02.07.13

Strafbar oder legal?

Auf St. Pauli gibt es Hanfsamen aus dem Automaten

Mit ihrem Geschäftsmodell bewegt sich eine 39-jährige Hamburgerin in einer legalen Grauzone: 250 Hanfsamensorten kann man von nun an bei Mediseed auf der Reeperbahn kaufen. Wie funktioniert das?

Von Daniel Herder und Dania Maria Hohn
Foto: Michael Arning

Rechtliche Grauzone: Im Laden „Mediseed“ von Veronique Wichmann auf der Reeperbahn ziehen Kunden Hanf aus dem Automaten
Rechtliche Grauzone: Im Laden "Mediseed" von Veronique Wichmann auf der Reeperbahn ziehen Kunden Hanf aus dem Automaten

St. Pauli. Die Idee ist so simpel wie provokant: Veronique Wichmann hat ein Geschäft zum Verkauf von Cannabis-Samen eröffnet. Mitten auf dem Kiez können Kunden das Saatgut aus Automaten ziehen. 250 Hanfsamensorten hat der seit einigen Tagen geöffnete Laden mit dem grellbunten Design im Sortiment. Kiffer sollen bei Mediseed aber nicht selig werden – das Ganze diene ausschließlich medizinischen Zwecken, betont Wichmann.

Die 39-Jährige steht neben den leuchtenden Automaten. Vor fünf Jahren sorgte sie für Aufsehen, weil sie die Modedroge "Spice" in Hamburg verkaufte. Auch damals bewegte sie sich hart am Rande des Gesetzes. "Spice" besteht aus synthetischen Cannabinoiden und ist inzwischen verboten.

Seit Sonnabend purzeln auf Knopfdruck in Plastikbeutel verpackte Hanfsamen in den Ausgabeschacht. Kunden brauchen zum Bezug der Ware nur eine EC-Karte und – so steht auf einem Schild zu lesen – eine medizinische Ausnahmegenehmigung, die sie zum Anbau von Cannabis berechtigt. Wer dann den Start-Knopf drückt, akzeptiert die rechtlichen Hinweise, etwa "die erworbenen Produkte nicht gesetzeswidrig zu verwenden". Wichmann glaubt sich so auf der sicheren Seite: "Anders als in der Apotheke stehe ich hier nicht in der Pflicht, mich nach einer Ausnahmegenehmigung zu erkundigen. Das wäre mir auch unangenehm, jeden Kunden nach seinen persönlichen Hintergründen zu fragen."

Mediseed möchte so schwerkranken Menschen helfen, die ihre Schmerzen mit dem in Cannabis-Pflanzen enthaltenen Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) lindern. Rund 150 Kranke in Deutschland erhalten das Gras mit behördlicher Genehmigung aus der Apotheke. Dafür können monatlich Hunderte Euro fällig werden, die Krankenkassen übernehmen die Kosten in der Regel nicht. Ihnen will Wichmann die Chance geben, günstig an schmerzlindernde Substanzen zu kommen.

Mit ihrem Geschäftsmodell bewegt sich die 39-Jährige in einer rechtlichen Grauzone. Bisher dürfen Betroffene zwar Cannabis erwerben, aber nicht selbst anbauen. Unklar ist auch, ob der Hanfsamen verkauft werden darf. Er enthält zwar kein THC, die Pflanzen aber schon. Die Staatsanwaltschaft prüft deshalb, ob sich Wichmann strafbar macht. "Der Sachverhalt ist bekannt und wird geprüft", sagte ein Sprecher. "Wir sind auf juristische Auseinandersetzungen eingestellt", sagt Wichmann. "Wir freuen uns darauf. Es ist wichtig, die Rechtslage eindeutig zu klären."

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