Deutschland

Christian Wulff: Sehr nett, der Präsident

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Foto: Reto Klar

Ein Jahr nach der Wahl ins höchste Staatsamt hat Bundespräsident Christian Wulff seine Rolle noch nicht gefunden. Ein Mann des Sowohl-als-auch.

Berlin. Als der CDU-Politiker Christian Wulff noch zehn, 15 Jahre jünger war und das erste angestrebte große Amt noch außer Reichweite, da hieß es, der Niedersachse sei der Traum aller Schwiegermütter. Ein Kompliment war das nicht. Um das zu begreifen, musste Wulff nur einen Blick auf Männer wie Michael Stich oder Johannes B. Kerner werfen, denen das Etikett auch anhing.

Bis heute hat sich Wulff davon nicht lösen können. Trotz seiner siebenjährigen Regierungszeit als Ministerpräsident in Hannover, trotz seiner Berufung nach Berlin. "Nett" ist das Wort, das immer noch am häufigsten auf ihn angewendet wird. Aber, um es mit Oscar Wilde zu sagen: Wir können jeden nett finden, der uns nichts angeht.

Laut Emnid-Umfrage wünschen sich die Deutschen von ihrem zehnten und jüngsten Bundespräsidenten eine deutliche Einmischung in die Tagespolitik. Sie finden, dass sich der erste Mann im Staat zu den großen aktuellen Fragen äußern sollte. Zum Atomausstieg, zur Bundeswehr, zur Griechenland-Misere. Sie wollen Meinungen hören und nicht nur schöne Bilder von den Auslandsauftritten ihres Bundespräsidenten sehen, denn sie sind inzwischen anderes gewöhnt als routinierte Darbietungen. Das liegt daran, dass sie vor Wulff Horst Köhler erlebt haben. Einen Mann, der zuweilen um Worte rang, der seine Freude unverstellt zeigte, sich öffentlich vergossener Tränen nicht schämte und am Ende wütend kündigte. Köhler gilt den Deutschen als Beweis, dass ein Bundespräsident sympathisch (80 Prozent finden Wulff ja durchaus sympathisch) und unverbogen sein kann. Weshalb sie Joachim Gauck gewählt hätten, wenn am 30. Juni 2010 eine Direktwahl angestanden hätte. Wulff hätten sie nicht genommen. Wulff war der Kandidat, den die Kanzlerin durchsetzte, weil sie nach Köhler einen berechenbaren Partner in Schloss Bellevue haben wollte.

Bislang hat Christan Wulff nur einmal die unsichtbare rote Linie überschritten, die sein Amt von der praktischen Politik abgrenzt. Im Oktober, als er anlässlich des 20. Jahrestags der Deutschen Einheit seine erste mit Spannung erwartete Grundsatzrede hielt. Dass er damals sagte, der Islam gehöre inzwischen "zu Deutschland", hat allerdings mehr Protest als Zustimmung ausgelöst. In der Union, bei den Kirchen, in der Mehrheitsgesellschaft.

Anschließend ist viel darüber spekuliert worden, ob Wulff den Satz politisch absichtsvoll formuliert hat oder ob er nur zu dem Versuch gehörte, es wieder einmal allen recht zu machen. 4400 Briefe hätten ihn damals erreicht, berichtete Wulff Anfang Juni auf dem Evangelischen Kirchentag. "200 freundliche, der Rest war sorgenvoll, ängstlich und kritisch." Fast trotzig hat er hinzugefügt, es sei ihm darum gegangen, ein Zeichen zu setzen. Allerdings hat er sich seitdem gehütet, noch einmal anzuecken.

Wulff sei seit der Islam-Geschichte "verkrampft", befand der "Spiegel" kürzlich: "Die Themen sind da. Wer nicht da ist, ist der Bundespräsident." Wie sehr das stimmt, zeigte sich vor zwei Wochen. Statt die von Roman Herzog begründete Berliner Rede selbst zu halten, überließ Wulff die Bühne dem polnischen Staatspräsidenten Bronislaw Komorowski. Und das auch noch an einem 17. Juni. Jetzt ist Christian Wulff genau ein Jahr im Amt. In der Politik bewegt er sich schon seit drei Jahrzehnten. Das ist eine lange Zeit für einen, der gerade erst 52 Jahre alt geworden ist. Wer in der Politik 30 Jahre unfallfrei bewältigt, kann nur ein Heiliger sein oder einer, der die Fähigkeit hat, sich jeder Situation geschmeidig anzupassen. Wulff ist katholisch, ein Heiliger ist er nicht. Das lässt sich schon daran erkennen, dass er sich 2007 scheiden ließ, um die 14 Jahre jüngere Bettina Körner zu heiraten.

Wer also ist dieser Christian Wilhelm Walter Wulff, der in der CDU eine ganze Ewigkeit auf seine Chance wartete und dabei zuweilen Demütigungen in Kauf nahm, etwa als Helmut Kohl ihn auf dem Leipziger Bundesparteitag nötigte, das Nidersachsenlied zu singen? Er wirkt nicht nur wie ein Mann ohne Leidenschaften, er empfindet sich offenbar auch selbst so. Auf die Frage, was er an sich am wenigsten möge, hat er einmal geantwortet: "Dass ich darauf bedacht bin, mich niemals von großen Gefühlen übermannen zu lassen."

Man weiß, dass Angela Merkel mit diesem Bundespräsidenten höchst zufrieden ist. Nach der Oktober-Rede hat sie ihn mit dem milden Hinweis korrigiert, dass heute zwar viele Muslime in Deutschland lebten, dass die "prägende Kraft" der christlich-jüdischen Tradition im Gegensatz dazu aber "über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende" zurückreiche. Seitdem ist Ruhe im Karton. Seitdem hat die Kanzlerin nicht mehr intervenieren müssen. Seitdem ist der Niedersachse mit unverfänglicheren Auftritten beschäftigt. Am Sonntag eröffnete er die Frauen-Fußballweltmeisterschaft, am Dienstag empfing er den Ministerpräsidenten der Volksrepublik China, gestern kam der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Maier zum Mittagessen ins Bellevue, am Wochenende wird er nach Monaco fliegen, um an den Hochzeitsfeierlichkeiten von Fürst Albert II. und Charlène Wittstock teilzunehmen.

Wer Christian Wulff persönlich erlebt, sieht einen überaus zugewandten Mann, der bestrebt ist, jedem, dem er begegnet, etwas Freundliches zu sagen. Einen Mann, der vor allem durch seine Frau modern wirkt, die sich immer völlig ungezwungen bewegt, egal, ob sie gerade im Weißen Haus oder für die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung unterwegs ist. Eine Frau, die so jung ist, dass sie in ihrem Mädchenzimmer noch ein Poster von Terence Trent D'Arby hängen hatte, und die sich irgendwann eine Tätowierung auf dem rechten Oberarm zulegte. Dass Wulff den Mut hatte, für eine wie sie sein Leben noch einmal umzukrempeln, ist bislang der einzige Hinweis darauf, dass dieser Mann auch unkonventionelle Wege gehen kann.

Bislang bleibt Wulff ein Mann des Sowohl-als-auch. Als er vergangene Woche zum Weltflüchtlingstag in Berlin sprach, vertrat er die Ansicht, dass Deutschland mehr tun könne, als es zurzeit leiste. Im selben Atemzug verwies er darauf, dass Deutschland prozentual betrachtet jetzt schon mehr Flüchtlinge aufnehme als jede andere westliche Industrienation. Es sind diese reflexhaften Relativierungen, die den zehnten Bundespräsidenten so konturlos erscheinen lassen. Morgen Abend lädt Christian Wulff zum Sommerfest ins Schloss Bellevue. Die ersten zwölf Monate seiner Präsidentschaft sind vorbei. Vier Jahre bleiben ihm noch, sich von der Idee zu verabschieden, er könnte einen bleibenden Eindruck hinterlassen, ohne etwas zu riskieren.