Guttenberg ordnet Untersuchung an

"Gorch Fock": Kadettin berichtet von unhaltbaren Zuständen

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abendblatt.de

Die Untersuchungen der Vorfälle auf der "Gorch Fock" sollen am Donnerstag beginnen. Ein Experten-Team ist auf dem Weg nach Argentinien.

Berlin/Kiel. Die Belastung für Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) wird durch die Vorfälle auf dem Segelschulschiff "Gorch Fock“ immer stärker. Am Wochenende gab es Kritik und Vorwürfe zur Rekrutenausbildung auf dem Segelschulschiff der Deutschen Marine. Es ist sogar die Rede von dem "größten schwimmenden Puff Deutschlands" gewesen. Den Anschuldigungen zufolge sollen die Probleme auf dem Vorzeigeschiff der Marine größer sein, als bisher bekannt. Guttenberg lässt nun prüfen, ob und wie der Segler weiter betrieben werden kann. Es werde auch nicht ausgeschlossen, dass das traditionsreiche Segelschulschiff nach über 50 Dienstjahren vor dem Aus steht.

Verteidigungsminister zu Guttenberg sagte bei einer Bundeswehrveranstaltung in Koblenz: "Nach einer derartigen Häufung von faktisch erschütternden Berichten kann niemand zur Tagesordnung übergehen.“ Guttenberg sagte weiter, dass er angewiesen habe, dass der Kommandant der "Gorch Fock" von seinen Pflichten entbunden wird, das Schiff in ihren Heimathafen Kiel zurückkehrt und so lange aus der Fahrbereitschaft genommen wird, bis die Vorwürfe geklärt seien. In dem argentinischen Hafen Ushuaia, wo die "Gorch Fock" derzeit auf Rede vor Anker liegt, wird am Donnerstag ein Expertenteam der Bundeswehr erwartet. Diese soll dann mit der Untersuchung der Vorfälle beginnen.

Die Untersuchung soll Aufklärung über den Unfalltod einer 25-Jährigen bringen, die am 7. November beim Klettern in der Takelage aus 27 Metern Höhe auf das Deck gestürzt und zwölf Stunden später gestorben war. Die 45-Jährige Mutter sagte dem "Focus": "Keiner erklärt mir, was genau passiert ist, als meine Tochter starb.“ Die Frau vermute, dass die wahren Gründe für den Tod ihrer Tochter "vertuscht“ worden seien. Sie erstattete Anzeige wegen fahrlässiger Tötung.

Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmut Königshaus, hatte erst vor wenigen Tagen die Zustände auf dem Segelschulschiff öffentlich gemacht. Den Veröffentlichungen zufolge soll nicht nur enormer Druck auf die Kadetten ausgeübt worden sein. Es war auch von Meuterei-Vorwürfen gegen mehrere Offizieranwärter die Rede und von einem zerrütteten Verhältnis zwischen Mannschaft und Schiffsführung.

In einem Interview berichtet eine Offizieranwärterin, die während des Vorfalls im November auf dem Schiff war, von unhaltbaren Zuständen auf der Bark. Den Aussagen nach soll "da gebrüllt und gedrillt" worden sein. Die junge Frau sagte: "Das war systematisches Schleifen wie in einem schlechten Film.“ Weiter kritiisert sie, dass selbst das Hinaufklettern auf die Masten erzwungen worden sei: "Wenn Aufentern befohlen ist, dann musst du in die Takelage. Alles andere ist Gehorsamsverweigerung.“

Die Rekrutin sagte weiter, dass auch Dienstablauf und Zustände an Bord "vorsintflutlich“ seien. So seien die Kadetten in der in der "Hackordnung“ an Bord das letzte Glied. Besonders schwer hätten es Frauen auf dem Schiff. "Nicht umsonst ist die 'Gorch Fock' in Offizieranwärterkreisen auch als 'größter schwimmender Puff Deutschlands' verschrien. Da gibt es immer wieder Geschichten, die wohl auch in Beschwerden und Eingaben anhängig sind.“

Am Sonnabend hatte Guttenberg überraschend die Notbremse gezogen und den Kommandanten, Kapitän zur See Norbert Schatz, von den Führungsaufgaben entbunden. Gleichzeitig beauftragte Guttenberg den Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Axel Schimpf, mit der genauen Aufklärung. Dieser benannte ein Team von Experten aus der Marine und dem Verteidigungsministerium, das die Geschehnisse vor Ort untersuchen soll. Die Fachleute werden am 27. Januar auf der "Gorch Fock“ erwartet.

Ulrich Kirsch, der Chef des Bundeswehrverbandes, hält die Absetzung des Kommandanten für richtig. Kirsch sagte dem Sender MDR Info, dass wenn jemand so in der Kritik stehe, dann sei das Vertrauensverhältnis derart belastet, dass es günstiger sei, "ihn aus der Verantwortung zu nehmen."

Dagegen warf der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rainer Arnold, dem Minister dagegen vor, die Beteiligten hätten sich nicht ausreichend zu den Vorfällen äußern können. Arnold sagte auf NDR Info: "Natürlich gehört es sich so, bevor man einen Soldaten seines Amtes entbindet, dass man ihn auch anhört.“

Mitte November hatten Kriminalbeamte aus Kiel nach dem Unfalltod der Kadettin Offizieranwärter vernommen, die von einem "rüden Umgangston“ an Bord des Schulschiffes der Bundeswehr berichteten. Die Kieler Staatsanwaltschaft will das Ermittlungsverfahren nach Recherchen des „Focus“ jedoch in Kürze einstellen. Der Kieler Oberstaatsanwalt Bernd Winterfeldt sagte dem Magazin: "Einzelne Lehrgangsmitglieder mögen so etwas wie Druck empfunden haben.“ Das jedoch sei "strafrechtlich nicht relevant“.

(Von André Spangenberg)