Porträt

Thilo Sarrazin – Finanzexperte, Genosse und Provokateur

Er überwarf sich mit vielen. Doch die heftige Debatte um Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab" scheint fast alle Bürger zu bewegen.

Hamburg/Berlin. Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin (65) begann seine Laufbahn als gewöhnlicher Beamter im Bonner Finanzministerium. Nach Volkswirtschaftsstudium und Promotion machte er dort schnell Karriere und diente seit 1975 allen Bundesfinanzministern von Hans Apel (SPD) bis Theo Waigel (CSU). Von 1981 an war er Büroleiter der Minister Hans Matthöfer und Manfred Lahnstein. Unter CSU-Minister Waigel arbeitete das SPD-Mitglied Sarrazin maßgeblich die Grundzüge der deutsch-deutschen Währungsunion aus.

Anfang der neunziger Jahre wechselte er zur Treuhandanstalt, trennte sich dort aber bald im Streit und ging von 1991 bis 1997 als Finanz-Staatssekretär nach Rheinland-Pfalz. Kurz arbeitete Sarrazin von 2000 bis 2001 bei der Deutschen Bahn unter Hartmut Mehdorn. Auch dort ging er schon ein Jahr später im Streit – entlassen von Mehdorn, dem ein ähnlicher Charakter wie Sarrazin zugeschrieben wird.

Als Finanzsenator in der überschuldeten Hauptstadt setzte Sarrazin zusammen mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) einen drastischen Sparkurs durch und verhalf dem Land 2007 und 2008 zu den ersten ausgeglichenen Haushalten seit 1949. Immer wieder fiel er mit provokanten Äußerungen über angeblich faule Hartz-IV-Empfänger auf und wurde auch in der eigenen Partei heftig kritisiert.

2009 wurde Sarrazin Vorstandsmitglied der Bundesbank. Schnell kam es zum Eklat. In einem Interview kritisierte er türkisch- und arabischstämmige Menschen wegen angeblich fehlender Integrationsbemühungen und sprach von der „Produktion“ neuer „Kopftuchmädchen“. Die Bundesbank entzog ihm die Aufsicht für den Bereich Bargeld. Die SPD wollte ihn ausschließen, scheiterte aber mit dem Verfahren. Sarrazin entschuldigte sich und versprach: „Ich werde in Zukunft bei öffentlichen Äußerungen mehr Vorsicht und Zurückhaltung walten lassen.“

Ein weiterer der seltenen Rückzieher war am vergangenen Mittwoch fällig. In der ARD-Talksendung „Hart aber fair“ distanzierte er sich von seiner Behauptung, alle Juden teilten ein „bestimmtes Gen“ und sprach von einem „Riesenunfug“, den er extrem bedauere.