Der verdächtige Schatten

Jährlich erkranken 1000 Menschen in Hamburg neu an Lungenkrebs. Um die Heilungschancen weiter zu verbessern, wird weltweit geforscht. Auch das Thoraxzentrum am AK Harburg testet neue Verfahren, in denen spezielle Impfstoffe Metastasen vernichten sollen.

Lungenkrebs - ein tückischer Tumor, der ganz im Stillen sein zerstörerisches Werk vollbringt. "Oft wird ein kreisrunder Schatten auf der Lunge nur zufällig beim Röntgen entdeckt, wenn der Patient zum Check-Up zum Hausarzt geht", erklärt Prof. Eckhard Kaukel, Chefarzt des Thoraxzentrums am AK Harburg. Chronischer Husten und Auswurf sind anfangs die einzigen Zeichen, die auf den Krebs hinweisen. Darunter aber leiden auch viele Raucher, die Hauptrisikogruppe für Lungenkrebs. "Wenn aber der Husten blutig wird, auch wenn es kleine Streifchen sind, ist das ein äußerst ernst zu nehmendes Warnsymptom."

Der von Medizinern als Bronchialkarzinom bezeichnete Tumor steht in der Liste der Todesfälle durch Krebserkrankung den ganz oben, bei den Männern an erster, bei den Frauen an dritter Stelle. In Hamburg werden jährlich etwa 1000 Neuerkrankungen registriert, zwei Drittel bei Männern, ein Drittel bei Frauen. "Lungenkrebs ist nur in insgesamt 15 Prozent der Fälle heilbar", betont Prof. Kaukel, in dessen Abteilung jährlich bei 600 Patienten die Erstdiagnose Lungenkrebs gestellt wird.

Wenn sich auf dem Röntgenbild ein verdächtiger Schatten findet, geht es zunächst darum, herauszufinden, ob es sich um Krebs oder um andere Krankheiten, wie zum Beispiel eine Tuberkulose handelt. Dazu führen die Ärzte eine Bronchoskopie, die Spiegelung der Bronchien, in örtlicher Betäubung oder Narkose durch. "Ein fünf Millimeter dickes, schlauchartiges Spiegelinstrument wird in die Bronchien geschoben. Durch dieses Instrument führen wir einen Draht mit einer winzigen Zange bis an den Tumor heran und entnehmen eine Gewebeprobe", erklärt Kaukel das Verfahren. Der Draht läuft in den Verästelungen der Bronchien entlang, die sich - wie die Zweige eines Baumes - bis in die kleinen Lungenbläschen erstrecken. "Diese Untersuchung ist so wenig belastend, dass der Patient dabei zuschauen kann", betont der Lungenspezialist.

Anhand der Gewebeprobe wird dann die Diagnose gestellt. Die Mediziner unterscheiden zwei Arten von Lungenkrebs: Das kleinzellige und das nicht-kleinzellige Bronchialkarzinom. "Das kleinzellige wächst sehr schnell und macht etwa 20 Prozent der Bronchialtumoren aus. Dieser Krebs wird standardmäßig weltweit mit einer Chemotherapie behandelt", so Kaukel. Operiert wird dieser Krebs nur, wenn es sich um sehr kleine, begrenzte Tumoren handelt, die noch keine Tochtergeschwülste, so genannte Metastasen, gesetzt haben. Bei der Operation wird durch einen Schnitt zwischen den Rippen der Tumor mit dem betroffenen Lungenlappen entfernt. Auch die dazugehörigen Lymphknoten im Mittelfell, dem Raum zwischen den Lungenflügeln, in dem auch das Herz sitzt, werden herausgenommen. "Nach der Operation behandeln wir unsere Patienten noch zwölf Wochen lang mit einer Chemotherapie", so Kaukel.

Hat der Tumor bereits Metastasen in die Lymphknoten gestreut, wird der Patient zwölf Wochen lang mit einer Chemotherapie behandelt und erhält anschließend noch sechs bis acht Wochen eine Strahlentherapie. Bei Metastasen in Gehirn, Nebennieren, Leber und Knochen wird eine Chemotherapie über 18 Wochen durchgeführt.

"All diese Therapien können das Leben erheblich verlängern", so Kaukel. "Die Hauptarbeit in unserer Abteilung besteht neben Diagnostik und Chemotherapie darin, in späten Erkrankungsstadien die Leiden der Patienten zu lindern. Wir versorgen sie mit Medikamenten gegen die Schmerzen."

Als einzige Abteilung in Hamburg führt das Harburger Thoraxzentrum spezielle Therapien durch, um die Luftnot zu bessern, die zustande kommt, wenn das Krebsgewebe einen Bronchus verschließt. "Dabei wird durch ein Bronchoskop das Tumorgewebe mit kleinen Zangen oder einem Laser abgetragen. Durch Einlegen eines Röhrchens (Stent) wird der Bronchus offen gehalten", erklärt Kaukel. "Wenn sich im Gehirn Metastasen gebildet haben, können wir durch Cortison und Bestrahlung Symptome wie Übelkeit, Lähmungen und Sprachstörungen mildern."

Bei der zweiten Tumorart, dem nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinom, versuchen die Harburger Spezialisten in erster Linie, mit einer Operation den Krebs zu beseitigen. "Eine Voraussetzung dafür ist, dass keine Metastasen in anderen Organen vorhanden sind. Das wird mit umfangreichen Untersuchungen abgeklärt. Außerdem werden mit der so genannten Spiroergometrie Herz und Lunge untersucht. Danach lässt sich sagen, ob die Lunge so gesund ist, dass der Patient auch nach der Entfernung eines Lungenlappens oder eines Lungenflügels noch ein einigermaßen normales Leben führen kann." Entschließen sich die Ärzte zur Operation, wird der Tumor mit dem befallenen Lungenlappen und den Lymphknoten entfernt. Für diesen Eingriff bleibt der Patient zehn Tage im Krankenhaus und erhält anschließend eine drei- bis vierwöchige Rehabilitationsbehandlung, um sich zu erholen. "Wenn diese nicht-kleinzelligen Tumoren frühzeitig entdeckt und operiert werden, ist die Heilungschance 70 bis 80 Prozent", erklärt Kaukel.

Um die Heilungschancen des Bronchialkarzinoms zu verbessern, werden weltweit neue Verfahren erprobt. Auch am Thoraxzentrum des AK Harburg laufen Studien mit neuen Krebsmitteln und umfangreiche interdisziplinäre Behandlungen. So werden hier zum Beispiel Patienten nach der OP mit spezifischen Tumorantigenen geimpft, die das körpereigene Abwehrsystem so stimulieren sollen, dass es eventuelle Metastasen vernichten kann. "Diese Impfung wird bei frühen Tumorstadien von nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinomen angewandt. Mit dieser neuen Methode stehen wir aber noch ganz am Anfang, so dass es noch keine Ergebnisse gibt", sagt Kaukel.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.