31.12.12

Hamburg Persönlich

Der Autor, der Zuhälter werden wollte

Michel Ruge ist auf St. Pauli aufgewachsen, gut behütet zwischen Kneipen und Bordellen. Über seine Erlebnisse hat er ein Buch geschrieben.

Von Jenny Bauer
Foto: HA/A.Laible
Michael Ruge
Michael Ruge ist auf dem Kiez groß geworden und hat über diese Zeit das Buch "Bordsteinkönig" geschrieben

St. Pauli. Die Traumberufe von Kindern sind meist recht ähnlich: Tierärztin, Feuerwehrmann, Superstar. Michel Ruge hatte einen etwas anderen Wunsch. "Für mich war immer klar, ich werde Zuhälter", sagt der 43-Jährige. Schon als Kind beobachtete er mit einer Mischung aus Bewunderung und Neid die Luden, wie sie dekoriert mit auffälligem Schmuck und noch auffälligeren Frauen über den Kiez flanierten. Ruge wuchs auf St. Pauli auf. "Ich hatte eine fantastische Kindheit", sagt er. "Behüteter als auf dem Pauli der 70er-Jahre kann man heute auch nicht aufwachsen." Man war eine gut funktionierende Gemeinschaft. Die Kinder spielten in den Hinterhöfen der Kneipen und die Wirte hatten ein Auge auf sie. Nun hat Ruge ein Buch über seine Jugend geschrieben. "Bordsteinkönig" heißt es.

Ruges Mutter war 13 Jahre alt, als sie das Ausgehen für sich entdeckte. Mit 16 lernte sie im Ballhaus in der Flora den doppelt so alten Zuhälter Heinz Peter kennen. Noch in derselben Nacht liebten sich die beiden. Mit 17 brachte sie ihren Sohn Michel zur Welt. Der Vater war inzwischen auf und davon. Die Namenswahl für das Kind war kein Patriotismus für Hamburg. "Sie sehnte sich wohl nach einer anderen Welt", sagt Ruge. Deshalb wird Michel auch französisch ausgesprochen: "Mischel".

Die ersten Jahre wohnten Mutter und Kind im Heizungskeller eines Stundenhotels, das durch einen Gang direkt mit der Kneipe Betten Voss verbunden war. "Meine Mutter kellnerierte da", sagte Ruge als Kind. "Oder so was in der Art", sagt er heute.

Später wohnten sie in der Hein-Hoyer-Straße und der Paulinenstraße. Die Mutter lernte einen neuen Mann, Kalle, kennen. Die Neugier und die Wutausbrüche des Stiefvaters treiben Ruge auf die Straßen seines Viertels. Schon mit zwölf wird er zum Mann, im Eros-Center. Ein Kumpel hatte seiner Mutter 100 Mark "entliehen" und spendierte den Schritt zum Erwachsenwerden. Etwa zur gleichen Zeit lernt er Ümet kennen, als dieser gerade seinem Nebenjob als Austräger des Abendblatts nachgeht. Die beiden verbindet ihr Interesse für Kampfsport. Später holt Ümet Ruge als jüngstes Mitglied zu den Breakers, einer Gang. Bald gehören Schlägereien zum Alltag. Alkohol und Drogen sind hingegen zunächst tabu. Es ging um den Kampf - gegen die anderen Gangs, gegen andere Subkulturen und gegen die verhasste Welt der Erwachsenen. "Unser Ethos war sehr idealistisch und romantisch", sagt Ruge.

Aber er lebte auch noch in anderen Welten. Lange hatte er einen Freund, der in einer Kommune im Schanzenviertel wohnte. Dort war er bei vielen Demonstrationen und Diskussionen dabei. Und was macht ein Kind vom Kiez, wenn es sich von seinen Eltern wie alle Pubertierenden abgrenzen will? Es wirft mit Fremdwörtern um sich. "Wir sind da wohl klassisch in zwei Fraktionen gespalten, aber ich kann deine fundamentalistische Denkweise nicht unterstützen", sagte Ruge, wenn er seine Mutter zur Weißglut bringen wollte. Irgendwann entschied er sich dann, das Fachabitur nachzuholen.

Zuhälter wurde er nie. "Dafür war ich zu romantisch veranlagt", sagt er. Er habe sich nie vorstellen können, seine Liebe zu teilen. "Mein Ideal war eher 'Wie Bonnie und Clyde gegen den Rest der Welt' als 'Meine Freunde und ich nutzen meine Frau aus'".

Nach Schauspielstudium und Stationen als Türsteher und Personenschützer arbeitet Ruge heute als Lehrer für Selbstverteidigung und hält Vorträge über Zivilcourage. Er pendelt zwischen Berlin und Hamburg. So sehr er St. Pauli liebt, verließ er es doch. "Ich wollte wie ein Seefahrer die große weite Welt sehen", sagt er. "Aber irgendwann laufe ich wieder in meinen Heimathafen ein." Noch immer ist der Kiez sein Stadtteil. "Hier lässt man die Leute einfach leben." Obdachlose, Manager, Künstler, Arbeiter - sie alle kommen hier zusammen. Trotzdem hat sich viel verändert. "Früher roch es auf dem Kiez nach Sex, jetzt nur noch nach Alkohol. Er wird Stück für Stück verschandelt. Nur um die Touristen zu befriedigen."

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