21.12.12

Leitartikel

Ende einer Tradition

Für Hamburg ist die Übernahme des Germanischen Lloyds ein schwerer Verlust.

Von Matthias Iken

Nur für die Eigner des Germanischen Lloyds (GL) ist der Zusammenschluss des Schiffsgutachters mit dem deutlich größeren Konkurrenten Det Norske Veritas eine gute Nachricht. In der Krise bekommt die Firma aus der HafenCity einen starken Partner. Sollten die Anteilseigner dann verkaufen, dürften sie einen guten Schnitt machen. Für rund 575 Millionen Euro stiegen sie 2006 in das Unternehmen ein, der mögliche Ausstieg dürfte locker das Doppelte bringen. Natürlich ist es das gute Recht eines Besitzers, sein Eigentum nach eigener Entscheidung zu halten, es auszubauen, zu fusionieren oder zu verkaufen.

Zugleich aber ist ein Unternehmen auch kein alter Mantel. Eine Firma agiert nicht im luftleeren Raum, sondern in einer Gesellschaft und Kommune, mit Beschäftigten, Kunden, Nachbarn, Traditionen.

Gerade der Germanische Lloyd von 1867 steht wie kaum ein anderes Unternehmen für hanseatische Geschichte. Zu den Gründern zählen die Reedereien Godeffroy und Sloman.

Entsprechend groß war die Aufregung, als die französische Konkurrenz Bureau Veritas den Germanischen Lloyd 2006 schlucken wollte. Vor genau sechs Jahren vereitelte Günter Herz mit seiner Investmentgesellschaft Mayfair die Übernahme. In Hamburg wurde er dafür als Lokalpatriot gefeiert. Und tatsächlich stärkte er in der Folge das Unternehmen durch Investitionen und Zukäufe.

Ausgerechnet Günter Herz ermöglicht nun die Übernahme des GL durch Det Norske Veritas. Die Mehrheit des gemeinsamen Unternehmens geht nach Norwegen, die Zentrale zieht an den Oslofjord, der Chef wird Norweger. Sollten die Kartellbehörden das Projekt durchwinken, die Hansestadt verlöre einen internationalen Konzern. Der Germanische Lloyd beschäftigt in mehr als 80 Staaten 6900 Mitarbeiter. Noch.

Auch wenn der Norske-Veritas-Chef auf der Pressekonferenz in Superlativen schwelgte, prächtige Zukunftsperspektiven aufzeichnete und alles "fantastisch" fand, sollte man dem Wortgeklingel nicht zu viel Glauben schenken. Otto von Bismarck sagte einmal: "Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd." Er kannte eben Pressekonferenzen zu Fusionen noch nicht.

Die Standorte Deutschland und Hamburg werden leiden - das ist die Logik einer Übernahme: In der HafenCity verbleibt nur das schwierige Geschäft der Schiffsklassifizierung; die zukunftsträchtigen Felder wachsen im Ausland wie etwa die erneuerbaren Energien, wo der GL als führend gilt. Zwar lobten die Norweger die deutsche "Energiewende", das Hauptquartier für dieses Geschäftsfeld wandert trotzdem nach Holland.

Die vermeintliche Rettung des GL von 2006 entpuppt sich nur als Gnadenfrist. Es enttäuscht, dass der Senat in den vergangenen Tagen offenbar nicht einmal versucht hat, die Übernahme zu verhindern. Zu Weihnachten werden Politiker wieder die Verantwortung der Reichen und Starken betonen, von den Kanzeln wird über Moral gepredigt. Und einige werden an Artikel 14, Absatz 2 des Grundgesetzes erinnern: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen."

Um nicht missverstanden zu werden: Unternehmertum ist nicht die Fortsetzung von Sozialarbeit mit anderen Mitteln. Es geht um Gewinn, um Wachstum, um Erfolg. Das ist gut so. Auf der anderen Seite aber wirkt überzogenes Renditestreben destruktiv - Banken, die sich einst abstruse Ziele setzten, leiden heute unter den Folgen. Wo Gier regiert, gehen Maß und Mitte verloren, die Maßstäbe werden im Wortsinne verrückt. Ein ehemaliger Vorstand sagte einmal, man müsse ein Unternehmen stets so führen, dass man am Sonnabend guten Gewissens über den Wochenmarkt schlendern kann. Das wäre schon mal ein Anfang.

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