24.11.12

Die Stadtteilserie

Eißendorf: Ein Ort der Superlative

Hier steht unter anderem Hamburgs schärfster Imbiss. So "steinig-grau" sich der Stadtteil im Norden gibt, so wunderbar grün ist er im Süden.

Von Lutz Kastendieck
Foto: Anima Berten
Koppeln an der Friedhofstraße – ländliche Idylle pur
Koppeln an der Friedhofstraße – ländliche Idylle pur

"Wo die Göhle rauscht, wo die Eichen steh'n, vom Broock bis zur Höhe, Eißendorf, wie bist du so schön." Ob der salbungsvolle Reim des Rittmeisters Ferdinand Moje aus den Goldenen Zwanzigern noch überall gilt, darf bezweifelt werden. Zwar verströmt das Göhlbachtal noch immer ländliche Idylle. An die südliche Flanke schmiegen sich ausgedehnte Kleingartenanlagen. Und oberhalb des Reiherhoopwegs grasen sogar drei putzige Angus-Kälber. Doch die zunehmende Industrialisierung ausgangs des 19. Jahrhunderts hat ihre Spuren hinterlassen.

Zu trauriger Berühmtheit gelangte Eißendorf im Zusammenhang mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Denn Mohammed Atta und zwei weitere Todespiloten wohnten seit 1998 als Studenten an der Marienstraße 54. Ansonsten aber ist dieser Stadtteil völlig unspektakulär. Kein Großbetrieb, keine Hochschule, kein Krankenhaus, kein Museum, keine Nobelgastronomie. Das mag auch der Grund dafür sein, warum Eißendorf von vielen nur als Transitterrain wahrgenommen wird. Auf den beiden langen Magistralen Bremer Straße und Ehestorfer Weg/Eißendorfer Straße gelangt der Eilige rasch von der Autobahn 7 und dem schönen Rosengarten ins Oberzentrum der Süderelberegion Harburg. Oder eben retour.

Als die Bauern Napoleon trotzten

Das war schon früher so. Alles, was Napoleon I. während der französischen Besatzungszeit zu Beginn der zweiten Dekade des 19. Jahrhunderts interessierte, war der Bau einer großen Heerstraße für den zügigen Truppentransport gen Osten - die heutige Bremer Straße. Dafür sollte seine Armee auch Arbeitskräfte aus Eißendorf rekrutieren. Doch die renitenten Bauern wussten sich zu wehren. Statt kräftiger Knechte entsandten sie "nur Kinder, ohnmächtige Weiber und kümmerliche Personen", wie ein Chronist notierte. Dieser Umstand hat die Franzosen offenbar so entrüstet, dass sie im März 1814 die Reste des Dorfes brandschatzten. Da hatten sich die Bauern aber längst in die Wälder der Umgebung zurückgezogen.

Erst Mitte des 19. Jahrhunderts entstand Eißendorf an gleicher Stelle neu. Im sogenannten Verkoppelungsprozess wurde das Land an die Bewohner verteilt. Der Viehbesitz bestimmte die Größe des jeweiligen Anteils. So entstanden Höfe mit prächtigen Fachwerkbauten, die heute aber nur noch rudimentär im Göhlbachtal erhalten sind.

Mit der Beschaulichkeit war es vorbei, als das expandierende Hamburg Eißendorf als ideales Bau- und Siedlungsgebiet entdeckte. In Windeseile entstanden rund um die Eißendorfer Straße große Wohnblöcke, Quartiere für die Arbeiter der in Harburg wachsenden Industriebetriebe. Der Urnenfriedhof der Langobarden wurde bebaut, ebenso wie 1929 der alte Exerzierplatz. Das rumplige Kopfsteinpflaster musste breiten, modernen Straßen weichen. Mit ihnen verschwanden auch viele alte Kiefern und knorrige Kastanien.

"Die Mietskasernen haben die soziale Struktur Eißendorfs maßgeblich geprägt", sagt Andree Manhold, Pastor der Lutherkirche am Kirchhang. Dank seiner Holzempore und der bemalten Holzdecke ist das 1905/06 gebaute Gotteshaus mit etlichen romanischen Stilelementen ein echtes Kleinod. "Im Stadtteil leben viele arme und alte Menschen. Rund 50 Prozent sind Migranten, vor allem Russen, Kasachen, Türken und Iraner. Das sind zum Teil schwierige Verhältnisse", sagt Manhold. Dennoch sei der Durchschnitts-Eißendorfer im Prinzip ein bodenständiger, unaufgeregter und toleranter Zeitgenosse, der zumeist in sich selbst ruhe. Das mag auch daran liegen, dass er beim Einkauf von Nahrungs- und Genussmitteln getrost mal was vergessen kann. In kaum einem anderen Hamburger Stadtteil ist die Dichte an Kiosken höher als in Eißendorf.

Grau im Norden, grün im Süden

Zur allgemeinen Gelassenheit der hiesigen Bewohner dürfte noch ein weiterer Wohlfühlfaktor beitragen: So "steinig-grau" sich der Stadtteil im Norden gibt, so wunderbar grün ist er im Süden. Fast die Hälfte seines Territoriums entfällt auf den Eißendorfer Forst. Der umfasst 520 Hektar Wald, in dem es 50 Kilometer Wanderwege, 15 Kilometer Reitwege und sogar ein Feuchtbiotop gibt. Viele neue Routen speziell für Nordic Walker, Skater und Mountainbiker entstehen im Zuge der Umsetzung des Regionalpark-Konzepts Rosengarten.

Vielfältiger könnten Flora und Fauna so stadtnah kaum sein. Im Eißendorfer Forst finden sich Kiefern, Buchen, Fichten, Eichen, Douglasien, Birken und Lärchen. Zu dem komplexen Lebensraum gehören aber ebenso Rehe, Wildschweine, Füchse, Dachse und Marder sowie die selten gewordenen Schwarzspechte und Hirschkäfer. Hier steht übrigens auch der mit 52 Meter einstmals höchste Baum Hamburgs. Heute misst er nur noch knappe 30 Meter. Das Orkantief "Wiebke" hat die stolze Olympiadouglasie 1990 regelrecht geköpft.

Ein Aussichtsturm zum Verlieben

Gleich ganz geschleift wurde jener Turm, der der "Majestätischen Aussicht" am Ehestorfer Weg ihren Namen gab. Alte Eißendorfer wissen zu berichten, dass man früher von der Aussichtsplattform des 36 Meter hohen Holzturms über die Wipfel der Bäume hinweg bis nach Hamburg schauen konnte. Baufällig geworden, hat man ihn 1923 abgetragen und durch ein neun Meter hohes Exemplar aus Stein ersetzt. Das gewährte zwar keine "Majestätische Aussicht" mehr, war dafür aber umso begehrter bei Liebespaaren. Bis es vor gut 40 Jahren ebenso ausgedient hatte, als die Trasse der Autobahn 7 durch die Harburger Berge getrieben wurde.

Größter Kirchenfriedhof des Nordens

Eine weitere grüne Oase Eißendorfs ist der Neue Friedhof an der Bremer Straße. Als er am 15. Mai 1892 eingeweiht wurde, befand er sich noch zwei Kilometer "außerhalb der Stadt". Heute liegt er praktisch mittendrin. Mit einer Fläche von 32 Hektar ist er der größte kirchliche Friedhof Norddeutschlands. Und einer der schönsten. Die meisten Wege ziehen sich nicht rechtwinklig, sondern in weiten Schwüngen durch die parkartige Anlage mit vielen heimischen Sträuchern und Bäumen. Zwischen Bremer Straße und Beerenhöhe liegen immerhin respektable 30 Meter Höhenunterschied.

Ruhe kann man zwischen den mehr als 40 000 Grabstellen und den bis zu fünf Meter hohen Rhododendren und Azaleen fast überall finden, während auf der Bremer Straße der Verkehr fast 24 Stunden am Tag durch den Stadtteil tost. Inne gehalten wird dort allenfalls an der legendären Bruzzelhütte. Hamburgs ältester Imbiss bietet die schärfsten Currywürste Deutschlands. Bei Wirt Stefan Rupprecht hat es schon manch gestandenem Mannsbild buchstäblich den Atem verschlagen. Hier ist Eißendorf wirklich heiß.

In der nächsten Folge am 26.11.: Sasel

Die Serie finden Sie auch unter www.abendblatt.de. Die Serie als Buch: jetzt im Handel, unter www.abendblatt.de/shop oder Telefon 040/347 265 66 erhältlich

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