08.11.12

Serie zum Straßentest

Unterwegs mit Hamburgs Saubermännern

Es ist einer von den Jobs, die kaum auffallen, wenn sie gut gemacht werden. Mitarbeiter der Stadtreinigung kümmern sich um 7000 Kilometer Straße.

Von Carina Braun
Foto: Roland Magunia
Stadtreinigung
Olaf Heller, Imran Topcu, Ronald Wunderlich und Jeton Spahin haben sich vor ihrem Einsatzfahrzeug der Hamburger Stadtreinigung aufgebaut

Früh am Morgen, wenn noch fast alles schläft, dann machen sich Ronald Wunderlich und seine Männer daran, die Spuren zu beseitigen. Manchmal sind es die Spuren eines Tages, manchmal einer Woche, manchmal nur die einer einzigen Nacht. Und einmal alle zwölf Monate, jetzt im November, beseitigen sie die Spuren eines ganzen Jahres.

Es ist Herbst, und Herbst heißt Laub. Es ist die ungemütlichste Jahreszeit, findet Wunderlich. Wenn es regnet, werden die Blätter auf der Fahrbahn zu Matsch gefahren. Zwar muss er im Winter manchmal zwölf statt acht Stunden arbeiten und mit dem Bereitschaftshandy im Anschlag schlafen. Aber alles besser als diese Fitzelarbeit im Herbst, wenn sie die Überreste des Sommers aus den letzten Ecken fischen.

Um sechs Uhr morgens beginnt die Normalschicht der Stadtreinigung, die Frühschicht schon um fünf. Dann streifen sich die Männer leuchtend orange Overalls über, packen Besen ein und beugen sich über eine Karte mit dem Straßennetz.

Ronald Wunderlich und seine Männer sind da, wenn sonst noch kaum einer da ist. Sie sind das wichtigste Glied der Reinigungskette.

Um rund 7000 Kilometer Fahrbahn kümmern sich die insgesamt 441 Entsorger der Stadtreinigung Hamburg und um etwa 3100 Kilometer Gehweg - das ist etwa die Hälfte aller Gehwege der Stadt. Zwar verpflichtet das Hamburger Gesetz die Eigentümer selbst zum Sauberhalten; doch wo es zu viel wird, übernimmt die Stadtreinigung das gegen eine Gebühr.

Der wichtigste Schmutzfaktor ist das Verkehrsaufkommen: Wo Bushaltestellen, Parkplätze oder Geschäfte sind, sind viele Menschen, hier fällt besonders viel Abfall an. Wo außerdem mehrere Parteien in einem Mietshaus wohnen, fühlt sich oft niemand wirklich zuständig. Reine Wohnstraßen und Straßen mit Einfamilienhäusern haben automatisch bessere Karten. Je weiter weg vom viel besuchten Hamburger Stadtzentrum, desto eher können sich die Anwohner selbst um die Gehwege kümmern.

In alle anderen Straßen kommen die Mitarbeiter der Stadtreinigung, manchmal einmal wöchentlich, manchmal jeden Tag. Die Reeperbahn ist die dreckigste Straße der Stadt, eine sich permanent erneuernde Verschmutzung; dreimal täglich gehen sie hier durch. Sie beseitigen das, wofür sich sonst niemand zuständig fühlt und sammeln auch die Säcke ein, die die Müllabfuhr liegen gelassen hat. Meist kommen sie früh, um die Mitarbeiter im dichten Verkehr nicht zu gefährden. In der HafenCity aber - "Ich sag mal: Da, wo das Geld wohnt", sagt Wunderlich - fangen sie erst nach Mittag an, um die Anwohner nicht zu stören.

Wunderlich ist 53 Jahre alt, ein freundlicher Mann, der seinem Namen wenig Ehre macht, bodenständig und routiniert. Er dirigiert seine Kolonne, weist an, wer wo zu fegen hat, studiert das Streckennetz, scannt mit wachsamen Augen die Straßen und hält Wasser für seine Männer bereit. Seit 28 Jahren arbeitet er hier und ist Leiter des Teams, das aus fünf Entsorgern und zwei Kehrmaschinen samt Fahrern besteht. Sein Revier erstreckt sich zwischen Friedrich-Ebert-Damm und Alster, es ist ein eher ruhiger Bereich. Aber auch hier hat Wunderlich einmal eine Betrunkene im Laubhaufen gefunden.

An diesem Tag ist die Dithmarscher Straße dran, gesäumt von Linden. Linden werfen ihre Blätter besonders schnell ab. Vier Leute kehren sie zwischen und hinter den Autos hervor, einer schmeißt den Laubbläser an und erledigt die Feinarbeit. "Haufen", ruft Wunderlich über die Straße, "wir kehren nur noch Haufen!" Frühmorgens noch haben seine Männer das Laub zu sogenannten Würsten am Fahrbahnrand gekehrt, die die Kehrmaschine später leichter aufnehmen kann. Nach dem Frühstück ist das zu gefährlich; dann sind Radfahrer und Fußgänger unterwegs, die darin ausrutschen könnten.

Wunderlich sieht die Straßen mit anderen Augen als viele Anwohner. Reinigung, das heißt für ihn und seine Kollegen vor allem: Sicherheit. Sie kümmern sich erst einmal um rutschiges Laub, um Glätte und Scherben. Ästhetik ist zweitrangig. Zigarettenstummel auf dem Boden mögen ungepflegt wirken, bringen aber kaum einen Passanten zu Fall. In Wunderlichs Kopf spielen Zigarettenstummel eine eher untergeordnete Rolle.

Immer wieder haben er und seine Männer auf ihrer Tour mit Problemen zu kämpfen: zugeparkte Fahrbahnen, Unrat, der die Wasserläufe verstopft, Abgase, unvorsichtige Autofahrer. Die Hauptverkehrsstraßen sind besonders gefährlich, Mitarbeiter wurden schon angefahren. Im Herbst kehren viele Anwohner das Laub von ihrem Grundstück einfach auf die Fahrbahn, statt es privat zu entsorgen, es ist ein alljährlicher Ärger. Am dreistesten, sagt Wunderlich, seien ein paar Gärtner an der Alster. Die Stadtreinigung sammelt einiges ein, was sie nicht müsste. "Wenn wir es nicht tun, bleibt es liegen", sagt Wunderlich. Um die Leute zu belangen, bräuchte es Zeugen, Bürokratie. Da nimmt er die Sachen lieber mit.

Zur regelmäßigen Reinigung der Straßen ist die Stadtreinigung nicht verpflichtet. Wunderlichs Gruppenleiter Philip Sternberg weiß, dass das vielen Anwohnern nicht bewusst ist. "Wir sind verpflichtet, alles regelmäßig zu kontrollieren und für Verkehrssicherheit zu sorgen", sagt er. "Aber reinigen müssen wir nur nach Bedarf. Fällt mehr Arbeit an, als erledigt werden kann, müssen wir Prioritäten setzen - auch wenn es dann Beschwerden gibt."

Für Wunderlich ist der Herbst deshalb die stressigste Jahreszeit, dann muss er die Straßen noch ein bisschen besser kennen als sonst. Er weiß, wo Schulwege verlaufen, wo alte Leute wohnen, die schnell ausrutschen könnten, wo Kindergärten und Kitas liegen. In diesen Straßen greift er zuerst ein. In der Laubzeit kommen sie nur langsam voran und können nur einen Teil ihrer vorgesehenen Strecke wirklich säubern; zur Kontrolle fahren sie am Ende jeder Schicht den Rest noch ab.

Es ist ein manchmal undankbarer Job, einer von denen, die kaum auffallen, wenn sie gut gemacht werden, aber wo die Leute sich schnell beschweren, wenn mal etwas nicht geleistet werden kann. Trotzdem wollte Wunderlich nie etwas anderes machen. Viele Anwohner kennen ihn seit Jahrzehnten, die Dankbarkeit wiegt so manch chronischen Nörgler auf. Er weiß, dass die Leute sich auf ihre Arbeit verlassen - auch wenn sie oft gerade dann erfolgreich ist, wenn sie unbemerkt bleibt.

Dass man übrigens dem Abfall auch ein bisschen Poesie abgewinnen kann und in jedem Ende ein Neuanfang liegt, diese Erkenntnis hat sich in der Hamburger Stadtreinigung schon durchgesetzt. Wie es dazu kam, weiß niemand mehr genau. Aber wenn ein Papierkorb so voll ist, dass der Unrat schon zu den Seiten austritt, sagen Wunderlich und seine Kollegen dazu: "Er blüht."

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