Nach Box-WM in Hamburg:

Briggs auf der Intensivstation - Klitschko besucht Gegner im UKE

Box-Weltmeister Klitschko verteidigt seinen Titel nach zwölf Runden. Aber: Der einseitige Kampf hätte vorher abgebrochen werden müssen.

Hamburg. Die ärztliche Diagnose am Morgen danach beschreibt den Zustand eines Schwerverletzten: Gehirnerschütterung, Knochenbrüche unter dem rechten und über dem linken Auge, Sehnen- und Muskelriss im rechten Arm, zahlreiche Hämatome. Die befürchtete lebensgefährliche Gehirnblutung konnte nach einer Computertomografie des Organs ausgeschlossen werden. Das Positive: Der Patient ist ansprechbar, nimmt seine Umwelt wahr.

Shannon Briggs liegt seit der Nacht zum Sonntag auf der Intensivstation des Universitätskrankenhauses Eppendorf (UKE). Sein Box-Gegner vom Vorabend, Vitali Klitschko, besuchte seinen unterlegenen Kontrahenten am Sonntag , um sich nach dessen Befinden zu erkundigen, berichtet die "Augsburger Allgemeine". Zuvor war er in der Hamburger O2 World in eine Schlägerei verwickelt, bei der die Rollen einseitig verteilt waren. Briggs wurde geschlagen, rund 200-mal, darunter mehr als 100-mal an den Kopf. Sein Gegenüber traf er gerade viermal an Kinn, Wange, Auge und Schläfe. Dass der 38 Jahre alte US-Amerikaner wohl mit reparablen Schäden davonkommen wird, ist seinem hervorragenden körperlichen Zustand und vor allem seiner ausgeprägten Nackenmuskulatur zu verdanken. Briggs ist Berufsboxer, ein ehemaliger Schwergewichtsweltmeister dazu, im WM-Fight gegen Vitali Klitschko hatte er aber nur den unbändigen Willen zu bieten, aufrecht über die Runden zu kommen. Es gelang ihm - zum Preis schwerer körperlicher Versehrtheit. Der einseitige Kampf, darin waren sich alle einig, hätte spätestens nach der zehnten Runde abgebrochen werden müssen, um Briggs' Gesundheit zu schützen.

Klitschko, schnell, dynamisch, reaktionsstark, verteidigte unter dem Jubel von 14 500 Zuschauern seinen Weltmeistertitel nach Version des Weltverbandes WBC einstimmig . Er gewann alle zwölf Runden. Die drei Punktrichter werteten 120:107, 120:107 und 120:105. Für eine gewonnene Runde gibt es zehn Punkte, der Verlierer erhält neun, bei deutlicher Unterlegenheit acht. Die war mindestens im siebten, neunten und zehnten Durchgang gegeben. Der erwartete Knock-out blieb Klitschko jedoch verwehrt. Briggs ist erst der dritte Boxer, mit dem er bei seinen 41 Siegen über die volle Distanz musste. "Dafür zolle ich ihm meinen Respekt. Er hat ein großes Kämpferherz. Ich habe viel geschlagen, meine Hände sind geschwollen, ich habe oft getroffen, aber er fiel nicht. Ich bin deshalb nicht ganz zufrieden mit dem Kampf", sagte Klitschko, als er noch nichts von den Verletzungen Briggs' wusste.

Die mutmaßlichen Fehler analysierte er mit seinem Trainer Fritz Sdunek nach dem Duschen noch in der Kabine - jener der Hamburg Freezers. "Es hat Vitali nicht an Schlagkraft, sondern an Schlagtechnik gefehlt", urteilte Sdunek. Klitschko müsse mit seinen Füßen noch fester auf dem Ringboden stehen, um die Wirkung seiner Schläge zu optimieren. Briggs war von ihnen auch so beeindruckt: "Ich habe gegen die Weltmeister George Foreman und Lennox Lewis geboxt, aber heute habe ich meinen besten Fight überhaupt geliefert. Und das gegen den Besten von allen. Klitschko schlägt schneller und härter als Foreman und Lewis. Der sollte in die Hall of Fame des Boxens!"

Dort könnte auch Briggs' Schädel ausgestellt werden. Dass ein Boxer derart viele harte Treffer wegsteckt, ohne zu Boden zu gehen, grenzt an ein medizinisches Wunder. Dass niemand der fortgesetzten Körperverletzung Einhalt gebot, ist ein Skandal. Briggs' Trainer Herman Caicedo schien bis zum Schluss auf einen Lucky Punch zu hoffen, der englische Ringrichter Ian-John Lewis wiederum wollte dem taumelnden Amerikaner diese vage Chance nicht nehmen. Schon bei der offiziellen Vorbesprechung des Kampfes hatte Briggs' Management gebeten, das Duell nur abzubrechen, wenn es "gesundheitlich gefährlich" würde. Schließlich hätte Briggs ein Sieg über Klitschko zum Multimillionär gemacht. In Hamburg betrug seine Börse rund 700 000 Euro.

Gesundheitlich gefährlich wurde es für Briggs von der sechsten Runde an, als nur der Gong ihn vor einem K. o. bewahrte. Ringarzt Stephan Bock hätte sich fortan - wie es die Regel vorschreibt - ein Signal des Ringrichters gewünscht, Briggs untersuchen zu dürfen. Das kam bis zum Schluss nicht. "Ich hätte zwar die Rote Karte ziehen können, um den Kampf zu stoppen, doch das wollte ich nicht auf den bloßen Verdacht hin tun. Ich hätte mir gewünscht, dass der Ringrichter nach der zehnten Runde abgebrochen hätte", sagte Bock.

Erst nach dem Kampf begab sich Briggs wankend in die Hände des Arztes. Bock stellte "neurologische Auffälligkeiten" fest, Briggs sei schwindelig gewesen und er hätte einen schläfrigen Eindruck gemacht. Der Einweisung ins Krankenhaus wollte sich der 38-Jährige dennoch widersetzen. Sein Manager Gregory Cohen bestand jedoch darauf, Briggs fügte sich widerwillig. Mit Blaulicht wurde er ins UKE gefahren.

"Wäre er mein Schützling gewesen, hätte ich ihn spätestens nach der zehnten Runde aus dem Ring genommen", meinte Sdunek. Der ehemalige Europameister und RTL-Experte Luan Krasniqi hielt es für "unverantwortlich, einen Schwergewichtskampf bei derart vielen Wirkungstreffern fortzuführen". Briggs sagte am Sonntag: "Ich wollte weiterkämpfen. Das war mein fester Wille." Sein Rückflug in die USA wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.