Zwischenruf Gelber Urlaub zahlt sich aus

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Eine Glosse von Sven Kummereincke

Da jubelt der Arbeitgeber, da freut sich der Preuße, da frohlockt der Vertreter protestantischer Arbeitsethik: Denn die "Ich fühl mich heute gar nicht gut, ich kann nicht kommen"-Fraktion der deutschen Arbeitnehmerschaft hat eine empfindliche Niederlage einstecken müssen. Drei Tage zu Hause bleiben ohne Krankschreibung? Dieser Stachel im Fleisch der Produktivität ist jetzt letztinstanzlich gezogen worden. Ab jetzt gilt: Arbeitgeber dürfen von ihren Angestellten ab dem ersten Tag den gelben Zettel verlangen. So lautet das Urteil des Bundesarbeitsgerichts in Erfurt. Hurra!

Liebe Arbeitgeber, liebe Preußen, liebe protestantische Arbeitsethiker - ich fürchte, ihr unterliegt da einem Gedankenfehler. Das Urteil wird euch nämlich richtig teuer kommen, wenn ihr es anwendet. Warum? Zum Beispiel wegen Frau Dr. B., der (längst im Ruhestand befindlichen) Ärztin meiner Heimatstadt, die auch bei kleinsten Wehwehchen grundsätzlich niemals weniger als 14 Tage krankschrieb (und das auch nur nach gutem Zureden). Meist gab es drei bis vier Wochen; wer zu dick auftrug und unvorsichtigerweise etwas von "psychischer Belastung" sagte, kam nicht unter sechs Wochen weg. Frau Dr. B. war ungemein beliebt - außer natürlich bei Leuten, die wirklich krank waren ...

Gewiss: Die Dame war und ist eine Ausnahme. Aber kennt jemand einen Arzt, der einen Patienten für einen Tag krankschreibt? Drei Tage sind Minimum, gern gibt es auch mal eine Woche.

Statt sich nach einem Tag des Röchelns und Hustens wieder ins Büro zu schleppen, sind Arbeitnehmer somit künftig gezwungen, die Erkältung gründlich zu Hause auszukurieren. Das kann nicht im Sinne der Profitmaximierung, äh, Konkurrenzfähigkeit des Unternehmens sein.

Also, liebe Arbeitgeber, lasst es bleiben mit dem Attestzwang. Denn drei Trunkenbolde, die auf eure Kosten ihren Rausch ausschlafen, sind immer noch billiger als ein Verschnupfter, den der Arzt zu einer Woche Sofa zwingt.