Schwani, Happy Feet & Co

Skurrile Tiergeschichten: Expeditionen ins Triebreich

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Tierisch verrückt! Verliebter Schwan, verirrter Pinguin, flüchtige Kuh: Wie unterhaltsame Sommergeschichten unser Tierbild zurechtrücken.

Berlin. Schwäne leben monogam und sind treu, heißt es landauf, landab. Ein Höckerschwan aus dem Münsterland aber erschüttert nun die Volksweisheit. "Schwani" war sechs Jahre lang und bis vor Kurzem mit dem himmelblauen Traktor eines Sporthotels liiert. Jetzt hat er sich getrennt und gleich wieder neu verliebt: in eine Gans. Und sorgt damit erneut für Schlagzeilen. Der Traktor bleibt unberührt, sein Fahrer aber ist ehrlich erleichtert, nachdem der Wasservogel den beiden so lange Jahre auf Feld und Wiese, auf Schritt und Tritt gefolgt sei: "Ich musste ständig aufpassen, dass ich ihn nicht aus Versehen überfahre. Er war schon sehr, sehr aufdringlich."

Marko Legler, Vogelforscher an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, sagt zwar auch, dass Schwäne in der Regel treu seien, "aber wenn nie etwas dabei herauskommt, verlassen auch die Schwäne ihren Partner". Deshalb sieht er den Schwan schon wieder scheitern, "weil der Erfolg erneut ausbleiben wird". So sind sie, die Gesetze der Evolution. Aber wie passen dazu der Traktor und die Gans? Ist der Schwan pervers, unheilbar gar? Und: Ist es ein Zufall, dass vor fünf Jahren ein anderer Schwan, ebenfalls in Münster, aber damals im Aasee mitten in der Stadt, es auf ein Tretboot abgesehen hatte und ihm nicht mehr von der Seite wich, bis er in den Zoo musste? Nun gut, das Tretboot hatte die Form eines überdimensionalen Schwanes, etwa dreimal so groß wie sein Verehrer. Aber auch dies ist wohl nur die halbe Erklärung.

Biologen wissen, dass es kaum eine bei Menschen vorkommende sexuelle Neigung gibt, die nicht auch im Tierreich vorkommt. Viele Halter von Haustieren können entsprechende Geschichten erzählen, und die Sexforscher unter den Zoologen horten Berichte in ihren Bibliotheken über so gut wie alles nur Denkbare: von Auto-Erotik über Nekrophilie, Prostitution und Sex-Kannibalismus bis zum Fetischismus.

Im Juni erst machte ein Kater Schlagzeilen, der in Wiesendangen bei Zürich einem für die Nachbarn recht unangenehmen Fetischismus nachging. Auf Unterwäsche sowie schwarze Sportsocken hatte er es abgesehen, ging dafür auf seinen nächtlichen Raubzügen nicht nur durch die Gärten, sondern drang, wo er offene Türen oder Fenster fand, auch in Wohnungen ein. Was der Kater mit dem Diebesgut anstellte, ob lediglich Kleptomanie dahinterstand, ist nicht bekannt. Experte Legler weiß aber, dass Tiere sich durchaus "objektsexuell" verhalten, was bei Papageien häufig vorkomme "oder bei Schildkröten, die sich mit Autoreifen paaren wollen". Schimpansen treiben es gern mal mit Schuhen, wie Zoowärter berichten. Immer wieder allerdings überschreiten Tiere die Grenzen, die dem Menschen durch Gesetze gezogen sind. Kees Moeliker vom Naturhistorischen Museum in Rotterdam beobachtete und protokollierte den Fall einer Ente, die sich an einer toten Artgenossin verging, so akkurat, dass er dafür den "Ig Nobelpreis" erhielt - eine Auszeichnung, deren Schöpfer Erkenntnisse prämieren, "die die Menschen erst zum Lachen, dann zum Nachdenken bringen".

Ein besonders weites Feld in der tierischen Verhaltensforschung aber bietet jener Bereich, den Schwani jetzt, nach der Trennung von seinem Traktor, betrat: den der artübergreifenden Beziehung, worunter alles fällt: von engerer Koexistenz bis zur Kopulation.

Schwäne und Gänse liegen dabei gar nicht mal so weit auseinander, gehören sie doch beide zur Unterfamilie der Gänse und zur Familie der Entenvögel. Auch wenn Schwani irgendwann ein Auge auf eine Ente werfen sollte, vollbrächte deshalb ein solches Paar keinen größeren Spagat als etwa Löwen und Tiger, die gemeinsame Nachkommen zeugen könnten: "Töwen" oder "Liger". Wir sollten auch wissen, dass laut neueren Forschungen nach der Trennung von Schimpanse und Homo auch diese beiden Arten gemeinsamen Nachwuchs zeugten und manche Anthropologen meinen, dass erst daraus sich der Homo sapiens entwickelte.

Immer wieder lesen wir von Fällen, in denen schutzbedürftige Tiere von Raubtieren aufgezogen werden. Kaninchen von Hunden etwa, Antilopenbabys von Löwenmüttern. Der Verhaltensbiologe Frans de Waal sieht hierbei als Motiv die "instinktive Anteilnahme" an der sichtlich hilflosen Kreatur. Zoologen sprechen hierbei von regelrechter Adoption. Ausgeschlossen ist es ja nicht, dass der Schwan in den Traktor gar nicht wirklich verliebt war und ihn vielmehr adoptiert hatte.