Landesjugendorchester mit Fausto Fungaroli

Deutsche Gründlichkeit, italienische Wärme

Foto: Fausto Fungaroli

Von Kampanien nach Hamburg: Seit vier Jahren lebt der Nachwuchsdirigent Fausto Fungaroli an der Elbe. Jetzt startet er richtig durch.

Hamburg. Mit seiner Lederjacke, den halblangen Haaren und den Jeans würde Fausto Fungaroli gut auf eine Moto Guzzi passen, wenigstens auf eine Vespa. Ein italienisches Fabrikat müsste es schon sein, damit das Klischee stimmt, denn der neue Chefdirigent des Landesjugendorchesters Hamburg stammt aus Kampanien, genauer: aus Calabritto in der Provinz Avellino, einem Ort, der am 23. November 1980 von einem schweren Erdbeben heimgesucht wurde. 300 der etwa 3000 Bewohner starben damals. Als die Katastrophe passierte, war Fausto Fungaroli acht Jahre alt. Seine Familie blieb verschont, aber das Erlebnis hat sich tief in seine Erinnerung eingeprägt.

Vielleicht war es dieses Trauma von der aufbrechenden Erde, das ihn bei seinem Probedirigat im April zu einer ungewöhnlichen Vorstellung inspirierte. Als er beim dritten Bewerbungsanlauf um die seit dem frühen Tod von Marius Bazu im Oktober 2005 vakante Stelle des Chefdirigenten des LJO endlich eingeladen wurde, ging er mit den jungen Musikern nicht etwa gleich an die heiklen Orchesterstellen in Brahms' 4. Sinfonie, um zu zeigen, wie versiert er im Handwerk des Dirigierens sei. Vielmehr erzählte er ihnen eine Geschichte. "Ich habe eine besondere Beziehung zu Brahms", sagt Fungaroli. "Für mich ist er ein Naturmusiker. So habe ich den Musikern nahezubringen versucht, wie ich diese Sinfonie sehe. Sie ist wie ein großer Baum, der zu tanzen versucht." Und dann beschrieb der begeisterte Musiker den jungen Leuten haarklein, wie Brahms diesen Baum seiner Wahrnehmung nach instrumentiert hat.

Fungaroli mag eine blühende Fantasie haben. Ein sehr gründlich arbeitender Dirigent ist er trotzdem. Dass er diesen Beruf ergreifen wollte, wusste er schon als Dreikäsehoch. Kaum den Windeln entwachsen, dirigierte er vor dem heimischen Fernseher die Eurovisionshymne. Zunächst ausgebildet als Klarinettist und Dirigent für Bläserorchester, musste er sieben Jahre lang Komposition studieren, ehe er zum allgemeinen Dirigierstudium zugelassen wurde. Das schloss er 2004 in Neapel als bester Diplomand ab. Zur Belohnung bekam er ein Stipendium. London und Hamburg standen zur Auswahl. Die Freundin in Stuttgart ließ sich schneller von Hamburg aus besuchen als von London, also kam er hierher. Und blieb - auch nach Ablauf des Stipendiums. "Ich dachte mir: lieber hier von null auf eins kommen als zurück nach Neapel. Da wäre es für mich nur von null nach minus eins gegangen." Fungaroli jobbte im Notenarchiv des NDR, besserte Stimmen aus und kam schließlich in Kontakt mit Christoph von Dohnányi, dem Chefdirigenten des NDR Sinfonieorchesters. Dem imponierte die Akribie des jungen Mannes so sehr, dass er ihn im Sommer zu seinem Assistenten ernannte.

Seit 2003 geht Fungaroli regelmäßig zu den Dirigierkursen des deutschen Bach-Papstes Hellmuth Rilling. "Danach kann ich immer eine Zeit lang nichts anderes dirigieren als Bach", erzählt Fungaroli. Sein Lieblingsrepertoire ist deutsch, seine Gründlichkeit deutscher als deutsch: Wenn er ein Stück zum wiederholten Mal dirigiert, kauft er sich immer eine neue Partitur.

Nächstes Konzert: 27. Februar, 20 Uhr, Laeiszhalle

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.