Hamburgs Straßen und ihre Menschen: Wir porträtieren die Nachbarn der ersten Stunde und berichten über ihre Viertel im Wandel der Zeit.
Hier bei mir - Folge 2: Ditmar-Koel-Straße
Mitten in der Stadt, mitten im Leben
Im Portugiesenviertel gibt es nicht nur viele Cafés und Restaurants, sondern auch manche Skurrilität zu entdecken.
Hier bei mir - Heute: Ditmar-Koel-Straße
Foto: Michael Rauhe
Hamburg. Sommertage beginnen hier wie im Süden. Vor den Cafés, Tapas-Bars und Restaurants spritzen Kellner die Gehwege mit Wasserschläuchen ab, stellen Tische und Stühle zurecht oder bedienen die ersten Kunden. Der Duft von Kaffee und frischem Gebäck liegt in der Luft, vom Hafen weht eine salzige Brise herüber. Auf ihrem Weg von den Landungsbrücken zum Michel schlendern die ersten Touristen durch die Ditmar-Koel-Straße im Portugiesenviertel.
Vor der Taparia Julio's sitzt Walter Löwenberg. Er hat sich 1971 als Friseur
in dem Quartier niedergelassen und ist seitdem aus der Straße nicht mehr
wegzudenken. Auf dem Tisch vor sich hat der 72-Jährige einen museumsreifen,
batteriebetriebenen Plattenspieler aufgebaut, auf dem eine alte
Beatles-Scheibe rotiert. Walter, wie alle ihn hier nennen, singt lauthals
mit - in der Hand eine brennende Zigarette, rosa Hemd zur weißen Hose, um
den Hals eine goldene Kette, an der zwei kleine Anhänger baumeln: Schere und
Kamm. Die Nachbarn auf den Balkonen stören sich nicht an der Musik. Weder
das frühstückende Yuppie-Pärchen noch der Dicke, der sich mit freiem
Oberkörper in die Sonne gesetzt hat.
Walter kennt fast alle im Viertel. Nach dem Tod seiner Frau vor acht Jahren
fand er Trost und Zuspruch bei den Nachbarn. Vor drei Jahren hat er seinen
Salon geschlossen, hinter dem er immer noch wohnt. Seitdem ersetzt ihm so
manches Restaurant in der Straße sein Wohnzimmer. Dreieinhalb Jahrzehnte hat
er seiner Kundschaft die Haare geschnitten. Zunächst waren es Hafen- und
Werftarbeiter, die im Viertel wohnten, und Geschäftsleute, die an der
Ditmar-Koel-Straße Pelzwaren, Lebensmittel, Blumen und Kurzwaren verkauften.
Auch Seeleute gehörten dazu, vor allem skandinavische - schließlich liegen
an der Ditmar-Koel-Straße die Seemannskirchen von Schweden, Finnland,
Norwegen und Dänemark.
"Später siedelten sich hier Polen und Russen an", erzählt
Walter und stellt die Musik lauter. Nach den Beatles dreht sich jetzt eine
Schlagerplatte von anno dazumal auf dem Plattenteller. Er springt auf,
stellt sich mit ausgebreiteten Armen vor zwei junge Touristinnen und singt
schmachtend: "Wir wollen niemals auseinandergeh'n". Die beiden
Mädchen lächeln verlegen. Walter Löwenberger lässt sie vorbei und setzt sich
schmunzelnd wieder hin. "Zurück zu den Osteuropäern."
Sie übernahmen in den 80er-Jahren die von ihren deutschen Besitzern aufgegebenen Geschäfte und trieben in der Ditmar-Koel-Straße schwunghaften Handel mit Elektrogeräten und Feuerzeugen. Manchmal auch mit geschmuggelten Zigaretten, Wodka und Autos - wie Zbigniew Nawrot, der traurige Berühmtheit erlangte, als er mitsamt seinem Ferrari 1991 in der Hamburger Innenstadt in die Luft gesprengt wurde. "Das war sein Geschäft", sagt Walter und zeigt auf einen Laden schräg gegenüber.
Es war nicht das einzige Mal, dass die Straße Schlagzeilen machte - da gab es
Schießereien, Drogendelikte und Schmuggel. Dann wurde es ruhiger in der
Ditmar-Koel-Straße. Polnische und russische Geschäftsleute verschwanden. Die
portugiesischen Gastarbeiter, die schon damals im Viertel wohnten,
übernahmen die Läden und begannen ihren gastronomischen Siegeszug. Frische
Fischgerichte, Tapas, süße Nata-Törtchen - aber hauptsächlich wohl das
mediterrane Flair mit tutenden Schiffen und kreischenden Möwen haben die
Ditmar-Koel-Straße zu einer beliebten Ausgehmeile gemacht.
Walter Löwenberger ist allerdings nicht der
älteste "Ureinwohner" hier. In der "Seekiste"
verkauft Günther Biller (72) in zweiter Generation maritime Souvenirs,
nautische Instrumente, Galionsfiguren und antike Schiffsmodelle. Ein paar
Häuser weiter befindet sich der Feinkostladen, den Horst Meyer (69) und
seine Frau Helga (67) seit 1962 führen - sie wurde in der Ditmar-Koel-Straße
geboren und ist nie aus dem Viertel weggezogen. Sofia Rodrigues (37), die
sich vor der Taparia zu Walter an den Tisch gesetzt hat, wuchs hier in einer
Dreizimmerwohnung - 75 Quadratmeter für 150 Mark ohne Heizung, Bad und
Dusche waren im Treppenhaus. "Erst in den 90er-Jahren wurden die
Wohnungen nachgerüstet und bekamen ein eigenes Bad", erinnert sich
die Portugiesin. Mittlerweile sind die Mieten hier um ein Vielfaches
gestiegen. Immer mehr Künstler, Schauspieler und Werber zieht es in das
quirlige Viertel. Neben Feinkost Meyers hat sich Feinkunst Krüger etabliert,
eine Galerie, die unbekannte Künstler fördert. Direkt neben Walters Laden,
in der ehemaligen Farbenfabrik Bellmann, sitzt Produzent Fatih Akin mit
seiner Firma Corazón. "Der war vorhin gerade hier - mit Kind und
Fahrrad", sagt Walter. Ihm entgeht nichts, was hier passiert. Wenn er
wissen will, was am anderen Ende der nur gut 400 Meter langen Straße los
ist, setzt sich Walter Löwenberg, der ehemalige Hafenfriseur, einen
schwarzen Helm auf. Dann schwingt er sich auf sein NSU-Moped, ebenso
museumsreif wie der Plattenspieler, und tuckert los, die Ditmar-Koel-Straße
hinunter.
Die nächsten Folgen
Mittwoch, 29. Juli: Große Brunnen- straße (Ottensen)
Freitag, 31. Juli: Roonstraße (Hoheluft)
Montag, 3. August: Harkortstraße (Altona)






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