Eine Olympiasiegerin an ihrer Grenze

Das gefrorene Lächeln der Magdalena Neuner

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Zweimal Gold und einmal Silber. Die Biathletin Magdalena Neuner sollte eigentlich glücklich sein. Doch sie wirkt ausgebrannt und leer. Sie sagt sogar: "Ich bin ganz schön deprimiert." Robert Dunker und Rainer Grünberg über eine Athletin zwischen Ruhm und Erwartungsdruck

Whistler. Magdalena Neuner lächelt viel in diesen Tagen - für die Fotografen, für den Chef der Erdinger-Brauerei im "Deutschen Haus" in Whistler und wenn sie Thomas Bach, Deutschlands ranghöchsten Sportfunktionär, trifft. Immer gibt sie die freundliche, nette Biathletin, Deutschlands goldigen Superstar, das neue frische Gesicht der führenden Wintersportnation der Welt. Es ist keine Maske. Magdalena Neuner ist diese freundliche, unbeschwerte junge Sportlerin, für die sie alle halten. Es ist nur jetzt diese ständige Öffentlichkeit, die ihren Tribut fordert, wenn der Rückzug ins Private versperrt bleibt.

Wenn die Kameras abgeschaltet sind und die Sponsoren außer Hörweite, dann fallen dieser Tage plötzlich auch Sätze der Ernüchterung, des Erstaunens. "Ich kann noch gar nicht richtig begreifen, was ich hier erreicht habe." Oder: "Ich kann die Siege nicht genießen." Nach Platz eins im Massenstartrennen entglitt ihr am Sonntagabend gar der denkwürdige Ausspruch: "Ich bin ganz schön deprimiert." Er kam direkt aus ihrer Seele. Es klang wie ein Hilfeschrei.

Eine deprimierte zweimalige Olympiasiegerin. So weit ist es bei diesen bizarren 21. Winterspielen gekommen. Erst drückte der Tod des georgischen Rennrodlers Nodar Kumaritaschwili und die anschließende Diskussion um Sicherheitsmängel auf die Stimmung, jetzt trübt Kritik der Athleten an den Organisatoren das Bild des größten Sportspektakels der Welt.

Sie werden vorgeführt wie Zirkuspferde, da fehle der Respekt gegenüber den Sportlern, kritisierte Magdalena Neuner, und die Funktionäre und freiwilligen Helfer, die mit den blauen Jacken, hätten nach dem Spurt ins Ziel "nur so an mir herumgerissen, als wäre ich zum falschen Zeitpunkt am falschen Platz". Fröstelnd stand sie da, wartete auf die Dopingkontrolle und die Flower Ceremony, die Blumenzeremonie an der Wettkampfstätte, ohne die Möglichkeit, sich eine Trainingsjacke überzuziehen, um sich vor der hochkriechenden Kälte zu schützen. "Das war alles nicht sehr schön." Sie habe sich schlimmer wie ein Schaf gefühlt, das zur Schlachtbank geführt werden solle.

Dazu muss man wissen, dass bei einem Großereignis wie Olympia strenge Regeln herrschen. Alles ist bis ins letzte Detail geplant. Zeitpläne müssen fürs Fernsehen auf die Minute eingehalten, Vorschriften aus Sicherheitsgründen sklavisch beachtet werden. Alle Helfer haben strikte Anweisungen, die ihnen keinen Spielraum des Ermessens lassen; oder sie glauben lassen, ihn nicht zu besitzen. Wer nicht tut, was ihm angeordnet wurde, dem drohen Konsequenzen, bis hin zu Schadenersatzklagen. Angst, etwas falsch zu machen, bestimmt das Handeln. Für Menschlichkeit ist in diesen Drehbüchern kein Platz. Das führt zu den beschriebenen Konflikten. "These are the Rules" - das sind die Regeln - ist einer der in Vancouver und Whistler am meisten gehörten Sätze. Er löst oft nur Kopfschütteln aus. Der Fehler liegt im System. Misstrauen gegen jeden und alles speist es. Vor allem die Sportler werden zu Opfern dieser Maschinerie.

Magdalena Neuner hat sich in den vergangenen Jahren der Hilfe eines Mentaltrainers bedient. Sie hat gelernt, die extremen Stresssituationen in ihrem Wettkampf zu beherrschen, die Ruhe beim Schießen im Stehen und im Liegen zu finden, wenn Kopf und Körper vom Laufen auf Hochtouren sind. Aber niemand hat sie in dieser Weise vorbereitet auf die Hektik hinter der Ziellinie, auf das Interesse an ihrer Person, das exponentiell mit ihren Siegen gestiegen ist. Magdalena Neuner, das wissen wir, strickt gern, eine eigene Internetseite hat sie ihrem Hobby gewidmet. Und sie spielt Harfe leidenschaftlich gern. Die Vorliebe für Musik ist familiären Ursprungs. Ihr Vater dirigiert in Wallgau die örtliche Blaskapelle. An ihr, und das erschreckt sie, wird aber nicht gezupft, sondern gezerrt. Das hat seinen Grund: Biathlon sorgt hinter Fußball und Formel 1 für die höchsten TV-Einschaltquoten in Deutschland. Fast neun Millionen Menschen verfolgten ihren ersten Olympiasieg, knapp elf Millionen ihren zweiten Goldjubel in Kanada. Das macht sie für die Werbung zum potenziellen Superstar. Die Voraussage fällt nicht schwer: Die 23 Jahre alte Zollhauptwachtmeisterin, ledig, jedoch nicht einsam, wird in die Hochpreiskategorie der ehemaligen Schwimmerin Franziska van Almsick und der abtretenden Eisschnellläuferin Anni Friesinger-Postma aufsteigen. Sportliche Erfolge sind dafür die Basis, aber erst Aussehen, Ausstrahlung und Persönlichkeit machen daraus Millionen. An alledem mangelt es Magdalena Neuner nicht. Und dass sie jetzt Ecken und Kanten zeigt, trennt sie von der Masse der Stromlinienförmigen und Gleichgeschalteten, die uns langsam zu langweilen beginnen. Das ist gut fürs kommende Geschäft.

Magdalena Neuner war mit großen Erwartungen in den Wintersportort Whistler gereist, gleich bei den ersten Spielen hatte sie, die sechsmalige Weltmeisterin, sich zum Ziel gesetzt, Gold nach Hause in ihre oberbayerische Heimat Wallgau zu entführen. Bevor sie die erste Medaille gewann, fand sie: "In Whistler zu laufen ist wie Urlaub. Ich genieße die tolle Anlage und die Atmosphäre." Eine Woche später klingt sie, als stünde sie am Rande eines Burn-outs.

Anders scheint es kaum zu erklären, dass Magdalena Neuner am Ende der Pressekonferenz im "Deutschen Haus" in einem dürren Satz ihren Verzicht auf einen Start in der Frauenstaffel am heutigen Dienstag bekannt gab. "Für mich war das Massenrennen mein letztes Olympiarennen." Erst nach einer Pause folgte die Erläuterung. "Ich möchte in jedem Wettkampf mein Bestes geben. Und ich weiß einfach nicht, ob ich das noch kann. Ich habe unheimlich stressige Tage hinter mir."

Die engen Bande innerhalb der heilen deutschen Biathlonfamilie stützen die These, dass sie ihren Platz aus eigenen Stücken räumte, um den Teamkolleginnen Simone Hauswald, Martina Beck, Andrea Henkel und Kati Wilhelm eine Medaille zuzuschanzen. "Am schönsten ist es für das ganze Team, wenn jede eine Medaille mit heimnimmt", sagte Neuner. Ganz schön edel. Die "große Geste", von der Langlauf-Bundestrainer Jochen Behle sprach, wollte Biathlon-Bundestrainer Uwe Müßiggang nicht so stehen lassen. "Es ist weder eine Egonummer noch eine große Geste. Es war Lenas Entschluss. Sie hat mir damit natürlich eine schwere Entscheidung abgenommen." Und zwar jene, einer Frau aus dem starken Aufgebot einen Korb zu geben.

Simone Hauswald, die beim Massenstartrennen die Bronzemedaille holte, sagte, sie akzeptiere und verstehe Neuners Entscheidung. Aber wenn eine zweimalige Olympiasiegerin freiwillig verzichtet, weil sie sich leer fühlt, fragt man sich, ob da nicht etwas gewaltig schiefläuft in der olympischen Familie.

Der ganze Apparat einer nimmersatten Verwertungskette von Medien, Vermarktern, Sponsoren und Industrie nährt sich von Stars wie Neuner. Als sie und Hauswald "eigentlich schon im Bett liegen wollten", bat sie noch Waldemar Hartmann im ARD-"Morgenmagazin" an seinen Tisch. Anschließend mussten sie noch der hauseigenen Postille "Olympische Momente" für ein Interview bereitstehen. Nein zu sagen fällt da schwer. Schnell wird die Schublade geöffnet, aus der es kein Entrinnen gibt. Nicht ist hartnäckiger als ein Etikett, ein falsches wird man selten wieder los.

Wie unbeschwert und glücklich sie dagegen sein kann, wenn sie in der Loipe losgelassen wird, das wurde beim Massenstart deutlich. Als Neuner auf der letzten Runde die Aufholjagd auf Olga Saizewa aus Russland startete, rief Simone "Simi" Hauswald ihrer Teamkollegin in Gedanken zu. "Bitte, Lena, nimm mich mit!" Da lächelte Neuner nur und sagte später: "Ich habe gedacht, Simi, bleib bei mir."

Aus dieser heilen Welt schöpft Magdalena Neuner ihre Kraft. Störende Einflüsse von außen sind Gift. Allein: "Das Familiäre an Olympia", hat Männer-Bundestrainer Frank Ullrich erkannt, "droht ein bisschen verloren zu gehen." Ullrich erlebt seine zehnten Spiele. "Wir müssen aufpassen, dass die Sportler nach wie vor im Mittelpunkt stehen."

Jacques Rogge, der Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), hat magische Spiele versprochen, aber bisher scheinen in Vancouver und Whistler Sponsoren, Fernsehmanager und Funktionäre vor allem magische Geschäfte zu wittern. Jeder will sein Bild mit dem Gesicht dieser Spiele, jeder will Magdalena Neuner.

"Ich gebe der Magdalena zu hundert Prozent recht: Wenn man Olympiasieger ist, wird man nicht mehr als Mensch behandelt", brummte Fahnenträger und Olympiasieger André Lange nach seinem Sieg im Zweierbob. "Die Hektik, die nach so einem sehr emotionalen Moment gemacht wird, ist enorm."

So enorm, dass eine Doppel-Olympiasiegerin auf einen Einsatz in der Staffel mit fast eingebauter Medaillengarantie verzichtet. "Auf sie sind viele Eindrücke und Erlebnisse niedergeprasselt, sie wurde von einem zum anderen gereicht. Das hinterlässt Spuren", sagt Coach Behle. Auch er hatte ein Auge auf Neuner geworfen, er erwog, sie am Donnerstag in seiner 4x5-Kilometer-Langlaufstaffel einzusetzen. In Whistler habe er sie beobachtet und danach bewusst davon Abstand genommen.