16.11.12

Griechische Generalkonsulin

Eine Freundschaft zeigt sich in der Krise

Ekaterina Dimakis, griechische Generalkonsulin in Hamburg, spricht über die Finanznot ihres Landes und das Verhältnis zu den Deutschen.

Von Hans-Juergen Fink
Foto: Roland Magunia
Die griechische Generalkonsulin Ekaterina Dimakis liebt gutes Essen - hier in der Taverne Zum Olymp
Die griechische Generalkonsulin Ekaterina Dimakis liebt gutes Essen - hier in der Taverne Zum Olymp

Hamburg. Der Wein ist kalt, auf dem Tisch stehen kleine Teller mit Köstlichkeiten: Tarama, frittierte Sardellen, Oktopus-Stückchen, Zucchini-Scheiben, Oliven, butterzarte Lammkeule. Michalis, der Wirt des Restaurants Zum Olymp in Eimsbüttel, hat sich ins Zeug gelegt. Ekaterina Dimakis, Generalkonsulin von Griechenland, seit August 2009 in Hamburg, kann natürlich erklären, warum so viele Deutsch von "ihrem Griechen" sprechen: "Die Restaurants haben meist sehr gute Qualität, sind einfach und nicht zu teuer. Und wir Griechen sind sehr gastfreundlich." An die 600 griechische Restaurants gebe es in Hamburg, ist doch klar, dass man an jeder Ecke einen findet.

Ein Schluck vom Malagousià. "Wir haben vorzügliche Weine aus Rebsorten, die es anderswo nicht gibt, etwa den Assyrtiko, den Moschovilero oder den Xinomawro. Nur eben keine großen Mengen, schwierig für den Export." Doch das ist eines der kleineren Probleme ihres Landes neben der Haushalts- und Finanzkrise. Die provoziert ein "Ach" aus der Tiefe ihrer Seele. "Es gibt hier fast jeden Tag eine Diskussion, eine Veranstaltung oder Präsentation über die Krise, über Griechenland, die Maßnahmen und all das." Es gebe, sagt Frau Dimakis, bei vielen Deutschen kein sehr klares Bild dessen, was dort passiert. "Die Regierung ergreift sehr harte Maßnahmen. Wir haben schon eine Menge geleistet in den vergangenen drei Jahren. Die Leute begreifen, dass sie ihr Verhalten ändern müssen, ihre Lebensart, ihr Verhältnis zum Staat. Und leiden. Unglücklicherweise müssen Menschen, die kein sehr hohes Einkommen haben, einen sehr hohen Preis bezahlen. Schrecklich."

Wie erlebt sie die Deutschen? "Die meisten lieben ja Griechenland, sie drücken ihr Mitgefühl aus. Manche sind beeinflusst durch populistische Artikel - "Verkauft doch eure Inseln!" oder "Verlasst den Euro!" Aber das sind wenige. Die Freundschaft zwischen Deutschen und Griechen ist sehr eng, und ich hoffe, dass sich das nicht ändert - das wäre bitter für beide Nationen." Denn es geht ja um mehr, sagt sie. "Toleranz, Verständnis, Miteinander. Europa, das sind nicht nur Zahlen und Haushalte. Europa ist eine Union von Nationen. Die können sehr verschieden sein, basieren aber alle auf denselben Prinzipien: Freiheit und Demokratie. Das kommt vom alten Griechenland, es sind Ecksteine unserer Zivilisation."

Kommen derzeit mehr Griechen nach Hamburg? "Wir haben eine Arbeitslosigkeit von 24 Prozent, unter den jungen Leuten von 45 Prozent! Und die wächst sehr schnell. Deshalb kommen viele hoch qualifizierte junge Leute - aber eher nach Süddeutschland, es liegt näher an der Heimat."

6400 Menschen mit griechischem Pass leben offiziell in Hamburg. "Wir glauben, dass es in der Metropolregion 15 000 sind, viele von ihnen sind schon hier geboren." Bei 600 griechischen Restaurants in Hamburg hieße das, jeder Zehnte hat ein Restaurant? "Mag sein, da sind meine Landsleute ja auch in anderen Ländern stark." Sie kennt das von ihren Stationen in New York, Oslo, Wien und dem australischen Adelaide. "Kein Wunder, wir haben exzellentes Material, Wein, Olivenöl, frische Früchte, Gemüse, Fisch, Fleisch. Und wir mögen gutes Essen sehr."

Die blonde Diplomatin mit dem herzhaften Lachen stammt aus Korinth. "Der schönste Platz, ein gesegneter Ort, sehr fruchtbar. Alles wächst da. Wir haben Berge und das Meer, Sonne - einfach perfekt." Von klein auf war sie fasziniert vom Reisen und wollte sich für ihr Land engagieren. Studiert hat sie in Athen. Politikwissenschaften, internationale Beziehungen und Jura, Schwerpunkt Europäische Union. Englisch spricht sie, auch Französisch. "Und ich lerne Deutsch - ich mag das, die Strukturen sind ähnlich wie im Altgriechischen." Ihre drei Kinder - Sohn 12, Tochter 15, Sohn 18 - haben ihr zwar einiges voraus. "Aber ich lese Abendblatt und den "Spiegel" - so lerne ich."

Ekaterina Dimakis greift weit in die Geschichte, um das gute Verhältnis zwischen Deutschen und Griechen zu belegen. "Onassis hat mit seinen Aufträgen die Hamburger Werften nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in Schwung gebracht. Und die erste Griechin, die nach Deutschland reiste? Theopanu, die Kaiser Otto II. 972 nach Christus heiratete. Sie hat das Reich als Kaiserin fast 20 Jahre lang regiert, als ihr Mann starb, für ihren kleinen Sohn Otto III." Der erste griechische König nach der Befreiung von den Ottomanen? "Otto von Bayern, 1832 bis 1862. Er hat unseren modernen Staat gestaltet, die Gesetzbücher aus Deutschland mitgebracht." 18 Hamburger sind damals im Freiheitskampf gegen die Türken gefallen. "Das ist Blutsfreundschaft, wir Griechen werden das nie vergessen." 1836 wurde ihr Konsulat in Hamburg gegründet, es gehört zu den ältesten 20 in der Hansestadt.

Ekaterina Dimakis fühlt sich wohl in Hamburg. Die Kinder auch. "Vielleicht studiert ja eines hier, wenn ich weiterziehen muss - warum nicht?" Diplomatenfamilien sind flexibel. Ihr Mann, ein Norweger, pendelt zwischen Oslo und Hamburg. Sie hat ihn im Urlaub kennengelernt, "auf einer dieser superschönen griechischen Inseln".

Ein Jahr wird sie noch in Hamburg bleiben. Dann zieht sie weiter. Um eines muss sie sich dabei sicher nicht sorgen: "Eine gute griechische Taverne findet sich fast überall auf der Welt!"

Griechenland: Die magische Zahl 120 Prozent

Bei der Rettung Griechenlands wird vor allem um eine Zahl gerungen und gestritten: Die 120 Prozent, auf die der Schuldenstand des Landes bis 2020 sinken soll.

Diese sogenannte Schuldenquote (2012: geschätzte 171 Prozent) bezeichnet den Anteil der Schulden am Bruttoinlandsprodukt.

Eine Quote von 120 Prozent soll für die "Schuldentragfähigkeit" stehen – Griechenland könnte sich dann wieder selbst an den Kapitalmärkten auch längerfristig refinanzieren, so die internationalen Helfer.

Allerdings ist die Zahl kaum vergleichbar – manche Länder wie Japan haben eine viel höhere Schuldenquote und trotzdem keinerlei Probleme bei der Aufnahme neuer Kredite.

Ebenso problematisch ist die Annahme, Griechenland könne dieses Ziel bis 2020 – oder, wie jetzt vorgeschlagen wird, bis 2022 – erreichen.

Denn die große Unbekannte in der Rechnung ist die derzeit stark schrumpfende griechische Wirtschaft.

Sinkt das Bruttoinlandsprodukt, steigt die Schuldenquote erst mal – selbst wenn keine neuen Schulden hinzukommen.

Exakt vorauszusehen, wann wieder Wachstum entsteht und wie viel, dürfte aber selbst Hellsehern schwerfallen. Die 120 Prozent sind daher vor allem eine politische Zahl. (dpa)

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