23.02.13

Serie

Fastenzeit mal anders: Sieben Tage ohne - Fußball

Im dritten Teil unserer Serie ignoriert Abendblatt-Redakteur Jens Meyer-Odewald sein Lieblingshobby und hält den Ball ganz flach.

Von Jens Meyer-Odewald
Foto: siehe Caption
Was sind schon Fasten und Handy-Abstinenz gegen eine Woche ohne Fußball mitten in der Saison? Nichts, meint unser Autor
Was sind schon Fasten und Handy-Abstinenz gegen eine Woche ohne Fußball mitten in der Saison? Nichts, meint unser Autor

Hamburg. Ursprünglich wurde die Idee beim Stammtisch im To'n Peerstall geboren - bei Grünkohl satt und Bier vom Fass. Was ist knallharter Verzicht, Kasteiung in Vollendung, so die heiß diskutierte Frage? Sieben Tage ohne Gummibärchen oder ohne Bratkartoffeln oder ohne Sex? Betroffenes Schweigen in der Runde. "Wenn du dich wirklich überwinden willst, musst du aufs Ganze gehen", warf Sportsfreund Kay in die Runde, "und eine Woche auf Fußball verzichten." Noch betroffeneres Schweigen am Tische. Das, so empfand es jeder, ging doch zu weit. "Dann lieber im Club de Sade in der Erichstraße am Pranger", befand Wastl. Kollektives Kopfnicken.

Mitte vergangener Woche ging's dennoch los. Unerschrocken, furchtlos, zu allem bereit. Nicht die Nummer auf dem Kiez, sondern die Tortur in ballfreier Zone. "Höchste Zeit, im gesetzten Alter mal die Grenzen zu testen", flüsterte der innere Schweinehund. Wenn es mit aktivem Sport und diversen Diäten schon nicht klappt, dann vielleicht mit Enthaltsamkeit auf dem Sofa!

Um schon unmittelbar nach Anpfiff der Askese alles zu wagen, wurde ein Starttag mit Schmackes gewählt: Mittwoch, 13. Februar, Champions League. Dortmund auswärts, vor allem jedoch Real gegen ManU. Der Fernseher daheim blieb aus. Ebenso wie das für sündhaft viel Geld abonnierte Programm von Sky. Um es auf den Punkt zu bringen: Die Holde hatte wenig Freude mit der Laune ihres darbenden Knaben. Da auch der Liveticker via Computer im Abseits blieb, entpuppte sich dieser Abend als Eigentor.

Der Tag darauf Europa League, Machatschkala gegen Hannover, da hielt sich die Entbehrung in Grenzen. Und weil Leverkusen und Stuttgart sowieso keiner sehen will, ergab sich ein unerwartetes Zwischenhoch. Getrübt wurde es allein von einer süffisanten Anmerkung der Holden nach dem Aufstehen: "Du fühlst dich als Held, weil du eine Woche auf Fußball verzichtest?" Ihr Fazit: "Lachhaft!" Aber sie hat ja auch keine Ahnung vom Spiel ...

Dennoch, ehrlich geschrieben, war das Gefühl stark am Vormittag danach im Büro. Die üblichen Diskussionen über den Kick vom Vorabend, Fachsimpeln über Mats Hummels' Ausgleich kurz vor Toresschluss, lautstarke Ausblicke auf das Bundesliga-Wochenende. Und dann kam ich: "Jungs, ich mach eine Woche ohne ...!" So viel Beachtung und mitleidige Blicke, aber auch Anerkennung und Schulterklopfen gab es lange nicht mehr. "Alle Achtung, aber das schaffst du nie", höhnte Zimmernachbar Janni. Wenig später, in einem seltenen Moment wahrhaftiger Nächstenliebe, bekannte er seine Anteilnahme. Knapper Kommentar: "Das ist ja grauenhaft, fast wie Sommerpause und Winterruhe auf einmal." Einmal im Jahr hat auch er recht.

Verstehen kann dies alles nur, wer selbst begeistert ist und den Bazillus in seiner Seele spürt. Ein bisschen ballaballa, keine Frage. Und auch ein bisschen Spaß, denn der muss sein - besonders in der Fastenzeit.

Spätestens am Freitag war Schluss mit lustig. Wolfsburg gegen Bayern, spannender Start in ein kribbeliges Wochenende. In meinem Fall übersetzt: Von 20.30 Uhr an ist Fernsehzeit. Sonst. Open End, Nachspielzeit, Trainer-Interviews und Expertenrunde inklusive, auf allen möglichen Kanälen. Ersatzweise gab es diesmal den gesammelten Schwachsinn auf der Mattscheibe. Verblödung pur.

Sonnabend kam alles noch viel schlimmer. "Gehst du ins Stadion?", wollte Dirk in seinem Schlachterladen in der Waitzstraße wissen. Verschämt nuschelte ich eine Art Antwort. Der Meister blickte ungläubig. Hätte ich ihm die ganze Wahrheit sagen sollen? Dass ich meine beiden Dauerkarten für das Heimspiel Werder gegen Freiburg um 15.30 Uhr im Weserstadion an Freunde abgegeben hatte? Dirk hätte den Glauben an die Fußballwelt verloren, also ließ ich es.

Es reichte schon, dass Töchterchen Charlotte wenig später fassungslos guckte. Von Kindesbeinen an hatte sie neben der Liebe zum "richtigen" Verein vor allem eines gelernt: Sonnabends zwischen 15.30 Uhr und 17.20 Uhr ist Papi nicht ansprechbar. Basta. Im gewinnenden Fall, also bei Resultaten nach Wunsch, folgt sogar eine Verlängerung. Erst Live-Spiel bei Sky, anschließend "Alle Spiele, alle Tore", dann "Sportschau", später abends "Sportstudio". Und am Sonntagabend "Sportclub" auf N3. In dieser geballten Form allerdings nur, wenn die Ergebnisse wirklich nach Maß ausfallen. Wie gesagt: ballaballa.

Zwecks Ablenkung machte ich Charlotte ein unerwartetes Angebot: "Shopping mit H&M, Zara, Hollister und allem Drum und Dran?" Der Konter der jungen Dame kam prompt: "Keine Zeit, bin verabredet." Den Grund der verblüffenden Offerte quittierte sie mit Gelächter und der Mahnung, auf keinen Fall zu schummeln. "Geh doch ersatzweise in den Jenischpark", riet die Holde zu allem Überfluss, "oder ins Fitnessstudio." Sehr witzig.

Der Anpfiff rückte näher - und mit ihm Nervosität. Hatte ich zuvor schon den Sportteil der Zeitung links liegen gelassen, waren jetzt auch die Konferenzschaltung des NDR und die App "i-liga" auf dem Handy mit aktuellen Zwischenständen tabu. Nichts ging mehr.

Um es kurz zu machen: ein wenig schöner Nachmittag. Weil auch verschiedene SMS der Kumpels wenig Gutes verhießen. Zu Recht, wie die Endergebnisse zum Schluss der "Tagesschau" bewiesen. Erneut erlitt die Laune Schiffbruch. Am Sonntag ebenso, selbst wenn Hoffenheim verlor. Und auch am Montag, als der FC St. Pauli am Millerntor ohne mich losstürmte.

Welch ein Segen, dass die sieben Tage ohne Fußball am Mittwoch vorbei waren. Mailand gegen Barcelona live, alles wird gut. Fast. Denn ein Blick in den Terminkalender beschert Entsetzen: Im Clubheim des HTHC warten die Kumpane zum Skat. Bock-Ramsch statt Champions League. Also ging auch dieser Schuss nach hinten los.

PS: Nach intensiver hausinterner Debatte über Redlichkeit sei zugegeben, dass es am Ende doch nicht ganz ohne ging. Einmal, nur einmal zuckte der Finger kurz zur Fernbedienung. Die Reue folgte auf dem Fuße. Aus! So war es eine Woche fast ganz ohne Fußball, auf jeden Fall aber eine ohne Flunkern.

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