Reaktionen: "Endlich, endlich! 13 Jahre!", rief Frankreichs Aussenminister Kouchner

Jubel in Sarajevo, Protest in Belgrad

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Belgrad/Sarajevo/Brüssel. Die Polizei in Belgrad hat gestern Abend eine Demonstration von rund 100 serbischen Ultranationalisten aufgelöst, die gegen die Festnahme des früheren bosnischen Serbenführers Radovan Karadzic protestierten. Wie Augenzeugen berichteten, schrien die Demonstranten im Zentrum der serbischen Hauptstadt "Verrat" sowie die Namen von Karadzic und seinem einstigen Armeeführer Ratko Mladic. Die meisten Demonstranten waren den Angaben zufolge Mitglieder der rechtsextremen Gruppe "Obras". Sie warfen Steine und Feuerwerkskörper auf die Polizisten. Laut Medienberichten wurde niemand verletzt.

Mehrere Dutzend Polizisten bezogen Stellung an den wichtigsten Straßen Belgrads sowie am Platz der Republik, dem größten Platz der Hauptstadt. Unter den Kundgebungsteilnehmern waren einer der wichtigsten Führer der Ultranationalisten, Aleksandar Vucic, sowie Luka Karadzic, der Bruder des mutmaßlichen Kriegsverbrechers.

In Karadzics Geburtsort Petnica in Montenegro waren die Menschen dagegen schweigsam. "Wir wissen alle, dass Radovan festgenommen wurde", sagte einer, der selbst für diese spärlichen Auskunft nicht mit Namen genannt werden möchte. "Niemand redet darüber." Es sei schmerzlich, sogar gefährlich. In Petnica am Treskavica-Berg in Montenegro, nahe der bosnischen Grenze, leben noch heute viele Karadzics. Vucko Karadzic beispielsweise ist im Besitz eines Stammbaums, auf dem Radovan verzeichnet ist. Den Stammbaum zeigt Vucko Karadzic wohl vor, reden wollte er aber nicht so gerne, weil Journalisten nach seinen Erfahrungen zu häufig die Geschichten verdrehten.

Aber dann hatte Vucko Karadzic doch düstere Ahnungen: "Gott bestraft uns. Gott wird uns vernichten, wir werden untergehen." Vuckos Frau Dusa erging sich in Flüchen über die Serben im Allgemeinen. "Die Serben waren immer schon Verräter", schimpfte sie. "Am besten hätte er sich umgebracht", meinte sie über Radovan. "Aber das konnte er nicht."

Freude dagegen in Sarajevo: Mit Autokorsos und Hupkonzerten haben bosnische Muslime dort die Karadzic-Festnahme gefeiert. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von der Festsetzung des mutmaßlichen Kriegsverbrechers. Viele Bewohner zogen jubelnd durch die Straßen der bosnischen Hauptstadt.

Die EU hat die Festnahme ebenfalls begrüßt. Es handele sich um einen wichtigen Schritt für eine dauerhafte Versöhnung in der Region. Die Festnahme zeige die Entschlossenheit der neuen serbischen Regierung, vollständig mit dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zusammenzuarbeiten, erklärte EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso in Brüssel.

Barroso sprach von einer "sehr positiven Entwicklung". Der EU-Außenbeauftragte Javier Solana bezeichnete die Festnahme als Quelle "immenser Befriedigung" und lobte die Behörden in Belgrad.

Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner berichtete offen von seiner Freude und der seiner EU-Amtskollegen: "Wir sind alle in die Luft gesprungen: Endlich, endlich! 13 Jahre!", sagte Kouchner in Brüssel unter Bezug auf die Dauer der internationalen Fahndung nach Karadzic.

In Moskau rief die Verhaftung ein geteiltes Echo hervor. "Die serbische Führung soll selber über Karadzics Schicksal entscheiden, auch über seine Auslieferung an das Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag", hieß es aus dem Außenministerium in Moskau. Dagegen kritisierte der stellvertretende Duma-Vorsitzende, der Ultranationalist Wladimir Schirinowski, das Vorgehen der serbischen Behörden. Karadzic sei "ein Symbol des Befreiungskampfes der Serben in den letzten 20 Jahren".