Segelschulschiff

"Gorch Fock" – die Angst fuhr immer mit

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Frank Ilse

Foto: dpa / dpa/DPA

Abendblatt-Redakteur Frank Ilse war 1975 selbst Offiziersschüler auf dem Schiff – und berichtet vom rauen Ton der Ausbilder an Bord.

Hamburg. "Herr Matrose Ilse, bitte kommen Sie auf die Brücke!" Segelschulschiff "Gorch Fock", halb zwei Uhr nachts, stockdunkel, mitten in der Irischen See, Kurs Cork, November, um null Grad, etwa drei Windstärken. Mich durchzuckt es eiskalt. Denn die Stimme, die gebieterisch über das Mitteldeck hallt, gehört meinem Ersten Offizier, Fregattenkapitän Immo von Schnurbein. Ich laufe los, zur Brücke, die auf Deutschlands renommiertem Segelschulschiff wenig mehr ist als eine Plattform jeweils an Backbord und Steuerbord. Schurbein ist ein Mann, den wir alle in hohem Maß respektieren, Kadetten - also Offiziersschüler wie ich - ebenso wie die Stammbesatzung, die uns ausbildet.

"Sie waren eben im Topp, richtig?", fragt er mich. "Jawohl, Herr Kap'tän." Es war auf seinen Befehl, ich hatte das Besanbramstagsegel festgezurrt, am Großmast, in etwa 15 Meter Höhe über dem Deck. Es hatte sich etwas losgeschlagen. "Sie müssen sich bei mir zurückmelden, wenn Sie oben waren. Ich muss wissen, dass Sie heil wieder unten sind. Das kann ich nicht ahnen, schon gar nicht mitten in der Nacht. Denken Sie daran", sagt von Schnurbein. "Jawohl, Herr Kap'tän", sage ich und schleiche mich.

Rund 120 Kadetten waren wir damals, im Oktober 1975, im Schnitt 19 Jahre alt. Zu diesem Zeitpunkt alle fünf Wochen an Bord. Unser Lebensraum: ein Gemeinschaftsdeck für 60 junge Männer. Ein würfelartiger Spind mit 60 Zentimeter Kantenlänge, für jeweils drei Mann ein kleiner Hängeschrank. Darin die Ausgehuniformen, ein Mantel und die Seestiefel. Unser Bett eine Hängematte, gemütlich, vor allem bei schlechtem Wetter - das Schiff rollt und stampft, die Matte schwingt frei und bleibt ruhig.

Jeden Morgen um sechs Uhr wecken, dann Hängemattenmusterung. Die Dinger sind aus Segeltuch, müssen auf eine genau festgelegte Weise gezurrt werden, schließlich dienen sie im Ernstfall als zusätzliche Rettungsflöße. Anschließend Waschen an Oberdeck - November. Danach Ausbildung: aufentern in die Masten, Segel setzen, Segel bergen, trimmen. Nachts Wache gehen, von acht bis zwölf, zwölf bis vier, vier bis acht Uhr. Jede vierte Nacht können wir durchschlafen, "Bauernnacht" heißt das. "Hands" werden wir genannt - Hände. Und das sind wir. Ringe und Ketten sind verboten, damit niemand irgendwo hängen bleiben kann, die Fingernägel sind kurz. Wer sie nicht schneidet, verliert sie auf andere Weise. Segeltuch ist dick und störrisch. Bei starkem Wind führt es ein Eigenleben.

Wir tragen Overalls, Blaumänner genannt, eine Pudelmütze und um die Hüfte ein Seil mit einem Karabinerhaken. Damit "picken wir uns ein" - haken uns fest -, wenn wir unsere Arbeitsstation in den Masten erreicht haben. Die Größeren weiter unten, die Kleineren oben, auf der Bram- und der Royalrah. Beim Hochklettern, dem "Aufentern", sind wir auf sicheren Halt angewiesen.

Angst? Ja. Vor allem am Anfang der Ausbildung ist sie ständiger Begleiter.

In Kiel an der Pier, beim vier Wochen dauernden Training. Unsere Ausbilder sind laut und rau im Ton. Sie halten uns auf Trab. Das lenkt ab vom mulmigen Gefühl im Mast: "Enter auf! Los, los, hoch!" Doch sie sind auch neben uns, in den Wanten, ermuntern, loben, zeigen uns den richtigen Halt. Zunächst langsam, dann geht es schneller rauf und runter. Wer mit der Höhe nicht zurechtkommt, bekommt eine Segelstation auf Deck, wird "Pollergast". Allmählich weicht die Angst, Vertrauen wächst. In die eigenen Fähigkeiten, den eigenen Körper, die Kameraden und die Ausbilder. Wir lernen, uns als Gemeinschaft zu begreifen. Verantwortung zu tragen für die jungen Männer neben uns auf der Rah und an Deck. Denn Segelsetzen und Trimmen ist Knochenarbeit.

Nach fünf Wochen, in der Irischen See, fühle ich mich schon sehr sicher. Und melde mich nach mitternächtlichem Ausflug in den Großmast nur wieder bei meinem Segelunteroffizier, Obermaat Dunkelmann, auf dem Mitteldeck zurück. Selbstbewusst setze ich mich auf die Planken, um den Kameraden für den Rest der Wache mit meinem Erlebnis auf den Geist zu gehen - bis mich der Erste Offizier zu sich ruft und auf den Boden der Tatsachen bringt.

Viele von denen, die im November und Dezember 1975 bei der Reise nach Cork in Irland und Portsmouth in England dabei waren, sind heute Berufsoffiziere in der Deutschen Marine. Andere wählten, wie ich, einen zivilen Weg. Kaum einer hatte realistische Vorstellungen davon, was uns auf der "Gorch Fock" erwartete. Uns trieb vor allem Abenteuerlust. Nach sechs Wochen Seefahrt, durchfrorenen Nachtwachen, Orkan, Seekrankheit und nassen Klamotten waren wir alle froh, wieder zurück zu sein und hatten eine gute Ahnung davon, was im Beruf des Seeoffiziers wartet.

Die "Gorch Fock" hat mir zugleich Grenzen gezeigt und Strategien, mit den eigenen Ängsten fertig zu werden. Sie hat mich gelehrt, dass Gemeinschaften stärker sind als der Einzelne. Sie hat mir beigebracht, dass Egoismen schnell in die Sackgasse führen, wenn Teamarbeit Grundlage des Erfolgs ist. Ich weiß, dass ich schneller seekrank werde als andere, dafür aber friere ich nicht so schnell wie andere.

Musste das alles sein? Ließ sich das nicht auch auf andere Art und Weise erfahren? Keine Ahnung. Für mich war es wichtig. Es war freiwillig. Und ich habe es bis heute nicht vergessen.