08.12.12

Gestern & Heute

Skipper Hans Nagel - Erstochen auf hoher See

Der Tod des Wedelers Hans Nagel auf einer Yacht im Atlantik beherrschte vor 30 Jahren die Schlagzeilen. War es Notwehr oder doch Mord?

Von Axel Tiedemann
Foto: REUTERS
The HMS Bounty is shown submerged in the Atlantic Ocean during Hurricane Sandy southeast of Hatteras
Hans Nagel sollte die Yacht "Pan Tau" über den Atlantik nach Australien überführen (Symbolbild)

Das letzte Foto von ihm zeigt einen kräftigen Mann in weißem Hemd. Hans Nagel, 42 Jahre alt, steht im Cockpit einer 9,30 Meter langen Stahlyacht, einer Wibo 930, und blickt skeptisch auf den Fotografen, der ihn da vom Steg am Yachthafen von Wedel fotografiert. Dem Ort, wo Nagel in der Bookholtstraße mit seiner Frau wohnte. Der Name "Pan Tau" steht in breiter Schrift auf dem Heck. So wie der nette Herr mit Melone aus der alten TV-Serie heißt. Doch was sich Wochen später auf der Yacht abspielt, ist kaum fürs Kinderprogramm geeignet. Es geht um Sex, Mord auf hoher See, um Nagel, der dabei umkommt. Um zwei junge Mitseglerinnen, die ihn erstochen haben sollen. Und um einen zweiten Mann an Bord, der eine undurchsichtige Rolle spielt. Ein bis heute ungeklärter Kriminalfall, der sich vor 30 Jahren mitten auf dem Atlantik auf einem kleinen Boot abspielte. Damals beherrschte er lange die Schlagzeilen, der Stoff wurde später mit Jürgen Prochnow verfilmt. "Der Skipper", so lautet der Titel.

Ein Berufsskipper war Hans Nagel tatsächlich. Er galt als äußerst erfahren. Viele Yachten hatte er schon über den Atlantik gesegelt, auch allein. Einhand, wie es in der Seglersprache heißt. Es besaß alle Segelscheine und auch nautische Patente. Der perfekte Mann für den Job, den das Ehepaar Ebber aus dem westfälischen Borken zu vergeben hatte. Die beiden wollten nach Australien auswandern und dort auch ihre "Pan Tau" nutzen. Nagel bestand im Überführungsvertrag darauf, sie wegen ihrer geringen Größe allein über Gran Canaria, Barbados, Florida, Balboa, Tahiti und Moorea dorthin zu segeln.

Heute wohnen die Ebbers noch immer auf dem Fünften Kontinent, die Yacht "Pan Tau" haben sie nie wieder betreten. Dafür bekamen sie erst knapp 20 Jahre später die Logbücher und wurden stutzig. 2011 veröffentlichte die Zeitschrift "Yacht" ein erstes Interview mit Ursula Ebber und über ihre Zweifel an der offiziellen Version der Geschichte. Bis heute recherchiert sie weiter, entdeckt immer neue Ungereimtheiten.

Im Herbst 1982 erreicht Nagel mit der "Pan Tau" die Kanarischen Inseln. Auf Gran Canaria schaut er sich entgegen der Vereinbarung nach Mitseglern um. Nagel trifft zwei junge Engländerinnen, Kate Brenchley, 25, und Angela Thompson, 27. Auch der Münchner Hubert Müller, 42, kommt an Bord, ein Mann mit durchdringendem Blick, den andere Segler später als aufbrausend beschreiben und der heute irgendwo in Süddeutschland leben soll. Am 17. November legt die "Pan Tau" ab. Kurs Karibik, quer über den Atlantik, ein Törn, der gut vier Wochen dauern kann. Wie genau das Verhältnis der vier zueinander ist, lässt sich nur mutmaßen. Zeitungsberichte von 1982 sprechen von Sexorgien, Alkohol, Streit an Bord, versuchten Vergewaltigungen, aber auch davon, dass Nagel und eine junge Engländerin ein Paar waren. Spekulationen, wie sie bunte Blätter lieben, wenn menschliche Dramen öffentlich werden. Vielleicht gibt es im Herbst 1982 die Abmachung Sex gegen Koje, vielleicht braucht Nagel auch nur Helfer, vielleicht ist es eine Mischung aus beidem.

In der offiziellen Version ist es der 28. November, viele Hundert Meilen schon von Gran Canaria entfernt, als die Situation eskaliert, Nagel erstochen und über Bord geworfen wird. 16 Tage später schildern Müller und die beiden Frauen ihre Vision, als sie die Karibikinsel St. Lucia erreicht haben: Nagel soll viel getrunken haben, schließlich soll er versucht haben, eines der Mädchen in der Nacht zu vergewaltigen und es sogar über Bord zu werfen. Die junge Frau habe sich mit dem Messer gewehrt, ihre Freundin stach mit einem anderen Messer zu. Notwehr, wie sie es Polizisten und Reportern schildern. Die Leiche wollen sie über Bord geworfen haben. Müller bestätigt die Darstellung, er selbst habe während der Tat geschlafen und sei dann ebenfalls von den Frauen bedroht worden. Man habe sich aber schließlich auf eine Art Waffenstillstand geeinigt, denn nur er habe das Boot weitersegeln können.

Die Behörden auf der Karibikinsel glauben die Darstellung von der Notwehr, lassen die drei ausreisen.

Die Ermittlungen der später zuständigen Staatsanwaltschaft Münster ziehen sich in den Folgejahren hin. 16 Jahre später wird das Verfahren eingestellt, die Ebbers erhalten die Beweismittel wie Logbücher, Fotos und Karten zurück von der "Pan Tau", die sie billig auf St. Lucia verkaufen mussten. Und sie stoßen auf Ungereimtheiten. Aussagen Müllers vor der Staatsanwaltschaft und in Zeitschriften widersprechen einander, sagen sie und weisen die Behörden darauf hin. Nachträglich habe Müller Eintragungen ins Logbuch vorgenommen, die angeblich von Skipper Nagel stammen sollen. Um den wahren Todestag und Hergang zu vertuschen?

2006 wird der Fall doch zu den Akten gelegt, ein Antrag auf ein Auslieferungsverfahren gegen die beiden Frauen wird von einem Londoner Gericht abgelehnt, weil der Fall so lange her sei. "Das ist wahrlich kein Ruhmesblatt für die Staatsanwaltschaft Münster", sagt Ursula Ebber, die nun ein Buch über das Drama auf der "Pan Tau" plant. Abgeschlossen ist der Fall für sie lange noch nicht.

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