Holger Stanislawski

Er bringt neuen Spaß in den Retorten-Klub

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Lutz Wöckener

Drei Monate haben St. Paulis Urgestein Stanislawski genügt, um in Hoffenheim mit seiner unverwechselbaren Art Begeisterung auszulösen.

Die Miene war ungewöhnlich finster, in der Stimme lag übertriebener Ernst: "Besorg mir sofort ein Luftgewehr", sprach Holger Stanislawski zu einem Mitarbeiter der Geschäftsstelle, "ich kann dieses Vogelgezwitscher hier nicht mehr hören." Er hatte soeben seine zweite Übungseinheit als Trainer der TSG Hoffenheim beendet und beinahe eine Abfrage bei den umliegenden Kraichgauer Jagdgeschäften ausgelöst. "Hey, das war nur Spaß. Ich bin doch kein Psychopath", erklärte Stanislawski wenig später, als ihm das Ausmaß seines unbedarften Spruchs klar geworden war. Eine Szene, die nicht nur die zwei völlig unterschiedlichen Welten verdeutlicht, die im Mai bei der TSG aufeinanderprallten. Sie zeigt vor allem, dass man ihm, der sich selbst als "verrückten Hamburger" bei seinem neuen Arbeitgeber vorstellte, hier nahezu alles möglich macht.

Das Urgestein des FC St. Pauli beim traditionsfreien Kunstgebilde, vom Kiez in die Provinz, vom Tor zur Welt ins Scheunentor, vom alternativen Punker- und Chaosklub hinein ins Mäzenatentum. Die Gegensätze, mit denen sein Wechsel aus der Weltstadt Hamburg in die Diaspora nach Hoffenheim deutschlandweit überschrieben worden war, könnten Seiten füllen. Anfangs machte er das Spiel mit, bediente nach 18 Jahren als Spieler, Sportchef, Vizepräsident und Trainer bei St. Pauli die geforderten Klischees, erzählte von Treckern auf der Landstraße und dass der 3000-Seelen-Ort nur eine Ampel habe, berichtete von menschenleeren Straßen, landsmannschaftlich bedingten Verständigungsproblemen und dass die Tankstelle um 22.30 Uhr geschlossen habe. "Irgendwie ist es aber doch wie auf der Reeperbahn", sagt Stanislawski drei Monate später, "ich kann auch hier nirgendwo unerkannt rumlaufen."

Ein Problem, das er sich selbst geschaffen hat. Die Menschen verstehen ihn mittlerweile nicht nur, sie folgen ihm. "Als ich die Fans beim Vormittagstraining erstmals mit einem lauten Moin begrüßt habe, sind einige ängstlich zusammengezuckt und haben nur irgendwas gemurmelt. Die mussten sich daran erst mal gewöhnen, dass man mit ihnen spricht", denkt er zurück und lacht. Heute antworten sie mit einer Inbrunst, wie es Schüler tun, wenn ihr Lieblingslehrer das Klassenzimmer betritt. "Er hat uns den Spaß zurückgebracht", sagt Dirk und weist mit ausgestrecktem Arm auf Platz 2, eines der vier Übungsgrüns auf der imposanten Anlage am Rand des Hoffenheimer Nachbarorts Zuzenhausen, in dem Förderer Dietmar Hopp 2010 für 25 Millionen Euro ein sechseinhalb Hektar großes Trainingsgelände samt Geschäftsstelle und Jugendinternat aus dem Boden gestampft hat, das in Deutschland bis heute Maßstäbe setzt. Dort, auf dem kurz gemähten Grün, führen neun Spieler gerade einen spontanen Veitstanz auf, formieren sich im Kreis, brechen ihn wieder auf, stellen sich im Schulterschluss in eine Reihe und beginnen die deutsche Nationalhymne zu intonieren. Stanislawski hatte seine für die DFB-Elf spielberechtigten Profis in einem lockeren Trainingsspiel gegen den "Rest der Welt" des multinationalen Kaders antreten lassen. "Schauen Sie sich das an", sagt Dirk, aus dem Ungläubigkeit und Freude gleichzeitig heraussprudeln: "Die Jungs haben wieder Lust auf Fußball. Sehen Sie das, mit welcher Freude die ihrer Arbeit nachgehen? Sehen Sie das?" Man sieht es - und hört es. Dirk ist Fan der TSG und mit Frau, Tochter und Sohn wie viele der 150 Zuschauer einheitlich im blauen Hoffenheim-Look zur Trainingseinheit erschienen. "D'r Schdanni is des, was uns hier g'fehlt han. Sensationell, wie der des mocht, doo", ergänzt ein weiterer Trainingskiebitz, der vom Alter her locker Dirks Vater sein könnte und nach eigenem Bekunden "mehr ols fuffzisch Joar" den Verein verfolgt.

Der Gesang der Sieger könnte in diesen Tagen passender kaum sein: Einigkeit und Recht und Freiheit. "Ich habe so viele Auswahlspieler", sagt Stanislawski, "und auch wir wollen hier eine kleine Nationalmannschaft bilden, mit breiter Brust auftreten, Vertrauen zueinander entwickeln und eine Einheit sein. Nicht nur als Mannschaft, sondern als Verein." Es sind die Tugenden des FC St. Pauli, jene große Stärke, die er am Millerntor jahrelang geprägt hat, die er seiner Ansammlung von Hochbegabten versucht zu vermitteln. Der von seinen Vorgängern Marco Pezzaiuoli und Ralf Rangnick vernachlässigte Kollektivgedanke soll der Schlüssel sein, um die zweifellos herausragenden Individualisten in ein erfolgreiches Gebilde zu pressen. "Ich habe noch keinen besseren Fußballer als Ryan Babel erlebt, aber er muss Leben zeigen", schwärmt der 41-Jährige. Und so spielt Stanislawski neben seiner fachlichen Kompetenz aktuell vor allem seine Qualitäten im zwischenmenschlichen Bereich aus, streichelt, scherzt, herzt, motiviert, belebt. Rock 'n' Roll in der Retorte.

Die Spieler berichten von Mannschaftsbesprechungen ungewohnter Intensität und mitreißenden Kabinenansprachen. "Das sind Momente, die man in seinem Leben nicht mehr vergisst", stammelte der erfahrene Torwart Tom Starke, 30, nach dem 1:0-Sieg über Meister Borussia Dortmund. "Stani tut uns gut", sagt Mannschaftskapitän Beck, Bernhard Peters, Geschäftsführer der Nachwuchsakademie, ist "begeistert von der mentalen Energie" des neuen Mannes, und Mäzen Hopp hält ihn "für den idealen Trainer. Er ist natürlich, geerdet, intelligent und authentisch. Ich traue ihm zu, in den nächsten Jahren eine Mannschaft zu formen, die vielleicht auch mal international spielen kann." Geholt hatten sie ihn, damit die Mannschaft wieder für Begeisterung sorgt. Das hat sie mit zwei leidenschaftlichen Siegen aus drei Spielen bereits getan, aber vor allem ist es Stanislawski, der begeistert. Drei Monate haben ausgereicht, um Stimmung und Leistung spürbar anzuheben. "Hier war kein Leben mehr drin, keine Struktur, keine Hoffnung. Jetzt ist alles anders", sagt Dirk, und die umstehenden Fans nicken zustimmend.

Befürchtungen, dass "der Stani" im Kraichgau angesichts des sportlichen Aufstiegs und veränderten Umfelds mit dem in der Region allgegenwärtigen Milliardär Hopp zu Herrn Stanislawski werden würde, haben sich bislang nicht mal in Ansätzen bewahrheitet. "Um Gottes willen, da würde ich mich ja selber unwohl fühlen. Mit Herrn Hopp habe ich nur ein paar Mal gesprochen, ansonsten schreiben wir eher SMS", berichtet Stanislawski, "und einmal waren wir essen." Er hat sich nicht verändert - im Gegensatz zum Klub. Der tägliche Trainingsstart wurde um eine Stunde auf 9.30 Uhr vorgezogen, der Strafenkatalog modifiziert und das Spielsystem flexibler gemacht. Bei Balleroberung rochieren fünf bis sechs Offensive durch die gegnerische Hälfte, und demnächst wird die letzte Kunstrasenfläche durch Naturgrün ersetzt. "Und es wurden überall große Kaffeekannen aufgestellt", ergänzt Sportchef Ernst Tanner.

Auch Stanislawskis Laster sind geblieben: Kaffee und Zigaretten. Die erste Tasse trinkt er morgens um 8 Uhr gemeinsam mit den Putzfrauen in der Kantine der Geschäftsstelle, die letzte abends im Sinsheimer Hotel. "Ich fühle mich wirklich richtig wohl hier", sagt er, zieht an seiner Zigarette und pustet den Rauch über die Terrasse, die im ersten Stock einen hervorragenden Blick auf das Panorama mit den von bewaldeten Hügeln eingebetteten Trainingsplätzen bietet und in ihrer Größe dem Funktionsgebäude auf St. Paulis Trainingsareal gleicht. Die Aschenbecher, in denen er seine Kippen entsorgt, wurden eigens für ihn aufgestellt. "Meine Kernfrage lautete: Funktioniert mein Fußball auch bei anderen Vereinen? Ich habe hier die Ruhe und das Umfeld, um mich voll auf die Sache konzentrieren zu können. ", fährt er fort, "Heimweh kommt nur vereinzelt auf, wenn ich Bilder vom Dom oder vom Hafen sehe." Seine Frau Michelle ist mit dem Hund in Hamburg geblieben und wird dort auch bleiben, kümmert sich um ihren kranken Vater. Der Familienmensch Stanislawski muss Opfer bringen.

"Lust auf einen Rundgang?", fragt er und führt zurück ins Gebäude. 01.035 steht auf dem Schild neben der ersten Tür auf der linken Seite des Flurs. "Mein Zimmer", sagt Stanislawski, öffnet die Tür und knipst das Licht an. Geräumig, aber funktional: ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch und ein Fernseher, der beinahe größer ist als die anderen Möbel zusammen. "Ich war hier noch nie drin", sagt er und lacht, "zu viel zu tun. Und zum Schlafen gehe ich dann doch ins Hotel." Alle Hoffenheimer Spieler haben hier ein Doppelzimmer, an den Flur schließt ein weiterer an: Freizeitmöglichkeiten für die Profis, hier ein Büro, dort ein Besprechungsraum. Stanislawski erklärt, wer wo sitzt, wer was macht. Er hat jetzt einen Rhythmus gefunden. Statt mit dem Fahrstuhl geht es über eine Treppe zurück ins Erdgeschoss. "Hier beginnt der Reha-Bereich", sagt er und deutet auf ein Schwimmbad, das an der Kopfseite mit Fenstern ausgestattet ist, um die Bewegungen unter Wasser beobachten zu können. An Whirlpools, einem Bereich für Unterwassermassagen und zwei Saunen vorbei geht es in ein Zimmer mit einer Liege und seltsamen Apparaturen darüber. Stanislawski hält an. "Das hier", sagt er und kratzt sich am Kopf, "das hier ist eine Dusche, die den Stoffwechsel anregt. Peter Ott würde weinen, wenn er das sehen würde."

Ott ist Physiotherapeut bei seinem alten Verein, den er interessiert und emotional im TV verfolge. Am 19. September will er sich seine alte Mannschaft beim Auswärtsspiel in Karlsruhe erstmals wieder live anschauen. "St. Pauli und Hoffenheim sind wie Schwarz und Weiß. Da haben wir vier Jahre auf Baustellen gearbeitet, hier hast du alles." Mit Ausnahme von Kernspintomografien bietet der medizinische Bereich alle Möglichkeiten. Klubarzt Henning Ott hat ein eigenes Zimmer, geröntgt wird vor Ort. Als Stanislawski den Kraftraum des Ausmaßes eines mittelgroßen Fitnessstudios betritt, muss er selbst lachen: "Das sind die modernsten Geräte, alles wird mit Luftdruck gesteuert." Kletterwand, Fußballtennis-Feld - man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Jede Leistung wird analysiert und aufgezeichnet. Im nächsten Zimmer hängen Pläne mit den Spielernamen, hinter denen sich eine ganze Kette an unterschiedlich eingefärbten Zahlenkombinationen anschließt. "Wir testen sogar das periphere Sehen. Einige können fast um die Ecke schauen", sagt er, lacht und erzählt eine weitere Anekdote: Einer seiner zwei Athletiktrainer habe ihm kürzlich eine Ausarbeitung über den Einsatz von Kühlwesten auf seinen Schreibtisch gelegt. "Viele Stellen waren gelb gemarkert, doch der Text war auf Englisch."

In diesem Fall ein unlösbares Sprachproblem, das er bei seinen Spielern auf dem Feld mit Gestik und Mimik umgeht. "Er kommt sehr gut an", hat Ernst Tanner, als Geschäftsführer Sport Stanislawskis Vorgesetzter, beobachtet, "auch das Arbeitsklima hier auf der Geschäftsstelle profitiert von ihm." Und das soll möglichst so bleiben, wie Tanner betont: "Wir haben ihn vor dem Hintergrund geholt, längerfristig zu arbeiten. Wir wollen den Klub auf finanziell gesunde Beine stellen und vermehrt junge Eigengewächse fördern." Stanislawski hat bereits Ideen mitentwickelt. Er will auch die Profis in die Pflicht nehmen. Patenschaften sind angedacht, eine engere Verzahnung mit dem Nachwuchsbereich wird angestrebt. Am Mittwoch fand das erste Talenttraining statt. "Ich bin sicher, dass er sich hier sehr wohl fühlt", sagt Tanner und blickt auf die Anlage: "Die Präsenzzeit des Trainers ist außerordentlich, aber unsere Bedingungen sind ja auch hervorragend. Und hören Sie mal, wie schön hier die Vögel zwitschern."

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