Zentralrat der Juden

Graumann sieht Antisemitismus in Debatte um Beschneidung

Der Zentralratspräsident Dieter Graumann kritisiert die Beiträge und "ekelhaften Ergüsse" im Internet, die die Debatte missbrauchten.

Berlin. Die Debatte über rituelle Beschneidungen von Jungen trägt aus Sicht des Zentralrats der Juden in Deutschland punktuell antisemitische Züge. "Es gibt inzwischen leider doch wieder einige, die Beschneidung sagen und Judenfeindschaft meinen", sagte der Präsident des Zentralrats, Dieter Graumann, gestern im ZDF-"Morgenmagazin". Im Internet fänden sich viele Beiträge und "ekelhafte Ergüsse", die die Debatte missbrauchten.

Die Debatte über Beschneidungen sei legitim, betonte Graumann. Der Zentralratspräsident betonte aber erneut, dass die Beschneidung von Jungen für Juden "konstitutiv und ganz elementar" sei. "Wir machen das seit 4000 Jahren. Wir werden das sicherlich noch viele Tausend Jahre in der Zukunft machen." Graumann lobte die vom Bundestag in seiner Sondersitzung am vergangenen Donnerstag mit großer Mehrheit gefasste Resolution zu Beschneidungen. Sie sei für ihn ein "Zeichen, dass die Politik hier sensibel, verantwortungsbewusst agiert hat".

+++ Juden und Muslime bestehen auf Beschneidung +++

+++ Kritik an Beschneidungen wird trotz Resolution lauter +++

In der von Union, FDP und SPD beschlossenen Resolution fordern die Parteien, dass religiös motivierte Beschneidungen von Jungen "grundsätzlich zulässig" sein sollen, wenn sie von geschultem Personal durchgeführt werden, ohne dass einem Kind unnötige Schmerzen zugefügt werden. Neuen Zündstoff erhielt die Debatte durch einen offenen Brief, der auf den Internetseiten der "Frankfurter Allgemeinen" veröffentlicht wurde. Darin äußern sich mehr als 400 Mediziner und Juristen kritisch zu einer schnellen gesetzlichen Regelung. Die Religionsfreiheit sei "kein Freibrief zur Anwendung von Gewalt gegenüber nicht einwilligungsfähigen Jungen", heißt es. Es gebe keine medizinischen Gründe für die Entfernung einer gesunden Vorhaut bei einem gesunden kleinen Jungen.

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, sagte, dass die Debatte mittlerweile "unerträgliche Züge" annehme. Der offene Brief enthalte objektiv falsche Aussagen und werfe ein schlechtes Licht auf die Autoren, sagte Knobloch in München. Sie betonte, "im Falles eines Beschneidungsverbots in der Bundesrepublik wäre jüdisches Leben in diesem Land nicht mehr denkbar". Bundestag und Bundesregierung hätten mit der in Aussicht gestellten gesetzlichen Regelung klargestellt, dass die Beschneidung nicht in die Illegalität verschoben werden könne und dürfe. Dies sei das politische Signal, dass "jüdisches Leben in unserem Land weiterhin erwünscht ist", sagte Knobloch.