Interview

Erwin Sellering: "SPD steht zwischen CDU und Linkspartei"

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Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) deutet einen möglichen Wechsel des Koalitionspartners an und lobt die linke Landespartei.

Schwerin. Er ist der strahlende Sieger der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern: SPD-Ministerpräsident Erwin Sellering, 61. Im Abendblatt-Interview lobt er die linke Landespartei.

Hamburger Abendblatt: Herr Sellering, wer hat den Wahlausgang stärker beeinflusst: Sie oder Guido Westerwelle?

Erwin Sellering: (lacht) Die Gespräche mit den Bürgerinnen und Bürgern haben gezeigt: Es gibt einen großen Zuspruch zu der Art, wie wir in Mecklenburg-Vorpommern regieren. Die Menschen wollen Verlässlichkeit - und kein Chaos, wie es bei der schwarz-gelben Bundesregierung herrscht.

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Hat Sie das Ausmaß des Sieges überrascht?

Sellering: Es ist mein fünfter Wahlkampf, und die Stimmung war noch nie so gut. Und auch nach den Umfragen lag dieses Ergebnis am Ende doch nahe.

Sie haben angekündigt, mit der Partei zu koalieren, mit der Sie am meisten sozialdemokratische Politik umsetzen können. Vergleicht man die Programme, wird es die Linkspartei sein ...

Sellering: Die SPD steht in der Mitte - zwischen der CDU und der Linkspartei. Es wird darauf ankommen, wer sich wie weit auf uns zubewegt. Wir wollen möglichst viel von unserem Programm durchsetzen.

Sie ziehen einen Partner in Erwägung, der den Mauerbau verklärt ...

Sellering: Wenn man sich in der Bundesrepublik Deutschland umschaut, erkennt man: Die Linke ist auf Bundesebene und in vielen Bundesländern eine chaotische Truppe. Aber man muss schon anerkennen, dass Helmut Holter und diejenigen, die mit ihm in den Landtag einziehen, zu den Realpolitikern in der Linkspartei gehören. Helmut Holter hat einen klaren Kurs gefahren bei der Kandidatenaufstellung.

Ihren Parteitag hielt die Linkspartei am 50. Jahrestag des Mauerbaus ab - und ließ eine Diskussion über Für und Wider der Berliner Mauer zu ...

Sellering: Der Eklat auf dem Parteitag war die Reaktion einiger weniger auf die Kandidatenaufstellung. Das war mehr als peinlich, am peinlichsten war es wohl für die Linken-Führung selbst.

Was werden die Knackpunkte bei der Koalitionsentscheidung sein?

Sellering: Wir wollen die Wirtschaftskraft des Landes stärken, damit Arbeitsplätze entstehen, von denen man leben kann. Unser Ziel ist, die Kitas weiter zu verbessern. Und wir wollen die erfolgreiche Finanzpolitik der letzten Jahre fortsetzen. Wir werden schauen, wer da mitmacht.

Sind Sie erleichtert, dass die SPD-Führung ihre Steuererhöhungspläne erst nach der Wahl verkündet hat?

Sellering: Für die Menschen bei uns im Land ist es ein Problem, dass die Schere auseinandergeht zwischen Arm und Reich. Sie finden es gut, wenn die Besserverdienenden stärker herangezogen werden. Im Wahlkampf hätte das nicht geschadet.

Schwarz-Gelb will Geringverdiener entlasten - die SPD nicht. Wollen Sie so die Bundestagswahl gewinnen?

Sellering: Die Steuersenkungsträume der FDP sind einfach unrealistisch. Die Behauptung, es gebe Spielräume für Steuerentlastungen, ist abenteuerlich. Außerdem begünstigen die Steuerpläne vor allem die Gut- und Besserverdienenden. Das, was die FDP da vorhat, ist eine Mogelpackung.

Sie haben die SPD auf 35 Prozent gebracht. Was kann Sigmar Gabriel von Erwin Sellering lernen?

Sellering: Lernen kann von uns die Bundesregierung. Die Bürger wollen solide und verlässlich regiert werden. Die Bundesspitze der SPD macht gute Arbeit. Ich freue mich, dass die Umfragewerte wieder steigen.

Gabriel hat noch nie eine Wahl gewonnen, Steinmeier und Steinbrück auch nicht. Was spricht dagegen, den Kanzlerkandidaten aus der Reihe der Sieger zu nehmen?

Sellering: Ich finde es gut, dass die SPD in der Lage ist, mehrere Persönlichkeiten aufbieten zu können. Der Parteivorsitzende ist sehr souverän, wenn er sagt, er sei nicht der Einzige, der infrage kommt. Sigmar Gabriel hat den Kreis der möglichen Kanzlerkandidaten einmal auf alle gewählten Ministerpräsidenten ausgedehnt. Da muss ich sagen: Das ist etwas weit. Ich zähle mich definitiv nicht dazu. Aber wir haben mehrere geeignete Bewerber.

Können Sie sich vorstellen, den nächsten Kanzlerkandidaten in einer Vorwahl nach US-Vorbild zu wählen?

Sellering: Ich habe mich in den letzten Wochen voll auf den Wahlkampf konzentriert. Jetzt stehen die Gespräche mit den anderen Parteien an. Das ist im Moment nicht mein Thema.