein weiteres Jahrzehnt verlängern zu dürfen. Ein Teil dieses Geldes wurde dafür verwandt, in Bayreuth den Regisseur Wim Wenders abzuwerben, um 2013 den nächsten "Ring" zu schmieden.

Senatsmitgliedern ist es per Bürgerschaftsbeschluss verboten, bei mehr als drei Staatstheater-Premieren pro Spielzeit unentschuldigt zu fehlen. Wer dennoch schwänzt, bekommt Gehalt und Pension gekürzt.

Nach dem Trubel der ersten Spielzeit kam auch das Armdrücken von Elbphilharmonie-Chef Christoph Lieben-Seutter mit renitenten privaten Konzertveranstaltern zu einem harmonischen Ende. Sie fielen sich nach einer besonders gelungenen "Canto elementar"-Chorprobe gerührt in die Arme und begruben alle blutverkrusteten Kriegsbeile.

Die Orchester haben unisono an Qualität zugelegt. Avantgarde-Ensembles aus dem In- und Ausland bombardieren die Kulturbehörde mit Eingemeindungsanträgen. Ehren-Kultursenator John Neumeier hält Audienzen in seinem fünften Ballett-Museum ab, als Nachfolger engagierte man den Tanztheater-Derwisch Sidi Larbi Cherkaoui. Fatih Akin hatte 2015 nach seinem Golden Globe für "Soul Kitchen 2" die Leitung des Filmfests übernommen, das 2014 zu "Hammoniale" umbenannt worden war. Kurz zuvor hatte man die Bitte Berlins dankend abgelehnt, die Berlinale für einen Euro aufzukaufen.

Nicht nur bekannte Sänger, einfallsreiche Regisseure und gute Dirigenten, auch die Stars der Alten Musik gastieren regelmäßig an der Dammtorstraße. Schon um den begehrten "Gänsemarktoper"-Aufkleber für ihre Instrumentenkoffer zu bekommen, mit denen die Staatsoper als Anspielung an die Star-Club-Ära an ihr Vorvorvorgänger-Erfolgsmodell erinnert.

Kurz vor der Fertigstellung der Elbphilharmonie hatte das Rathaus am Telemann-Platz fast eine ganze Etage im Ex-Kaispeicher A vom Wellness-Bereich zum "Kulturwohlstandsgebiet" umgewidmet und ein multimediales Zentrum eingerichtet, das die Musikgeschichte der Stadt würdigt. Das Reeperbahn-Festival findet wöchentlich statt.

Die Hamburger Museen haben im dritten Anlauf eine Strukturreform erlebt, die den Namen tatsächlich verdient. An schlechtere Zeiten erinnert nur noch eine symbolische Brandschutzklappe im Büro des reumütig aus Berlin zurückgekehrten Kunsthallen-Direktors Daniel Richter, die ihm sein Maler-Kumpel Neo Rauch geschenkt hat. Das Gängeviertel wurde von der Unesco zum Weltkulturerbe geadelt.

Das Altonaer Museum ist im Gedenken an die Herbstunruhen 2010 zum Hauptsitz der Stiftung Historische Museen geworden, Schmuckstück im Eingangsfoyer ist die Dauerausstellung, in der Protest-Buttons und Transparente bestaunt werden können. In einem umgebauten Bürogebäude im Osten der HafenCity, das die Stadt günstig aus der Hochtief-Konkursmasse erstehen konnte, entsteht in Rekordzeit und ohne Kostenexplosionen ein Kulturspeicher für die Museumsbestände. Hadi Teherani war vom Architekturwettbewerb ausgeschlossen worden.

Überhaupt, die Museen. Ihre mutigen Direktoren und Direktorinnen waren es, die dem Stadtmarketing klarmachten, dass Touristen auch wegen anderem als Musicals anreisen könnten. Ex-Kultursenatorin Christine Ebeling und der Talkshow-Moderator Christoph Twickel, Mitautor des "Not In Our Name"-Manifests, bilden dort die Doppelspitze; sie sorgten dafür, dass Künstler und Kulturbürokraten endlich eine gemeinsame Sprache sprechen. 2014, vor seinem Wechsel ins Kulturprogramm von Hamburg 1, hatte Twickel als Fortsetzung "Now In Our Name" verfasst.

Die Museumsmeile muss durchschnittlich dreimal im Monat wegen Überfüllung gesperrt werden. Die Menschenmengen werden dann von Mitarbeitern des Bucerius-Kunst-Forums betreut, das die Veddel gekauft und zum Freilichtmuseum ausgebaut hat.

Bei Etatverhandlungen im Rathaus wird kategorisch um den Kultur-Etat herum geplant, der alle zwei Jahre um fünf Prozent zu erhöhen ist. Die Behörden für Wirtschaft, Bildung und Stadtentwicklung waren 2011 vom kulturliebenden Finanzsenator dazu verpflichtet worden, legislaturperiodenübergreifend das nötige Geld für intelligente und leidenschaftliche Kultur-Promotion bereitzustellen.

Die Kreativgesellschaft wurde aufgelöst und der Mietvertrag für ihr Büro unter Berliner Computerspiel-Programmierern verlost. Das Areal rund um den Oberhafen entwickelt zu einer Frei-Handel-Zone für Künstler aller Genres. Die Stadt ermöglicht und hält sich ansonsten raus. Auf Anordnung aus dem Rathaus mussten alle kommerziellen Nutzungspläne beerdigt werden. HHLA, Steg und Saga bekamen Anweisung, günstige Ateliers, Galerien-Räume und Band-Probenräume anzubieten. Wer will, kann dafür immer noch auch nach Wilhelmsburg ziehen.

Er muss aber nicht mehr.

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