08.11.12

Hamburg Persönlich

Annemarie Dose - Niemals geht man so ganz ...

Annemarie Dose feiert mit 400 Gästen den Abschied von der Hamburger Tafel - und will auch mit ihren 84 Jahren immer noch aushelfen.

Von Jenny Bauer
Foto: dpa

Die Hamburger Tafel-Gründerin Annemarie Dose (r.) bei ihrer Abschiedsfeier im Internationalen Maritimen Museum an der Seite des Hamburger Weihbischofs Hans-Jochen Jaschke

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HafenCity. Überraschungspartys haben meist einen kleinen Haken: Sie bleiben nur selten geheim. So erging es auch den Gastgebern, die gestern ins Internationale Maritime Museum luden, um Annemarie "Ami" Dose zu verabschieden. Aber wie so oft hatte sich jemand vorher verplappert und die Gründerin der Hamburger Tafel wusste von dem Fest. Dabei wurde diese Form der Party nicht nur gewählt, um Dose zu überraschen, sondern auch um ihren Abschied überhaupt gebührend begehen zu können - denn sie selbst bevorzugte einen unauffälligen Abgang. Typisch für die bescheidene 84-Jährige. "Was habe ich denn schon Tolles gemacht?", fragte sie, ohne eine Antwort abzuwarten. "Ich habe doch nur eine Türe geöffnet." Aber wer wirklich etwas erreichen wolle, brauche ein starkes Team - so wie ihres.

400 Gäste waren in die HafenCity gekommen, um umgeben von Schiffsmodellen und historischen Fotos ihrer "Ami" einen schönen Abschied zu bereiten. Mit dabei waren auch Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, Köchin Cornelia Poletto sowie Cord Wöhlke (Budnikowsky) und Hausherr Peter Tamm. Moderiert wurde die Veranstaltung von Carlo von Tiedemann. Einige Gäste brachten Annemarie Dose Abschiedsgeschenke mit, die meist als Spende an die Hamburger Tafel gingen. Die PSD Bank etwa spendete einen Mercedes-Transporter.

"Loslassen tut immer weh", sagte Annemarie Dose. Aber mit der Zeit werde sie sich daran gewöhnen. Die 84-Jährige geht offensiv mit ihrem Alter um. Sie könne doch schließlich an fünf Fingern abzählen, wie viele Weihnachten sie noch erleben werde. Es war ihr wichtig, die Tafel rechtzeitig in feste Hände abzugeben - die von Nachfolger Achim Müller. "Es ist ja nicht absehbar, dass sie weniger gebraucht wird", sagt sie. "Ganz im Gegenteil."

Die Zeit seit der Gründung der Hamburger Tafel 1994 bezeichnet Dose als die turbulentesten 18 Jahre ihres Lebens. Inzwischen werden mehr als 20 000 Bedürftige durch die Lebensmittel- und Sachspenden der Hamburger Tafel versorgt.

"Ich weiß selbst zu gut, was Not und Hilflosigkeit bedeuten", sagt Annemarie Dose. Schließlich habe sie den Krieg und die Zeit danach miterlebt. Später wurde sie Hausfrau und Mutter. 1993 starb ihr Mann - ein schwerer Verlust. Ein Jahr später begann Dose mit ihrer sozialen Arbeit.

"Ich wollte mich selbst retten", sagt sie heute. Sie benötigte die Resonanz von anderen, das Gefühl, gebraucht zu werden. Sie musste sich beschäftigen. "Mit Bridge, Golfen und Kaffeekränzchen konnte ich nichts anfangen." Dose holte mit einem Korb nicht verkauftes Brot beim Bäcker ab und verteilte es an Bedürftige in sozialen Einrichtungen. Sie hatte sich auf ein Dasein als Alleingängerin eingestellt. "Aber dann ging die Post ab", sagt sie. Mit neun Kühlwagen werden mittlerweile mehr als 100 Einrichtungen in der Stadt durch die Tafel versorgt. Nudeln, Obst - aber auch ein paar warme Socken. Alles, was woanders nicht mehr gebraucht wird, hat für Dose einen Nutzen. Manchmal fragt sie sich, was ihr Mann wohl zu all dem gesagt hätte. "Ich wusste ja selbst nicht, dass ich so was kann."

Dose fasst das Prinzip der Tafel so zusammen: "Einer hat Geld, einer hat Ware und einer hat Zeit." Die mit der Zeit, das sind sie und die anderen Ehrenamtlichen. Die meisten sind mehr als 60 Jahre alt - "über dem Verfallsdatum", wie Dose sagt. Unter anderem Ärzte, Anwälte und Handwerker. "Das sind alles gestandene Persönlichkeiten", sagt Dose. Deshalb lässt sie sich auch ungern als deren Chefin betiteln. Dadurch, dass die Arbeit freiwillig sei, habe sie eine besondere Note - man muss nicht, sondern darf noch arbeiten. "Es ist für mich ein Glück, dass ich mich mit meinen 84 Jahren hier jeden Tag vergnügen darf", sagt Dose. Auch in Zukunft will sie zur Stelle sein, wenn es an manchen Tagen eng mit Helfern wird. "Wäre ich jünger, käme ich nie auf den Gedanken aufzuhören. Es gibt noch so viel zu tun." Ein neues Projekt kommt nicht infrage. "Dann könnte ich ja hier bleiben, wo man mich braucht."

Wenn Annemarie Dose von den vergangenen Jahren spricht, benutzt sie immer wieder Worte wie "unglaublich", "Wahnsinn" und "überwältigend". Als hätte sie nicht mit so viel Unterstützung gerechnet. "Ich habe noch nie eine Absage gekriegt, wenn ich nach etwas gefragt habe", sagt sie. 10 000 Euro zum neuen Lieferwagen, Schlafsäcke oder eben das unverkaufte Brot. Sie frage aber auch nur bei Leuten, von denen sie wisse, dass sie es verkraften können, etwas abzugeben.

Viele Anekdoten haben sich so mit der Zeit angesammelt. Auf Doses Schreibtisch steht eingerahmt ein kleiner Brief. Darin heißt es wörtlich: "Ich war Der Towart Bein FußBall Tonir unb Maine Freude haben mit Gespended", steht darin. "Wen ir Den Brif öfnet dan ist Eine Überaschungg drin." Gut fünf Euro lagen bei. "Ist das nicht niedlich?", fragt Dose gerührt.

Oder die beiden Mädchen, die im Einkaufszentrum Geige gespielt haben und das eingenommene Geld spendeten. Immerhin 160 Euro. Dann war da noch der 91-jährige Mann, der sein ganzes Haus spendete und bis zu seinem Tod jeden zweiten Sonntag von Annemarie Dose Besuch bekam. Eine alte Dame aus Winterhude brachte ein Paket Frühstückspfefferkuchen und eine gestrickte Unterhose. "Ich habe zwei davon", soll sie gesagt haben. "Aber eine reicht mir ja." Annemarie Dose kommt gar nicht heraus aus dem Erzählen. Zu sehr berühren sie diese Geschichten. "Die Frage ist doch immer wieder: Würde ich das auch machen?"

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