30.06.13

Interview

"Es gibt ein Bedürfnis nach Rausch"

Hamburgs oberster Sucht-Wächter hat in dieser Woche eine neue Studie vorgestellt. Das Ergebnis alarmiert: Kiffen und Trinken ist bei Jugendlichen aus gutem Haus zunehmend gesellschaftsfähig.

Von Sascha Balasko
Foto: Fotos: Marcelo Hernandez,Getty Images / Montage: Thorsten Ahlf

Theo Baumgärtner untersucht seit 2004 das Drogenverhalten der Hamburger Jugendlichen
Theo Baumgärtner untersucht seit 2004 das Drogenverhalten der Hamburger Jugendlichen

Hamburg. Theo Baumgärtner von der Landesstelle für Suchtfragen hat die aktuelle Schüler- und Lehrerbefragung zum Umgang mit Suchtmitteln (SCHULBUS) in dieser Woche vorgestellt. Heraus kam, dass zwar das Einstiegsalter beim Konsum von Tabak und Alkohol bei den 14- bis 17-Jährigen steigt, allerdings steigt auch der Konsum von Cannabis. Das betrifft besonders Kinder aus sozial besser gestellten Haushalten. Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) hat deshalb eine Aufklärungskampagne angekündigt.

Hamburger Abendblatt: Herr Baumgärtner, Ihre neueste Studie zeigt, dass der Anteil der Jugendlichen, die kiffen oder mindestens einmal einen Joint geraucht haben, nach Jahren der Entspannung wieder steigt. Woran liegt das?

Theo Baumgärtner: Das hat immer verschiedene Gründe. Aber wie bei allen Phänomenen unterliegen auch Drogen bestimmten Modeerscheinungen – also der Frage, was gerade angesagt oder hip in der Jugendszene ist. Die Verfügbarkeit spielt eine Rolle und natürlich auch der Preis. Man kann überspitzt sogar sagen, dass auch beim Cannabiskonsum die Regeln der Marktwirtschaft greifen.

Ist die Zunahme, die Sie in Ihrer Studie feststellen, eigentlich eine normale statistische Schwankung oder kann man tatsächlich von einem Umschwung sprechen?

Die Ergebnisse sind gegen den statistischen Zufall abgesichert. Von 2004 bis 2007 hatten wir einen Rückgang. Jetzt haben wir einen signifikanten Anstieg von elf auf 17 Prozent bei den 14- bis 17-Jährigen bezogen auf den aktuellen Konsum. Das bedeutet, dass also etwa jeder sechste Jugendliche in den vergangenen 30 Tagen mindestens einmal einen Joint geraucht hat.

Herr Baumgärtner, Sie sagen, dass es zwischen Rauchen und Cannabiskonsum einen Zusammenhang gibt. Dabei belegen die Zahlen doch eigentlich, dass der Tabakkonsum bei Jugendlichen wie bei den Erwachsenen stetig sinkt.

Es steigen immer weniger Jugendliche in den Konsum von Tabak ein, das stimmt. Aber diejenigen, die schon dabei sind, intensivieren ihren Konsum.

Welche Erklärung haben Sie dafür?

Grundsätzlich ist es ein qualitativer Sprung vom Nichtrauchen zum Rauchen. Die Schritte vom gelegentlichen zum regelmäßigen Konsum sind dagegen eher graduell. Die Maßnahmen der vergangenen Jahre, wie die spürbare Preiserhöhung, die Anhebung des Abgabealters oder das schulische Rauchverbot, bestärken diejenigen, die bisher noch nie geraucht haben, in ihrem bisherigen Verzichtsverhalten. Schwerer zu erreichen sind dagegen immer diejenigen, die bereits ein bestimmtes Konsumverhalten praktizieren, denn sie müssen motiviert werden, dieses Verhalten zu verändern.

Der steigende Cannabiskonsum betrifft offenbar vor allem Kinder aus gutem Elternhaus. Wieso ist das so?

Wenn es in der Jugendszene angesagt ist, Cannabis zu konsumieren, dann können es sich diejenigen, die etwas mehr Geld zur Verfügung haben, auch eher leisten, dieses Verhalten auszuleben. Unsere Untersuchungen haben ganz klar gezeigt, dass Jugendliche, die regelmäßig Suchtmittel konsumieren, ganz schlicht mehr Geld in der Tasche haben.

Was ist mit dem Phänomen der Beschaffungskriminalität?

Das gibt es bei Jugendlichen so gut wie gar nicht.

Mädchen gleichen sich in ihrem Suchtverhalten den Jungen an. Was sind die Gründe dafür?

Wir haben diese Angleichungsprozesse von Jungen und Mädchen in vielen Bereichen. Die geschlechtsspezifischen Rollenbilder, die es zwar noch gibt, weichen immer mehr auf. Mädchen sind heute auch selbstbewusster als sie es vor zehn oder 20 Jahren waren. Und das wirkt sich auch auf ihr Konsumverhalten aus.

Der aktuelle Alkoholkonsum bei Jugendlichen steigt ebenfalls wieder an. Liegt es daran, dass Trinken bis zu einem gewissen Maß gesellschaftlich akzeptiert ist, teilweise auch gefordert wird?

Wenn man sich umschaut, in welcher Lebenswelt Jugendliche unterwegs sind, dann sieht man, dass dort Begriffe wie Mäßigung, Innehalten oder Genuss immer mehr verblassen. Es gewinnen dort, wie in unserer Gesellschaft insgesamt, zunehmend XXL-, All-Inclusive- und Flatrate-Mentalitäten an Bedeutung. Es geht immer um mehr. Das ist ein Lebensgefühl, das den Kindern und Jugendlichen vermittelt wird. Solange beispielsweise der Erfolg von Volksfesten wie dem Alstervergnügen oder dem Hafengeburtstag an der Zahl der dort verkauften Hektoliter Bier gemessen wird, dürfen wir uns über die Konsumorientierung bei den Jugendlichen nicht wundern.

Aber das ist ja nun viele Jahre her.

Das ist richtig. Aber Volker Kauder (Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, d. Red.) hat noch zur Eröffnung des Berliner Oktoberfestes 2010 gesagt: "Zwei, drei Weizenbier am Tag – die müssen einfach sein. Es ist eine Unkultur geworden, dass in so vielen Gläsern unseres Landes am Abend stilles Wasser hängt." Damit wird eine Haltung ausgedrückt. Aus meiner Sicht ist das Verhalten der Jugendlichen letztlich nichts anderes als der Spiegel solcher Haltungen der Erwachsenen. Oder wie Karl Valentin es sagte: "Wir brauchen unsere Kinder nicht zu erziehen, sie machen uns eh alles nach."

Weil also das Maßhalten in der Gesellschaft nicht mehr verbreitet ist, gibt es das Phänomen des Flatrate-Saufens?

Es gibt auf der einen Seite das Phänomen, dass immer weniger Jugendliche in den Konsum von Alkohol einsteigen oder immer später, also wenn sie älter sind. Aber diejenigen, die bereits Alkoholerfahrung haben, für die etabliert sich das exzessive Konsummuster. Es wird normaler, viel zu trinken.

Eine Entwicklung also wie beim Rauchen und beim Kiffen.

Ja und nein. Beim Alkohol und Tabak steigen immer weniger oder wenn, dann immer später ein. Wenn sie schon eingestiegen sind, dann konsumieren sie exzessiver. Beim Kiffen dagegen steigen beide Werte an. Hinzu kommt, dass Jugendliche sich mit dem Drogenkonsum von den Erwachsenen abgrenzen und innerhalb der Gruppe der Gleichaltrigen durch exzessiven Konsum zuweilen auch auffallen wollen. Es geht um die Frage, wie und wann werde ich wahrgenommen. Die Antwort ist: wenn ich was Besonderes bin.

Aber da unterscheidet sich die heutige Generation doch nicht von der aus beispielsweise der 50er- oder 70er- Jahre. Da haben Jugendliche doch auch getrunken und geraucht.

Es hatte aber eine andere kulturelle Einbettung. Wenn früher Alkohol getrunken wurde, dann war die soziale Kontrolle größer, da waren die Erwachsenen stärker involviert und der Konsum war enger mit konkreten Anlässen verknüpft. Mein Eindruck ist, dass heute häufig nicht mehr so sehr im Anlass das Besondere liegt, sondern dass das Besondere im exzessiven Konsum gesucht wird.

Ab wann wird der Konsum von Alkohol, Tabak und Cannabis gefährlich? Abdriften in die Sucht scheint ein gesellschaftliches Problem zu sein.

Das hängt immer von der Persönlichkeit des Konsumenten ab. Ich kenne den Wunsch danach, das auf einfache Zahlen oder Grenzwerte herunterzubrechen. Aber Aussagen wie "zwei Bier sind in Ordnung, drei aber nicht mehr", können die Leute auch in einer falschen Sicherheit wiegen. Es ist vor allem wichtig, was die Hintergründe für den Konsum sind. Das Warum und nicht das Wie viel ist entscheidend. Bei einem Erwachsenem, der sich einmal im Jahr auf dem Schützenfest einen Rausch antrinkt, damit würde ich kein Problem haben. Wenn aber das Trinken instrumentalisiert wird, um Sorgen zu vergessen, Verhaltensunsicherheiten zu überspielen oder einfach eingeschlichenen Gewohnheiten nachgeben zu können, dann kann das sehr schnell zu einem großen Problem werden. Was aber völlig klar sein muss: Alkohol hat in den Händen von Kindern – egal in welcher Menge – eindeutig nichts zu suchen.

Was stellt denn ein Cannabis- oder Alkoholrausch mit jugendlichen Gehirnen an?

Das Gehirn ist bei Jugendlichen noch in der Entwicklung. Es gibt ganz viele neurologische Prozesse, die nicht abgeschlossen sind. Und wenn in diesem Fall ein Nervengift eingreift, ist das mit Sicherheit für die Entwicklung des Gehirns schädlich. Und zwar bleibend.

Wie weit wirkt sich das auf den späteren Lebensweg aus?

Wenn man keine Aufmerksamkeit aus dem Elternhaus erfährt, in der Schule nicht klarkommt, und es nicht gelernt hat, sich in seiner Freizeit vernünftig zu beschäftigen, dann wird diese negative Entwicklung durch die Einnahme dieser Substanzen noch verschärft.

Ihre Studie fördert aber auch positive Entwicklungen zutage. So erhöht sich das Alter der Jugendlichen, die Drogen konsumieren. Warum ist das eine gute Nachricht?

Weil wir nachweisen können, dass es einen engen Zusammenhang gibt zwischen dem Erstkonsumalter von Alkohol, Tabak und Cannabis und den späteren Formen des Umgangs mit diesen Suchtmitteln. Wer früh einsteigt, in einer Phase, in der er physiologisch und psychisch noch in der Entwicklung steht, neigt dazu, später exzessivere Konsummuster auszubilden.

Lässt sich das in Zahlen ausdrücken?

Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass unter den heute 16- bis 17-Jährigen, die mit 13 Jahren oder früher erstmals Alkohol getrunken haben, etwa 60 Prozent einen regelmäßigen Konsum angeben. Unter denjenigen, die erst mit 16 Jahren zu trinken begannen, hat sich ein solches Konsummuster nur bei 34 Prozent der Jugendlichen etabliert.

Worauf müssen Eltern achten und was können sie machen, wenn sie einen Drogenmissbrauch bei den Jugendlichen feststellen?

Wichtig ist, und das gilt generell, dass Eltern ihren Kindern eine liebevolle, zugewandte und respektvolle Erziehung angedeihen lassen. Das bedeutet nicht die Abwesenheit von Regeln, sondern deren klare Formulierung. Bei vermutetem und auch bei faktisch bestehendem Umgang der Kinder mit Suchtmitteln sind Reaktionen wie Vorwürfe, Strafandrohungen oder Liebesentzug sicher der falsche Weg und führen eher dazu, dass ihre Elternbindung unnötig gefährdet und der Zugang zu diesen Kindern noch schwieriger wird. Offenheit und Vertrauen sind in solchen Situationen wichtiger denn je.

Was können Lehrer machen?

Schulen haben in erster Linie natürlich einen Bildungs- und dann erst einen Erziehungsauftrag. Dennoch bekommen die Lehrer natürlich vieles von dem mit, was die Jugendlichen umtreibt, und das können sie nicht ignorieren. Sie sollten sich im Kollegium austauschen, den Vertrauenslehrer und/oder den schulischen Sozialpädagogen ansprechen und auch frühzeitig die Eltern mit ins Boot holen. Bei Drogenproblemen können Lehrer wie Eltern selbstverständlich auch die Unterstützung regionaler Suchtberatungsstellen in Anspruch nehmen. Gerade in Hamburg verfügen wir über ein hervorragend ausgebautes Hilfesystem.

Für viele Eltern ist das aber mit einem großen Makel behaftet.

Suchtberatung steht in der Wahrnehmung Vieler immer noch in der Schmuddelecke. Wenn man aber nicht so sehr den Wortteil "Sucht", sondern den der "Beratung" in den Vordergrund stellt, dann wird das dem Thema gerechter. Außerdem gibt es in den Beratungsstellen nicht nur Angebote für die Betroffenen selbst, sondern auch für deren Angehörige. Eltern können sich schon Rat holen, wenn das Kind noch nicht süchtig ist, sondern etwa auffällig viel trinkt. Warten Sie nicht, bis es zu spät ist.

Hat die Gesellschaft ein grundsätzliches Suchtproblem?

Es gibt das Bedürfnis nach Rausch in unserer Gesellschaft. Was ihr fehlt, ist aus meiner Sicht der Ansatz einer Rauschpädagogik. Der Umgang mit Rauschmitteln führt tatsächlich bei einer nicht unerheblichen Zahl von Menschen in die Sucht. Wenn dies dann auch noch bei Kindern und Jugendlichen passiert, ist dies ein großes Problem.

Ist die Unterscheidung harte und weiche Drogen verharmlosend?

In dieser verwirrenden Begrifflichkeit steckt ein riesiges Problem. Je nach Perspektive kann man ein und dieselbe Substanz als Genussmittel, Suchtmittel, Rauschmittel, Droge oder Rauschgift bezeichnen. Allen gemein ist, dass es psychoaktive Substanzen sind, die über das zentrale Nervensystem zu einer Bewusstseinsveränderung führen. In der Suchtforschung spricht man deshalb nicht von harten und weichen Drogen, sondern eher von harten und weichen Konsummustern.

Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks hat sich in dieser Woche ganz deutlich gegen eine Legalisierung von Cannabis ausgesprochen. Ist das der richtige Weg, dem Missbrauch vorzubeugen?

Wenn es um Kinder und Jugendliche geht, ein ganz klares und unmissverständliches Ja. Gleichwohl können wir uns in Bezug auf die Verbreitung des Cannabiskonsums unter Erwachsenen sicher nicht der Tatsache entziehen, dass die bisherige Prohibitionspolitik offenbar nicht zu den mit ihr verknüpften Zielen geführt hat. Hier muss zumindest über Alternativen nachgedacht werden.

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