"Ich bin ein Star, holt mich hier raus!"

RTL-Dschungelcamp: Im Unterholz der Gefühle

| Lesedauer: 7 Minuten
Alexander Schuller

Foto: dpa

Ekel, Angst und Dramen: Das Versuchslabor öffnet wieder - selbst mancher Bildungsbürger freut sich auf die sechste Staffel des Dschungelcamps.

Ein paar Stunden noch, dann werden sie wieder Würmer essen, Cocktails aus pürierten tierischen Organen herunterwürgen; sie werden in Kakerlaken und Schlammtümpeln baden und sich von Insekten und Spinnen bekrabbeln lassen. Sie müssen für sich selbst und ihre Mitbewerber um den Titel des Dschungelkönigs respektive der -königin möglichst viele Holzsternchen sammeln, mit denen sie die Versorgungslage im Camp erträglich(er) gestalten können.

Zwischen diesen einzelnen Dschungelprüfungen wird es dann zwischen den Probanden - uncharmant als "B- bis E-Promis" bezeichnet - menscheln. Und krachen. Genau das soll es ja auch, und zwar auf allen emotionalen Ebenen. Ob dabei ein paar fantasievolle Drehbuchautoren der Produktionsgesellschaft ITV, vormals Granada-TV, wie vermutet mit Skripten nachhelfen, soll an dieser Stelle nicht weiter erörtert werden.

"Klar ist, dass wir in der sechsten Staffel neue Dschungelprüfungen eingebaut haben", sagt RTL-Sprecher Konstantin von Stechow, "es wird dabei unter anderem sportliches Geschick gefragt sein." Aber das Wichtigste sei, so Stechow - und das hätten die Erfahrungswerte der bisherigen fünf Staffeln gezeigt - dass die Zusammensetzung der Campbewohner stimmen müsse. "Es ist wieder eine vielversprechende bunte Mischung aus verschiedenen Charakteren, aber ob die Gemeinschaft am Ende auch funktioniert und wer sich am Ende durchsetzen kann, stellt sich erst vor Ort im Verlauf der einzelnen Folgen dar. Das kann man nicht vorhersagen."

+++ Nippel, Kakerlaken und Dr. Bob: Dschungelcamp startet +++

Wozu auch? Diese perfekt inszenierte Show lebt - eigentlich ein Widerspruch in sich - vor allem von der zum Teil erstaunlichen Wandlungsfähigkeit der Probanden: Wenn vermeintliche Verlierer zu starken Persönlichkeiten mutieren, die im Augenblick der totalen Erniedrigung plötzlich Würde ausstrahlen, wird unsere Erwartungshaltung nicht mehr erfüllt. Und das empfinden wir als angenehm, was letztendlich den Erfolg der Fernsehshow ausmacht.

Kandidat Ailton, 38

Kandidatin Radost Bokel, 37

Kandidat Vincent Raven, 44

Man erinnere sich nur an Lorielle London, die in der zweiten Staffel einen Brei aus organischen Schlachtabfällen und lebenden Organismen trinken sollte. Für dieses überkandidelte Paradiesvögelchen (damals noch nicht zur Frau umoperiert) war es keine Kleinigkeit, die zermanschten Känguruhoden (oder was auch immer) herunterzuschlucken. Das Zuschauen war es auch nicht.

Doch wer einen hysterischen Ultra-Ausraster erwartet hatte, kam angesichts ihres Mutes ins Staunen. Lorielle kämpfte tapfer gegen ihren Brechreiz an, sie musste schwer schlucken, doch sie schaffte es. In diesem Moment war sie authentisch und verletzlich. Auf einmal konnte man mit diesem Freak mitfühlen, und die bis eben noch vorhandene Verachtung verschwand. Oder wer hätte im vergangenen Jahr auch nur 50 Cent auf eine Gestalt wie den Schauspieler und Moderator Peer Kusmagk gesetzt? Peer wer? Wer hätte erwartet, dass er sich in eine glaubwürdige moralische Instanz des Camps verwandeln würde? Was die Zuschauer goutierten und ihn zum Dschungelkönig krönten.

Natürlich sind die Werbeeinnahmen das Hauptmotiv für RTL, am anderen Ende der Welt in einem künstlich-natürlichen Dschungel ein verhaltenspsychologisches Versuchslabor aufzubauen, in dem Tabus gebrochen werden sollen. In dem Menschen sich freiwillig dem Zorn, dem Mitgefühl und der Schadenfreude von Millionen Zuschauern aussetzen. Doch das reicht nicht für eine Anklage am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Und auch die Sonne der Kultur dürfte mal wieder nicht untergehen, selbst wenn sich die Berichterstattung im Vorfeld der aktuellen sechsten Staffel häufig bloß um die vordergründige Anspruchslosigkeit und vermeintliche Dummheit, die Körbchengröße der Frauen und den ätzenden Zynismus des Moderatorenduos Sonja Zietlow/Dirk Bach gedreht hatte. Denn das Dschungelcamp ist längst ein beeindruckendes Lehrstück dafür, wie moderne Fernsehunterhaltung funktioniert. "Wir moderieren nicht - wir kommentieren die Geschehnisse."

Kandidatin Jazzy, 36

Kandidatin Ramona Leiß, 54

Kandidatin Kim Debkowski, 19

Kandidat Rocco Stark, 24

"Aus dieser Distanz heraus haben wir auch die Freiheit zur Wahrheit, die man als Moderator im klassischen Sinne nicht hat. Wir sprechen bloß aus, was die Zuschauer denken - wir formulieren es nur etwas charmanter, aber nicht weniger ehrlich", beschreibt Sonja Zietlow ihre Aufgabe. Dazu gehöre auch, an den richtigen Stellen zu schweigen. "Wir reagieren auf das, was man sieht - und wir forcieren nicht mit Gewalt das, was man sehen will."

Je anstößiger und spektakulärer die Tabubrüche sind; je offener die Interaktion unter den Campbewohnern verläuft, desto positiver schlagen sich die insgesamt 14 Folgen auf die Quoten nieder. Ein ganzes Land taumelt kollektiv im Dschungelfieber - vermutlich kommt die Show für den angeschossenen Bundespräsidenten genau zum richtigen Zeitpunkt.

Kandidat Daniel Lopes, 35

Kandidatin Brigitte Nielsen, 48

Kandidatin Micaela Schäfer, 28

Kandidat Martin Kesici, 38

Die Beweggründe für ihre Teilnahme siedeln sich laut Selbstauskunft der Probanden unisono im Bereich des Selbsterfahrungstrips an. Weder Brigitte Nielsen, 46, der Fußballer Ailton, 38 noch "DSDS"-Teilnehmer Daniel Lopes, 35, sowie die anderen acht Kandidaten mögen oder können zugeben, vor allem wegen der Antrittsprämie - von 50 000 Euro und mehr ist die Rede - mitzumachen. Dabei eint sie, dass sie alle einen oder mehrere Brüche in ihrem Leben aufweisen können.

Die erfolgreichste Strategie gegen den gefürchteten Hilferuf "Ich bin ein Star - holt mich hier raus!" - auch das sind Erfahrungswerte - besteht darin, möglichst gelassen zu bleiben. Das eigene Ego werde dabei leicht zum größten Stolperstein, warnt Sonja Zietlow: "Wer seine Wirkung falsch einschätzt, kann sich mangels Reaktion von außen komplett zum Horst machen." Die Campbewohner sollten keine Rolle spielen. "Nur wer er selbst bleibt, kann im Dschungel gewinnen."

So ist das Dschungelcamp eine perfide Show - im guten Sinne. Denn sie schafft es, zum einen an unsere niedersten Instinkte zu appellieren, doch beansprucht sie durch ihre Vielschichtigkeit und ihren Balanceakt auf einem schmalen Grat zwischen Menschenverachtung und Menschenwürde auch unsere Intelligenz. Vor allem aber nimmt sich das Dschungelcamp einfach nicht so wahnsinnig ernst - und auch das ist schon mal ziemlich erfrischend.

"Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" Start heute (Freitag, 13. Februar) 21.15 Uhr auf RTL, danach täglich 22.15 Uhr