01.03.13

Leitartikel

Büro war gestern

Der Arbeitsplatz daheim ist eine wichtige Alternative - obwohl Yahoos Chefin anders denkt

Von Lars Haider

Von Marissa Mayer hat man vieles erwartet - aber das nun wirklich nicht. Ausgerechnet die neue Yahoo-Chefin und junge Mutter hat in ihrem Internet(!)-Unternehmen die Möglichkeit abgeschafft, von zu Hause zu arbeiten. Alle Home-Office-Mitarbeiter müssen wieder zurück in die Büros kommen, weil sie in ihren eigenen Räumen, oder wo auch immer, aus Sicht der Vorsitzenden nicht kreativ und effizient genug arbeiten.

Willkommen zurück in den 1990er-Jahren, Frau Mayer! Dürfen Ihre Angestellten denn wenigstens noch ihre Smartphones benutzen? Und was ist mit dem Zugang zum Internet, für eine Firma wie die Ihre vielleicht nicht ganz unwichtig ...?

Mal ganz im Ernst: Dass ausgerechnet eine Frau in dieser Topposition eine derart familienunfreundliche Entscheidung trifft, ist seltsam und sehr, sehr schade. Wahrscheinlich liegt es unter anderem daran, dass sich bei Marissa Mayer die Frage der Kinderbetreuung nicht ganz so dringend stellt, weil die Vorstandsvorsitzende direkt neben ihrem Büro ein Kinderzimmer mit Babysitter haben soll. Auch sonst dürfte sie deutlich bessere (finanzielle) Möglichkeiten haben, Beruf und Familie zu vereinbaren, als die meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen.

Der Protest gegen Mayers hoffentlich einsamen Beschluss ist zu Recht groß in einer Zeit, in der es in vielen Bereichen so einfach wie nie ist, zu arbeiten wo man möchte. Der stationäre Arbeitsplatz ist zwar noch nicht anachronistisch, aber langsam auf dem Weg dorthin. Das eigene Haus, die eigene Wohnung sind im Jahr 2013 nicht nur eine echte Alternative zum Büro, sondern auch eine notwendige Voraussetzung, wenn die Arbeitswelt wirklich so werden soll, wie das zumindest in Deutschland so viele wollen. Das heißt mit mehr Frauen in Männerberufen und vor allem in Führungspositionen, mit mehr Vätern, die sich mit Müttern die Betreuung der Kinder teilen, und mit der viel beschworenen Work-Life-Balance, also einem vernünftigen Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit.

Ohne Heimarbeit wird sich dieses Modell genauso wenig umsetzen lassen wie ohne Teilzeitjobs, Elternzeiten und ohne die sogenannten Sabbaticals, also unbezahlten Urlaub. Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen, die sich möglichst individuell auf den Einzelnen zuschneiden lassen, werden in Zukunft angesichts eines größeren Wettbewerbs um die besten Köpfen immer wichtiger. Sogar wichtiger als Geld.

Insofern läuft Marissa Mayer mit ihrer Rückholaktion Gefahr, die sich gerade langsam verbessernde Attraktivität Yahoos für Arbeitnehmer wieder zu schmälern. Wer will schon für ein Unternehmen oder eine Chefin arbeiten, die selbstverständlich von ihrem Personal die drei großen "Täts", Mobilität, Flexibilität und Kreativität fordert, selbst aber so mobil, flexibel und kreativ ist wie ein Wählscheibentelefon mit Schnur (gab es früher wirklich mal, liebe Smartphone-Generation)? Dabei ist die Steuerung von Heimarbeit ganz einfach: Wer von zu Hause die entsprechende Leistung nicht bringt, muss halt wieder zurück ins Büro - in Einzelfällen, wohlgemerkt!

Aber zum Glück hat ja jede schlechte Entscheidung bekanntlich auch etwas Gutes. Jene 86 Prozent der deutschen Unternehmen, die ihren Angestellten laut Umfrage erlauben, von zu Hause oder von wo auch immer sie wollen zu arbeiten, dürfen jetzt von sich behaupten, innovativer als Yahoo zu sein.

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