05.01.13

Kriminalität

Als Bankräuber Hamburg erschütterten

Rückblick nach einem Jahr ohne Überfall: Dramatische Stunden am Steindamm, durchlöcherte Streifenwagen und "Rein-raus-weg-Täter".

Von André Zand-Vakili
Foto: pa/dpa
Bankraub mit Geiselnahme in Hamburg 1974
Der Moment, in dem 1974 auf dem Steindamm ein Beamter des Mobilen Einsatzkommandos den Bankräuber mit einem gezielten Kopfschuss tötet. Es war der erste finale Rettungsschuss in Deutschland

Hamburg. Es waren dramatische Szenen, die sich am 18. April 1974 auf dem Steindamm in St. Georg abspielten. Mit einem gezielten Schuss aus einem Revolver tötete ein Beamter des Mobilen Einsatzkommandos (MEK) den Bankräuber Umberto-Emilio M., 29. Der Student aus Kolumbien hatte zuvor den Polizisten Uwe F., 34, getötet und wollte gerade mit einer Geisel die Bank verlassen, als ihn die tödliche Kugel aus der Polizeiwaffe in den Kopf traf. Es gilt als der erste "Finale Rettungsschuss" in Deutschland. Der Fall war Anlass, das sogenannte Bankenkonzept zu entwickeln, das so einen blutigen Fall in Zukunft verhindern sollte. Es sollte vor allem Polizisten davon abhalten einfach in eine Bank zu stürmen. Dieser Grundsatz gilt noch heute.

In den Jahrzehnten nach dem blutigen Ende des Banküberfalls auf dem Steindamm hatte es die Polizei immer wieder mit Tätern zu tun, die professionell vorgingen und große Summen erbeuteten. Auch diese Ära ist beendet. "Wäre ich ein Räuber. Ich würde nicht in eine Bank gehen", fasst es ein Ermittler zusammen. Der typische Täter der vergangenen Jahre ist ein "Rein-raus-weg-Räuber", der sich in einigen Fällen an der Kasse anstellt, um dann einen Zettel mit einer Drohung durch den Kassenschlitz zu schieben oder der mit einer Gaspistole droht. Die Summen, die bei solchen Überfällen erbeutet werden, sind gering.

Einen fünfstelligen Betrag erbeuteten nur wenige Bankräuber in den vergangenen Jahren in Hamburg. Meist liegt die Summe nur bei wenigen Tausend Euro. Die oft dilettantisch agierenden Täter sind gezwungen immer wieder Überfälle zu verüben. In der Regel werden sie schnell gestellt und landen dann für Jahre hinter Gitter.

"Die Bankräuber, die sich auf eine Tat wirklich vorbereiten, die gab es in Hamburg seit Jahren nicht mehr", verrät ein Polizist. Eine der letzten wirklich großen Bankraubserien verübten die sogenannten "Zwei-Minuten-Räuber". Die Polizei richtete extra eine Sonderkommission ein, um die beiden Männer zu fassen, die bis 1998 mindestens 16 Banküberfälle verübten. Umgerechnet fast eine Million Euro erbeuteten sie bei ihren Taten. Nach dem Überfall auf die Vereinsbank an der Dorotheenstraße feuerten sie an der Ulmenstraße erst mit einer Maschinenpistole, dann an der Rathenaustraße mit einer Schrotflinte auf die Polizei. Zwei Peterwagen wurden durchlöchert. Die Beamten blieben unverletzt. Die Täter entkamen. Erst 2002 tauchte zumindest einer von ihnen mit einem neuen Komplizen wieder auf. Fünf weitere Überfälle wurden ihnen angerechnet, bis sie im Februar 2005 nach einem Überfall auf die Haspa am Alten Postweg (Heimfeld) auf einem Schulgelände gestellt wurden. Sie hatten ihre Waffen, darunter ein Magnum-Revolver und eine sogenannte Doppelbockflinte, bereits in einen Rucksack gesteckt und konnten sich nicht mehr den Weg freischießen.

Anführer war Klaus-Jürgen K., damals 61 Jahre alt. Er ist ein Berufsverbrecher, der bis dahin schon 23 Jahre hinter Gittern verbracht hatte - unter anderem weil er in Bremerhaven einen Polizisten niederschoss. Die Taten der "Zwei-Minuten-Räuber" von 1995 bis 1998 konnte ihm die Polizei aber nicht nachweisen. Es ist "der" große ungelöste Fall des Raubdezernates in Sachen Banküberfälle. Die Ermittler trösten sich damit, dass man sicher sei, dass Klaus-Jürgen K. dabei war. Der Mann schwieg eisern zu den Vorwürfen.

Es sind die atypischen Banküberfälle, bei denen die Täter große Beute machten. So wie Thomas Wolf, der zu Deutschlands meistgesuchten Verbrechern gehörte, bis er 2009 auf der Reeperbahn festgenommen wurde. Im April 2000 hatte er sich einen Termin bei der Commerzbank am Bahnhof Altona geben lassen. Die Anlageberaterin bedrohte er mit einer angeblichen Bombe im Alukoffer. Die Mitarbeiterin öffnete den Tresor. Mit 250.000 Euro Beute entkam Wolf. Er wurde 2011 zu 13 Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. "Meine kriminelle Karriere ist hiermit unwiderruflich beendet", kommentierte Wolf das Urteil, der erstmals als 15-Jähriger wegen Fahrraddiebstahls mit der Polizei zu tun hatte. Bei seiner Entlassung wird er 71 Jahre alt sein. "Das sind Täter, die sich auf die Überfälle vorbereitet haben, die die Banken ausspähten, Fluchtwege vorbereiteten. In einem Fall schnitten sie vor dem Überfall ein Loch in den Zaun des Nachbargrundstücks, um dann auf ein unwegsames Gelände entkommen zu können.

Von so viel Vorbereitung sind die meisten Täter der vergangenen Jahre weit entfernt. 2009 nahmen Polizisten an der Hammer Landstraße einen 33-Jährigen fest. Er war Passanten aufgefallen, weil er trotz großer Hitze zwei Stunden lang mit einer Kapuze auf dem Kopf vor der dortigen Haspa herumlungerte. Bei dem Mann fanden die Beamten ein Messer und ein Hemd mit Sehschlitzen.

Die beiden vollendeten Banküberfälle 2011 wurden am selben Tag von zwei Einzeltätern verübt. Einer von ihnen erhielt nicht einmal 1000 Euro Beute. 2010 hatte ein 46-Jähriger an der Alten Holstenstraße in Bergedorf eine Passantin, 25, als Geisel genommen und so Geld vom Kassierer erpresst. Mit 450 Euro Beute kam er nur bis vor die Tür. Polizisten nahmen ihn dort fest. Die Waffe entpuppte sich als Spielzeugpistole. Von hochkriminellen Tätergruppen, die für Straftaten anreisen und dann Banken oder Juweliere überfallen, blieb Hamburg in den vergangenen Jahren verschont. Diese Tätergruppen stammen zumeist aus Ost- oder Südosteuropa und gehen lieber in den östlichen Bundesländern auf ihre Raubzüge. Von dort aus sind sie schnell wieder aus Deutschland in Richtung Osten verschwunden. So sind es Großstädte wie Berlin oder auch die österreichische Hauptstadt Wien, die unter diesem Phänomen leiden. In Hamburg hatte diese Gruppierung 2003 und 2004 mehrere Taten verübt. Betroffen waren damals nicht Banken, sondern Juweliere. Auch hier hat die Polizei einen großen Erfolg verbuchen können. Sie konnte den Statthalter ermitteln und festnehmen, der in Hamburg für die angereisten Täter alles vorbereitete.

Erstaunlich für die Polizei ist im Zusammenhang mit dem Rückgang der Banküberfälle, dass es keine erkennbare Verlagerung gibt. Auch in anderen Bereichen - Überfälle auf Tankstellen, Spielhallen und Supermärkte - verzeichnet die Polizei eher rückläufige Zahlen. "Dabei kommt es immer mal wieder zu Verschiebungen", sagt ein Kripomann. "Mal sind es Tankstellen, dann wieder Spielhallen, die vermehrt überfallen werden. Das liegt meistens daran, dass ein Täter mehrere Überfälle begeht und dann das macht, was schon einmal geklappt hat."

Wenn es heute in Hamburg um spektakuläre Banküberfälle geht, steckt oft die Filmbranche dahinter: 2012 wurde auf St. Pauli der Kinofilm "Banklady" gedreht. Es ist die Geschichte von Gisela Werter, die knapp über 30 Jahre alt, bundesweit Schlagzeilen als erste Bankräuberin in der Geschichte der Bundesrepublik machte. Die Tochter eines Arbeiters aus Altona hatte mit ihrem Geliebten und anderen Komplizen 19 Banküberfälle begangen und dabei umgerechnet fast 250.000 Euro erbeutet. Damals war das eine ungeheure Summe. Die Taten ereigneten sich zwischen 1964 und 1967. Frauen als Kriminelle waren damals äußerst ungewöhnlich. Auch heute gehört die "Banklady" noch zu den berühmtesten Bankräubern in Hamburg. Sie ist aber lange tot. 2003 starb Gisela Werter in Hamburg.

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