Nach "Gorch Fock"-Affäre

Guttenberg lässt die gesamte Bundeswehr untersuchen

Lesedauer: 11 Minuten
abendblatt.de

Foto: dpa

Karl-Theodor zu Guttenberg hat nach der Affäre auf der "Gorch Fock" weitgreifende Untersuchungen angeordnet. Sie sollen zeitnah erfolgen.

Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) macht ernst. Nach der angeblichen Meuterei auf der "Gorch Fock“ und dem versehentlichen Todesschuss auf einen Soldaten in Afghanistan hat der Verteidigungsminister umfassende Untersuchungen in der gesamten Bundeswehr angeordnet. "Ich habe den Generalinspekteur beauftragt, eine Überprüfung in allen Teilstreitkräften vorzunehmen, inwieweit es in den letzten Jahren und auch jetzt noch Anhaltspunkte für Rituale gibt, die den Grundsätzen der Bundeswehr widersprechen“, sagte der Minister der "Bild am Sonntag“. Diese Untersuchungen sollen "zeitnah aufzuzeigen, welche Konsequenzen sich daraus ergeben müssen“, so Guttenberg weiter.

Nach Berichten über eine angebliche Meuterei auf der "Gorch Fock“ infolge des Unfalltodes einer jungen Offiziersanwärterin hatte der Minister bereits zuvor den Kapitän des Segelschulschiffs, Norbert Schatz, des Kommandos enthoben. Der legendäre Dreimaster, der derzeit im Hafen von Ushuaia auf Feuerland liegt, soll nun so schnell wie möglich in seinen Heimathafen Kiel zurückkehren. Über seine Zukunft als Ausbildungsschiff soll noch beraten werden.

Bei den nun angeordneten Untersuchungen müsse auch geklärt werden, "ob es in Einzelfällen einen Zusammenhang zwischen Einsatzbelastung und Verstößen gegen Grundsätze der inneren Führung und Vorschriften gab, wie zum Beispiel den leichtfertigen Umgang mit Waffen“, sagte Guttenberg mit Blick auf den Fall in Afghanistan, wo ein Soldat einen Kameraden versehentlich erschossen hatte.

Der Minister widersprach Vorwürfen, sein Haus habe den Bundestag über die näheren Umstände des Todes des Soldaten am 17. Dezember bewusst unzureichend oder gar falsch informiert. "Wenn einige Abgeordnete aus der Tatsache, dass es in diesem Zusammenhang eine unvollständige Meldung gab, den Versuch einer Vertuschung konstruieren wollen, ist dies schlicht unanständig“, sagte der CSU-Politiker. Die Forderung von SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, persönliche Fehler einzugestehen, wies Guttenberg zurück. Dafür "besteht jetzt kein Anlass“.

Nach "BamS“-Informationen reiste wenige Tage nach dem tragischen Unglücksfall eine Delegation von 15 Bundestagsabgeordneten aus Union, SPD, Grünen und FDP ins afghanische Masar-i-Scharif. Die Abgeordneten hätten mehrfach mit Soldaten sprechen können, die Detailkenntnisse von dem Todesschuss gehabt hätten. Dabei sei ihnen geschildert worden, dass der Soldat sich nicht selbst tödlich verletzt habe, sondern von einer Kugel aus der Waffe eines Kameraden versehentlich getötet worden sei. Auch die Vermutung, dass der Schuss sich bei einem spielerischen, regelwidrigen Umgang mit der Waffe löste, sei den Abgeordneten nicht verschwiegen worden.

Die Familie des getöteten Soldaten hat dem Bericht zufolge darum gebeten, von einer Strafverfolgung des Todesschützen abzusehen. Schütze und Opfer seien seit langem eng befreundet gewesen, ihre Familien seien es heute noch.

Auf der "Gorch Fock“ sollen Mitglieder der Stammbesetzung Kadetten drangsaliert haben, auch zu sexuellen Übergriffen soll es gekommen sein. Im November war eine 25-jährige Offiziersanwärterin aus der Takelage 27 Meter tief in den Tod gestürzt. Anschließend soll vier Auszubildenden, die nicht mehr in die Masten klettern wollten, Meuterei vorgeworfen worden sein, wie aus einem Bericht des Wehrbeauftragten hervorgeht.

Die Mutter der verunglückten Soldatin erhebt schwere Vorwürfe gegen die Bundeswehrführung. "Keiner erklärt mir, was genau passiert ist, als meine Tochter starb“, sagte sie dem "Focus“. Sie vermute, dass die wahren Gründe für den Tod ihrer Tochter "vertuscht“ worden seien. Dem Bericht zufolge hat die Frau Strafanzeige gegen die Bundesrepublik Deutschland erstattet.

Linkspartei-Chef Klaus Ernst brachte einen Untersuchungsausschuss zur Aufklärung der Vorfälle ins Gespräch. In Bezug auf die Absetzung von "Gorch Fock“-Kapitän Schatz sagte er, vom Verteidigungsminister sei kein "personelles Bauernopfer“ gefordert worden, sondern rückhaltlose Aufklärung. "Wenn jetzt nicht sofort alle Fakten auf den Tisch kommen, dann muss im Bundestag ernsthaft darüber nachgedacht werden, ob die Vorfälle in der Bundeswehr nicht eingehender untersucht werden müssen“, sagte Ernst. Auf Nachfrage erklärte ein Parteisprecher, ein Untersuchungsausschuss sei "eine Option“. (dpa)

Lesen Sie auch den großen Abendblatt-Bericht: "Gorch Fock": Anfänger an Bord

Am 7. November 2010 stürzte die 25-jährige Offiziersanwärterin Sarah Lena Seele beim Segelsetzen aus 27 Meter Höhe auf das Schiffsdeck und starb. Vier Tage später wurden mehr als 500 Rekruten im Stralsunder "Stadion der Freundschaft" vereidigt. Einige von ihnen würden bald eine wichtige Aufgabe bekommen. Auf der "Gorch Fock".

Obwohl die Bundeswehr nach dem Tod von Sarah Lena Seele erstmalig in der Geschichte der "Gorch Fock" die Offiziersausbildung ausgesetzt hat, befinden sich noch immer Segel-Anfänger an Bord. Nach Recherchen des Abendblatts wurden die 70 Kadetten, die beim Unfall und der Meuterei an Bord waren, durch 60 Soldaten ersetzt, von denen viele erst im Oktober ihren Grundwehrdienst in Parow, Mecklenburg-Vorpommern, angetreten haben. Die Marine bestätigt auf Abendblatt-Anfrage den Vorgang: "Diese Informationen stimmen", sagt ein Marinesprecher und fügt hinzu, dass er keine Angaben darüber machen könne, wie viele Grundwehrdienstleistende und Zeitsoldaten unter den Nachrückern sind.

"Mein Sohn wurde gefragt, ob er seinen Dienst von neun auf zwölf Monate verlängern möchte, dann könne er sofort auf die 'Gorch Fock'", schildert eine Mutter, die anonym bleiben möchte. Ihr Sohn möchte nämlich unbedingt auf der "Gorch Fock" weiterfahren. Er und weitere Soldaten seines Ausbildungszuges hätten sich freiwillig gemeldet. Zu verlockend war die Aussicht auf das Seefahrerleben. Und verlockend war auch das Geld: Wer auf der "Gorch Fock" mitsegelt, bekommt eine Segelzulage. Für bestimmte Seegebiete gibt es Sonderzulagen.

Die "Gorch Fock" segelt mit einer Stammbesatzung von 80 Soldaten, die auf dem Schiff ausgebildet wurden. Zusätzlich können bis zu 138 "Lehrgangsteilnehmer" oder Crewmitglieder an Bord sein. Für die Offiziersanwärter rückten nach Marine-Angaben zwischen 60 und 80 Crewmitglieder nach. Bislang erweckte die Marine nach außen auch den Eindruck, dass nach dem Tod der Kadettin nur Profis auf dem Schiff segeln. So ist es aber nicht: Crewmitglied werden können neben ausgebildeten Zeitsoldaten auch freiwillige Wehrdienstleistende ohne See-Erfahrung.

"Er war am ersten Dezemberwochenende noch einmal zu Hause, dann sind sie in der Marineschule Mürwik eingekleidet worden", sagte eine Mutter. Mit dem Bus seien sie in die Niederlande und von dort mit dem Flugzeug nach Argentinien gereist. Weihnachten waren sie auf dem Schiff.

"Überall steht, dass die 'Gorch Fock' jetzt nur noch mit erfahrener Stammmannschaft unterwegs ist - aber das stimmt nicht", sagt die Frau. Seit sie von dem Unfall und der Meuterei gehört habe, mache sie sich große Sorgen. Eine andere Mutter sagt dem Abendblatt: "Auch mein Sohn ist am 10. Dezember mit der 'Gorch Fock' von Argentinien aus auf Reise gegangen. Ich sehe den Unterschied der Segelvorausbildung zwischen Grundwehrdienstleistenden und Offiziersanwärtern nicht. Ich finde die Aussage, dass einzig die Stammbesatzung die geplante Reise ums Kap Hoorn fortsetzen wird, schlichtweg nicht zutreffend." Ihr Sohn sei Anfang Oktober 2010 eingezogen worden und habe sich als "freiwillig zusätzlicher Wehrdienstleistender" (FWDL) für 22 Monate verpflichtet.

"Die Grundausbildung war auf zwei Monate verkürzt", sagt sie und klagt, ihr Sohn habe keine seemännische Erfahrung. "Er hat mir erzählt, die Vorgesetzten hätten gesagt: ,Ihr übt dann noch genug in Buenos Aires.'" Ein Admiral habe mit den jungen Männern gesprochen und gemeint, dass sie sich beim Aufentern Zeit lassen könnten.

Der Marinesprecher betont: "Alle, die an Bord einer Einheit der Marine gehen, haben vorher eine entsprechend qualifizierte Ausbildung durchlaufen. Diese Ausbildung wird an Bord fortgesetzt." Die Länge und der Umfang der Vorkenntnisse variierten jedoch. Er bestätigt, dass auch die Neuen an Bord in die Takelage klettern. "Irgendwann fängt man immer neu an."

Junge Offiziersanwärter hätten keine größere Erfahrung auf See als die Matrosen, die sie jetzt ersetzen, räumt der Marinesprecher ein. Warum werden dann die Offiziersanwärter nach Hause geschickt - und andere Anfänger an Bord geholt? Ob es einen Engpass gegeben hat und die Rekruten die einzig verfügbare Reserve waren, möchte der Sprecher nicht kommentieren.

"Ich verstehe das nicht. Neuling bleibt Neuling", sagt eine der Mütter. "Die Offiziersanwärter dürfen erst im September 2011 wieder an Bord, nachdem die Sicherheitsvorschriften überprüft worden sind. Das ist vernünftig. Aber mein Sohn ist doch wohl nicht weniger wert." Der Marinesprecher widerspricht: "Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft gibt es nicht."

Kontakt zur ihren Söhnen haben die Mütter nur noch unregelmäßig per E-Mail. Zuletzt schrieb einer von ihnen, alles sei wie immer und sie würden in den Hafen von Ushuaia in Argentinien zurückkehren. Dort wartet die Crew auf ein Untersuchungsteam, das die Vorkommnisse an Bord nach dem Tod der Offiziersanwärterin Sarah Lena Seele klären soll. Als das Abendblatt am Freitag bei einem Soldaten auf dem Schiff anruft und auf die Stimmung an Bord anspricht, sagt der Mann: "Tut mir leid. Dazu sag ich nichts. Danke. Ende." Dann legt er auf. Der Marinesprecher will keinen Kommentar abgeben zu der Frage, ob es eine Nachrichtensperre für die Besatzung gebe.

Besorgt verfolgen die Angehörigen auch das Internet-Tagebuch der Bordkameradschaft der "Gorch Fock". Das Schiff hatte in der vergangenen Woche Kurs auf Kap Hoorn genommen - eine der gefährlichsten Seerouten der Welt. Von "Sturm" und "Seegang mit sechs bis acht Meter Wellenhöhe" ist im Netz die Rede. Dass die Rekruten wichtiger Teil der Besatzung sind, bestätigt der an Bord lebende Presse-Soldat im Internet so: "Die vor Weihnachten in Buenos Aires zur Besatzung gestoßenen 60 Mann Segelcrew sind mittlerweile gut in die jeweiligen Wachen integriert."

Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hellmut Königshaus (FDP), reagierte überrascht auf den Vorgang. Dem Abendblatt sagte er: "Ich gehe der Sache nach, inwieweit die Ausbildung und Vorbereitung dieser jungen Soldaten für das Aufentern an der ,Gorch Fock' ausreichen, und werde an diesem Sonnabend den Verteidigungsminister darauf ansprechen."

Uwe Sonntag vom Bundeswehrverband sieht den Vorgang gelassen. "Die Ausbildung der Offiziersanwärter wurde unterbrochen, weil die psychologische Belastung zu groß war. Die neue Crew ist eine andere Klientel, die Männer verspüren keinen Druck, weil sie nicht im Bund Karriere machen wollen, weil sie nicht zum zukünftigen Führungspersonal gehören."

Im Internet-Tagebuch der "Gorch Fock" steht, dass es der Ersatz-Besatzung gut geht: "Seebeine sind den Kameraden ebenfalls bereits gewachsen, nicht ein einziges Mitglied der Besatzung zeigte Ansätze von Seekrankheit."