Bundespräsident Wulff

Erst versprochen, dann vereidigt – die Wulffs ziehen ins Schloss

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Der Bundespräsident dankte auch seinen Mitbewerbern Gauck und Jochimsen. In seiner Antrittsrede sagte Wulff, er wolle Brücken bauen.

Berlin. Mittags vereidigt, am Nachmittag empfangen mit rotem Teppich im neuen Domizil Schloss Bellevue und am Abend die erste Party als Gastgeber: Bundespräsident Christian Wulff (51) und seine Frau Bettina sind im Amt angekommen.

Wulff sagte bei der Vereidigung, er wolle in seiner Amtszeit Brücken in der Gesellschaft bauen. „Mir ist es wichtig, Verbindungen zu schaffen: zwischen Jung und Alt, zwischen Menschen aus Ost und West, Einheimischen und Zugewanderten, Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Arbeitslosen, Menschen mit und ohne Behinderung.“ Wulff ist das zehnte deutsche Staatsoberhaupt und der bislang jüngste Bundespräsident. Beim Amtseid versprach er sich gleich zu Beginn der Formel, entschuldigte sich und machte korrekt weiter.

Die Antrittsrede von Christian Wulff im Wortlaut

„Wann wird es bei uns endlich selbstverständlich sein, dass unabhängig von Herkunft und Wohlstand alle gleich gute Bildungschancen bekommen?“, sagte Wulff. Und er fügte hinzu: „Wann wird es selbstverständlich sein, dass alle Kinder, die hier groß werden, auch die deutsche Sprache beherrschen?“

Wulff verteidigte das Parteiensystem in Deutschland gegen Kritik. Die Parteien und ihre Jugendorganisationen seien „viel besser als ihr Ruf“. Er wolle die Menschen dafür begeistern, sich wieder stärker an der politischen Willensbildung zu beteiligen.

Besonders will sich Wulff für ein besseres Miteinander der Kulturen engagieren. Die Deutschen müssten offen sein für die Zusammenarbeit mit allen Teilen der Welt. „Dazu müssen wir andere Kulturen besser kennen und verstehen lernen, müssen wir auch hier auf andere zugehen und den Austausch verstärken. „Das können wir schon hier bei uns einüben, in unserer Bundesrepublik, in unserer bunten Republik Deutschland.“

Die Vielfalt in Deutschland sei „zwar manchmal auch anstrengend, aber sie ist immer Quelle der Kraft und der Ideen und eine Möglichkeit, die Welt aus unterschiedlichen Augen und Blickwinkeln kennenzulernen“, sagte Wulff. Als Beispiel für erfolgreiche Integration verwies er auf die von ihm ernannte niedersächsische Sozial- und Integrationsministerin Aygül Özkan – die erste deutsch- türkische Ministerin in Deutschland.

Der Bundesregierung bescheinigte Wulff in der Finanz- und Wirtschaftskrise gute Arbeit: „Durch rasche und besonnene Entscheidungen ist es gelungen, die Folgen der Krise deutlich abzufedern.“ Jetzt müsse dafür gesorgt werden, dass sich Krisen diesen Ausmaßes nicht wiederholten. „Darum ist es wichtig, die Verursacher der Bankenkrise in Haftung zu nehmen und den Finanzmärkten endlich gute Regeln zu geben.“ Dies könne „nur in europäischer und in internationaler Zusammenarbeit gelingen. Das macht die Aufgabe außerordentlich komplex.“

Zugleich dankte er seinen Gegenkandidaten bei der Wahl, Luc Jochimsen (Linke) und Joachim Gauck (SPD/Grüne), für den „fairen Wettbewerb“ der vergangenen Wochen. Seinem Amtsvorgänger Horst Köhler dankte Wulff für dessen Einsatz für Deutschland. „Der Kummer über Ihren Rücktritt hat noch einmal gezeigt, wie nah Sie unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern waren.“ Besonders Köhlers Engagement für Afrika habe viel bewegt.

Bundestagspräsident Norbert Lammert hatte zuvor die Arbeit des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler gewürdigt: „Horst Köhler hat es sich nicht leicht gemacht und der sogenannten politischen Klasse manchmal auch nicht. Das hat viel mit der eigenen Beharrlichkeit zu tun.“ Köhler habe bei seinem überraschenden Rücktritt aber letztlich keine Chance mehr gesehen, das Amt des Bundespräsidenten so auszufüllen, wie er es sich vorgestellt habe.

Wulff war als Ministerpräsident von Niedersachsen zurückgetreten, noch ehe er die Wahl in der Bundesversammlung angenommen hatte. Doch war er da schon zehnter deutscher Bundespräsident. Denn Vorgänger Horst Köhler war bereits zurückgetreten. Die Vereidigung erst machte ihn am Freitag auch nach dem Buchstaben des Protokolls zum neuen Bewohner von Schloss Bellevue.

Doch so schnell werden die Umzugswagen des Bundespräsidenten wohl nicht aus Niedersachsen in die Hauptstadt rollen. Denn das neue Staatsoberhaupt Wulff und seine Frau Bettina haben noch gar nicht entschieden, wo sie in Berlin mit ihren Kindern wohnen. „Wir müssen jetzt mal gucken, wo wir unterkommen“, sagte Wulff. Der Amtssitz Schloss Bellevue ist dafür nicht vorgesehen – eine angemessene Wohnung gibt es dort seit Jahren nicht mehr.

Aber für Empfänge und Feste scheint das Anwesen am Rande des Berliner Tiergartens wie gemacht, etwa für Wulffs Sommerfest mit rund 5000 Gästen am Freitagabend.

Am Tag nach der dramatischen Wahl hatte Wulff das erste Mal eine Stippvisite in sein neues Reich gemacht. Rund 175 Mitarbeiter hat er im Bundespräsidialamt unter sich, dazu gehören mehrere Redenschreiber und ein eigener Koch. Auftritte im Rampenlicht sind für Wulff und seine Frau Bettina (36) nichts Ungewohntes. Auch seinen zweijährigen Sohn Linus wollte Wulff mit zu der Party am Freitag nehmen, bei der 65 Köche kulinarische Köstlichkeiten auffahren. 25.000 Liter Getränke wurden für das Fest zu Ehren engagierter Bürger geordert.

Die Kosten dafür summieren sich auf mehr als eine Million Euro. Sponsoren finanzieren die Veranstaltung. Am Sonnabend will Wulff erstmals wieder zurück aufs Land und zu Hause in Großburgwedel mit seinen Söhnen entspannt das WM-Viertelfinale der deutschen Nationalelf gegen Argentinien anschauen. Ihr Haus dort will die Familie trotz Umzugs nach Berlin nicht aufgeben.

Ob Wulff dann in einem seiner drei ihm zur Verfügung stehenden Dienstwagen in seinen Heimatort rauscht, war nicht klar. Die Limousine ist an dem einzigartigen Kennzeichen 0-1 zu erkennen, am rechten Kotflügel glänzt eine Standarte mit Bundesadler.