31.01.13

Leitartikel

Zweifelhafte Ehre

Die Hindenburgstraße sollte weiter so heißen - trotz aller Kritik am Namensgeber

Von Sven Kummereincke
Foto: Hamburger Abendblatt / Andreas Laible/Andreas Laible
Kompetenzteam Schulserie
Der Autor ist stellvertretender Leiter der Hamburg-Redaktion

Das historische Urteil über Paul von Hindenburg ist einigermaßen vernichtend. Zeit seines Lebens ein überzeugter Antidemokrat, spielte der Generalfeldmarschall schon im Ersten Weltkrieg eine fatale Rolle. Gemeinsam mit General Ludendorff errichtete er eine faktische Militärdiktatur, wandte sich während des vier Jahre dauernden Gemetzels gegen jede Form eines Verständigungsfriedens und führte das Deutsche Reich in die militärische Katastrophe. Doch wie die meisten Generäle stahl er sich aus der Verantwortung und strickte mit an der "Dolchstoßlegende": der historischen Lüge, dass die revolutionären Arbeiter den "im Felde unbesiegten Truppen den Dolch in den Rücken gestoßen" hätten. Dass der Aufstand eine Folge des militärischen Desasters und der Unterversorgung der Bevölkerung war, gestand er nie ein.

Schon dies wäre Grund genug, diesen Mann nicht mit Denkmälern und Straßenbenennungen zu ehren. Doch er sollte noch sehr viel Schlimmeres anrichten: nämlich Adolf Hitler zum Reichskanzler ernennen. Dass Hitler nach dem 30. Januar 1933 binnen weniger Monate das demokratische System und alle Freiheiten beseitigte, das fand die volle Unterstützung des zwar greisen, aber keineswegs senilen Reichspräsidenten. Insofern scheint die Frage, ob Hamburg die Hindenburgstraße umbenennen sollte, einfach zu beantworten zu sein. Sie ist es aber keineswegs.

So klar die Bewertung des Wirkens Paul von Hindenburgs auch ausfällt, ist doch eine andere Frage entscheidend: Legen wir den Maßstab des Jahres 2013 an? Oder lassen wir die Maßstäbe früherer Generationen gelten? Und: Wo ziehen wir die Grenzen?

Einfach zu beantworten ist diese Frage bei nationalsozialistischen Verbrechern, deren Namen 1945 ausnahmslos von Schulen, Straßen und Plätzen getilgt wurden. Hindenburg war aber kein Nationalsozialist. Die barbarischen Untaten des Regimes erlebte der 1934 Verstorbene nicht mehr. Und in der Bevölkerung war der Feldmarschall, seit er 1914 bei der Abwehr russischer Truppen in Ostpreußen zum "Helden von Tannenberg" geworden war, ungeheuer beliebt. In der so zerrissenen politischen Landschaft der Weimarer Republik war er für viele (und über Parteigrenzen hinweg) eine Symbolfigur der "guten alten Zeit". Nachdem er 1925 zum Reichspräsidenten gewählt worden war, wurde er für Millionen zum "Ersatzkaiser". Er gab den würdigen alten Herrn, der über dem Streit der Republik mit ihren unsicheren Mehrheitsverhältnissen stand. Und dieses Urteil der Zeitgenossen sollten wir respektieren - trotz der eindeutig negativen Beurteilung seiner Lebensleistung. Denn wenn die Hindenburgstraße unbenannt werden sollte, müssen konsequenterweise Dutzende andere folgen. Denn was ist mit Kaiser Wilhelm I. etwa, der 1848/49 als "Kartätschenprinz" in die Geschichte einging, weil er die demokratischen Revolutionäre zusammenschießen ließ? Oder Helmuth von Moltke? Sehen wir den erfolgreichsten General der preußisch-deutschen Geschichte oder den überzeugten Antidemokraten mit latent antisemitischen Neigungen? Ist Otto von Bismarck der Reichsgründer oder der Kriegstreiber und Sozialistenfresser? Und wenn wir schon dabei sind: Müssen wir dann nicht auch die Kaiserfiguren vom Rathaus reißen und Barbarossa gleich als Ersten? Er hat schließlich Dutzende Geiseln töten und weitere als menschliche Schutzschilde bei der Erstürmung von Städten benutzt. Man könnte diese Reihe noch lange fortsetzen.

Wenn wir das immer enger werdende Netz der Political Correctness konsequent anwenden, dann ist Hamburg bald eine geschichtslose Stadt. Die Hindenburgstraße ist eine Erinnerung an eine uns schwer verständliche Zeit mit all ihren Widersprüchen - und Verbrechen. Wir sollten es dabei belassen. Trotz alledem.

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