Der 9. November

"Ach übrigens, die Mauer ist offen"

Lesedauer: 15 Minuten

Matthias Gretzschel rekonstruiert den 9. November 1989 - der Tag, an dem die Deutschen wieder gemeinsam feiern durften.

Am frühen Morgen des 9. November 1989 verlässt Gerhard Lauter seine Plattenbauwohnung in Berlin-Lichtenberg, ohne zu ahnen, dass er an diesem Tag Weltgeschichte schreiben wird. Er setzt sich in seinen Wartburg und fährt an dem trüben Donnerstag durch das zu dieser Zeit noch verschlafene und besonders graue Ost-Berlin ins DDR-Innenministerium, das kurioserweise in der Mauerstraße residiert, nur einige Hundert Meter vom Gebäude des SED-Zentralkomitees entfernt. Der Name bezieht sich freilich nicht auf die Berliner Mauer, die im offiziellen DDR-Sprachgebrauch "Antifaschistischer Schutzwall" genannt wird, sondern auf eine nie realisierte Stadtbefestigung aus dem 17. Jahrhundert. Gerhard Lauter ist Oberstleutnant der Volkspolizei und leitet seit dem 1. Juni die Abteilung Pass- und Meldewesen.

Als er sein Büro betritt, warten dort bereits drei hochrangige Mitarbeiter des Innenministeriums, von denen zwei außerdem Stasi-Offiziere sind. Tags zuvor hat Lauter kurz vor Dienstschluss vom Zentralkomitee den Auftrag erhalten, eine neue Reiseregelung zu erarbeiten. Wer raus will, soll in Teufels Namen auch ausreisen dürfen, meint die SED-Führung unter ihrem neuen Generalsekretär Egon Krenz, denkt dabei aber vor allem an Menschen, die die DDR für immer verlassen wollen.

Lauter weiß es inzwischen besser. Er ist davon überzeugt, dass nur noch eine radikale Lösung hilft, nicht nur für ständige Ausreisen, sondern auch für Besuchsreisen in den Westen. Am späten Vormittag diktiert er seiner Sekretärin einen Beschlussvorschlag in die Maschine, in dem es heißt:

"Ab sofort treten folgende Regelungen für Reisen und ständige Ausreisen aus der DDR in das Ausland in Kraft:

Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt, Versagungsgründe werden nur in besonderen Ausnahmefällen angewandt."

Die ahnungslosen SED-Bosse nicken die neue Reiseregelung ab

In Klartext heißt das: Jeder kann jederzeit die DDR verlassen, die Mauer wird überflüssig. Allerdings muss das nach Lauters Plänen geregelt und geordnet ablaufen, die Volkspolizei-Meldestellen und GüSts (Grenzübergangsstellen) sollen rechtzeitig informiert werden und Zeit erhalten, sich auf den Ansturm vorzubereiten. Deshalb hat er auf seinem Schreiben den 10. November, 4 Uhr, als Sperrfrist vermerkt. Ganz wohl ist ihm dabei nicht, denn seine Vorlage geht weit über den Auftrag hinaus.

Um die Mittagszeit bringt ein Kurier in einem unauffälligen Wartburg den versiegelten Briefumschlag ins Parteigebäude am Werderschen Markt, wo das Zentralkomitee seit Stunden über "Kaderfragen" und den drohenden wirtschaftlichen Kollaps diskutiert.

Gegen 1 Uhr reicht ein Stasi-Offizier dem Generalsekretär den Umschlag mit Gerhard Lauters Vorlage zur neuen Reiseregelung.

Krenz unterbricht die Sitzung für eine Raucherpause und geht in den Raum nebenan, der den Mitgliedern des Politbüros vorbehalten ist, dem innersten Machtzirkel. Etwa ein Dutzend Genossen vertreten sich hier die Beine oder lümmeln in den altmodischen Klubsesseln, Günter Schabowski ist nicht dabei. Niemand weiß, wo der mächtige Berliner Parteichef gerade steckt, er wird später angeben, er habe die ganze Zeit mit Journalisten gesprochen. Tatsächlich ist Schabowski neuerdings Medienbeauftragter der Partei, eine Art Pressesprecher.

Krenz nimmt das Papier in die Hand und liest es den Spitzengenossen vor. Das ist genau der Moment, vor dem sich Gerhard Lauter gefürchtet hat, denn eigentlich müsste nun auffallen, dass er die Vorgaben des Politbüros missachtet und statt einer Ausreise- eine allgemeine Reiseregelung erarbeitet hat. Aber keine der Parteigrößen protestiert, die Herren ändern nur nebensächliche Formulierungen. Dass der Ministerrat, also die 44-köpfige Regierung, noch heute zustimmen muss, ist ohnehin nur Formsache.

Gegen 15.30 Uhr wird die Sitzung des Zentralkomitees nach einer längeren Pause fortgesetzt, auch hier winkt man die Reiseregelung ohne große Umstände durch.

Zur selben Zeit ist Gerhard Lauter im Innenministerium schon damit beschäftigt, die Volkspolizei-Meldeämter per Fernschreiben auf den Ansturm vorzubereiten, den er für den nächsten Tag erwartet. Dass es am 10. November kein Mensch mehr für nötig hält, bei der Volkspolizei ein Visum zu beantragen, um in den Westen zu reisen, kann sich Lauter zu diesem Zeitpunkt beim besten Willen nicht vorstellen.

Erst gegen 17 Uhr taucht auch Günter Schabowski wieder auf der ZK-Tagung auf, hat allerdings nicht viel Zeit, denn für 18 Uhr ist eine Pressekonferenz angesetzt, in der der Medienbeauftragte über die ZK-Tagung berichten soll. Krenz informiert Schabowski kurz über die geplante Reiseregelung und reicht ihm das Papier mit dem Auftrag, es in der Pressekonferenz vorzustellen. "Das ist die Weltnachricht", sagt der SED-Chef zu Schabowski. Die Sperrfrist hat Krenz zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon vergessen, sonst hätte er Schabowski den Auftrag zur Veröffentlichung auch gar nicht erteilen können. Etwa 17.30 Uhr verlässt Schabowski das ZK-Gebäude und lässt sich in seinem dunkelblauen Dienst-Volvo ins Internationale Pressezentrum an der Mohrenstraße fahren.

17.55 Uhr. Schabowski betritt mit einer Dokumentenmappe unter dem Arm das Pressezentrum, dessen holzgetäfelter Saal völlig überfüllt ist. Mit federnden Schritten erklimmt er das Podium und beginnt zu reden. Schabowski redet und redet, und die Korrespondenten, die teilweise hier schon Stunden gewartet haben, werden immer schläfriger. Das DDR-Fernsehen überträgt live, doch nichts deutet darauf hin, dass der Medienbeauftragte der Partei heute noch irgendetwas Sensationelles verkünden wird. Ein paar DDR-Journalisten fragen brav nach Details der ZK-Tagung. Peter Brinkmann, Reporter der "Bild"-Zeitung, hat es satt. Genervt will er jetzt wissen, wann die Zensur in der DDR endlich abgeschafft wird, und bekommt erwartungsgemäß eine nichtssagende Antwort.

Als einer der Letzten hat der Italiener Riccardo Ehrmann den Raum betreten und keinen der 120 Sitzplätze mehr ergattern können. Der Korrespondent der italienischen Nachrichtenagentur ANSA hat beste Kontakte zur SED-Führung, Schabowski kennt er seit Jahren persönlich. Ehrmann setzt sich auf die linke Kante des Podiums und schaut schräg nach oben, um Schabowski erkennen zu können.

Ein Italiener verhilft Schabowski zu einer Weltsensation

Weiß er mehr als alle anderen im Raum? Einiges spricht dafür, dass sich kurz zuvor Folgendes abgespielt hat: Gegen 17 Uhr klingelte im Ostberliner ANSA-Büro das Telefon. Ein hochrangiger SED-Funktionär wollte Ehrmann sprechen. Wahrscheinlich war es Günter Pötschke, der 2006 verstorbene Chef der amtlichen DDR-Agentur ADN, der auch ZK-Mitglied ist. Ehrmann wird im Frühjahr 2009 das Gespräch bestätigen, den Namen aber nicht nennen. Er sagt aber immerhin, dass ihn ein hochrangiger SED-Funktionär damals gebeten habe, auf der Pressekonferenz nach dem Reisegesetz zu fragen.

Und genau das tut Ehrmann 18.53 Uhr in bestem Trapattoni-Deutsch, nachdem Schabowski ihm freundlich zunickt und sagt: "Jetzt hat der italienische Kollege das Wort." Ehrmann richtet sich auf, tritt an das Saalmikrofon und sagt: "Herr Schabowski, Sie haben von Fehlern gesprochen. Glauben Sie, dass es war ein großer Fehler, diesen Reisegesetzentwurf, das sie haben jetzt vorgestellt vor wenigen Tagen?"

Hat irgendein ZK-Mitglied den innenpolitischen Prozess anheizen wollen? Oder hat Schabowski selbst diese Frage bestellt? Das wird er später weit von sich weisen, aber sie passt hervorragend in sein Konzept, denn das ist genau das Stichwort, das er am Ende der Pressekonferenz braucht. Trotzdem gibt er sich verblüfft, tut so, als würde ihn diese Frage auf dem falschen Fuß erwischen. Hat er das Papier, die von Krenz als "Weltnachricht" bezeichnete Reiseregelung, tatsächlich vergessen? Er behauptet das: "In diesem Moment durchfährt es mich wie ein Blitz. Mein Gott, ich wollte und sollte ja noch über diesen Punkt informieren."

Schabowski holt tief Luft und nähert sich sieben Minuten lang in parteichinesischen Schachtelsätzen nach und nach dem Kern der Sache. Dabei wirkt er unkonzentriert, was daran liegt, dass er während seiner Ausführungen die ganze Zeit die vor ihm liegenden Papiere durchwühlt, den Zettel mit der Reiseregelung aber partout nicht finden kann. Schließlich, als die verzweifelte Suche offenkundig wird, eilt ihm ein Mitarbeiter zu Hilfe und findet das Schriftstück. Schabowski atmet noch einmal durch, kratzt sich am Kopf, setzt die Lesebrille auf und liest das am Vormittag von Gerhard Lauter formulierte Papier vor.

"Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen - Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse - beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt." Jetzt wird es unruhig im Saal. Der "Bild"-Reporter Peter Brinkmann ist einer der Ersten, der die Tragweite dieser Nachricht begreift. "Ab wann", ruft er aufgeregt dazwischen, "sofort? Ab wann tritt das in Kraft?" Schabowski sucht wieder in seinen Papieren, bevor er die Worte ausspricht, die alles verändern werden: "Das tritt nach meiner Kenntnis - ist das sofort, unverzüglich."

Die Journalisten sind verwirrt, begreifen noch nicht, was das eigentlich bedeutet. Doch Brinkmann spürt die Sensation, will aber noch ein ganz entscheidendes Detail festzurren. "Sie haben nur BRD gesagt, gilt das auch für West-Berlin?" In diesem Moment scheint es Schabowski zu dämmern, dass hier etwas aus dem Ruder laufen könnte. Ist das überhaupt mit den Sowjets abgesprochen, schließlich haben die doch in Berlin das Sagen? Eigentlich müsste er darüber informiert sein, aber er weiß es nicht. So versucht er die Frage zu überhören, doch Brinkmann lässt nicht locker. Schließlich überfliegt er noch einmal seinen Zettel und sagt dann: "Doch, doch: Die ständige Ausreise kann über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD beziehungsweise zu West-Berlin erfolgen." Jetzt hat Brinkmann seine Weltsensation, die sofort ins Blatt muss.

19.30 Uhr verliest Angelika Unterlauf, die verhasste Nachrichtensprecherin der "Aktuellen Kamera", im DDR-Fernsehen den Text der neuen Reiseregelungen mit derselben Leichenbittermiene wie jede andere Verlautbarung des Zentralkomitees. Dessen Sitzung ist inzwischen vorbei, die Spitzengenossen fahren zurück nach Wandlitz, auch Schabowskis Dienst-Volvo passiert nach 20 Uhr die Schranke zur hermetisch abgeriegelten Wohnsiedlung des Politbüros, die zu dieser Zeit schon verschlafen, fast leblos wirkt. Die Greise gehen früh zu Bett.

Gerhard Lauter hat Schabowskis Pressekonferenz im Fernsehen nicht verfolgt und ahnt nicht, dass die Zeitbombe am Fundament der Mauer schon tickt. Bis zuletzt hat er sich um die Bereitstellung von Stempeln, Formularen und Stempelkissen und die Instruierung der Volkspolizei-Meldeämter für die Aufgaben des nächsten Tages gekümmert. Jetzt, kurz vor 20 Uhr, verlässt er eilig sein Büro und fährt zum Palast der Republik, wo er mit seiner Frau verabredet ist. Sie haben Karten für das TiP, das Theater im Palast, wo an diesem Abend der Schauspieler Eberhard Esche mit Goethes "Reineke Fuchs" auftritt, ein Epos in zwölf Gesängen.

Noch bevor sich im Palast der Republik der Vorhang öffnet, melden sich die ersten noch schüchternen DDR-Bürger an der Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße und fragen höflich nach, ob die Grenze nun offen sei. Die Grenzer wissen von nichts und weisen die Leute ab. Die gehen aber nicht einfach wieder nach Hause, sondern warten. Und es werden immer mehr. Erst zehn, dann 20, bald sind es 100, bald Hunderte. Sie drängen, fordern, berufen sich auf Schabowskis Formulierung "sofort" und "unverzüglich". Die Kommandanten der Kontrollpunkte sind ratlos und werden nervös. Sie rufen ihre Vorgesetzten an, doch die halten sich bedeckt, wollen keine Entscheidungen treffen und sind teilweise nicht mal mehr erreichbar. Schließlich entscheidet Oberstleutnant Harald Jäger, der Chef der Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße, die renitentesten DDR-Bürger passieren zu lassen. Allerdings erhalten sie einen Stempel auf das Passbild ihres Personalausweises, der ihre Wiedereinreise verhindern soll - ein letzter perfider Betrugsversuch.

"Tagesthemen"-Moderator lässt alle Dämme brechen

Der Dammbruch wird schließlich durch das Fernsehen ausgelöst, durch die ARD. 22.41 Uhr sitzt Star-Moderator Hans-Joachim Friedrichs im Studio des NDR in Hamburg-Lokstedt und überdenkt noch einmal seine Eingangsformulierung für die aufgrund eines DFB-Pokalspiels (Kaiserslautern - Köln, 2:1) verspäteten "Tagesthemen". Dann geht dieser Mann, dessen Glaubwürdigkeit für 90 Prozent aller DDR-Bürger über jeden Zweifel erhaben ist, mit einer Nachricht auf Sendung, die zu diesem Zeitpunkt noch falsch war: "Guten Abend, meine Damen und Herren. Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten, sie nutzen sich leicht ab, aber heute Abend darf man einen riskieren: Dieser 9. November ist ein historischer Tag. Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind, die Tore der Mauer stehen weit offen."

Wenn es jemals eine selbst erfüllende Prophezeiung gegeben hat, dann hat sie Hans-Joachim Friedrichs eben ausgesprochen. Von nun an gibt es kein Halten mehr, auf Schabowskis verquaste Funktionärsankündigung haben die Menschen noch vorsichtig reagiert, aber Friedrichs spricht Klartext: "Die Tore der Mauer stehen weit offen." Jetzt sind es nicht mehr Hunderte, sondern Tausende, bald Zehntausende, die zu den Grenzübergangsstellen strömen. Gegen 23.30 Uhr ist der Druck so groß, dass die völlig überforderten Grenzer kapitulieren, zuerst an der Bornholmer Straße, bald auch an der Invalidenstraße, nach und nach an allen anderen Grenzübergängen und nach Mitternacht sogar am Brandenburger Tor. Zehntausende DDR-Bürger erklimmen dort die Mauerkrone und feiern mit Westberlinern auf dem Todesstreifen die Party ihres Lebens.

Am späten Abend trifft Gerhard Lauter mit seiner Frau, ganz erfüllt von dem Theaterbesuch, wieder in seiner Lichtenberger Plattenbauwohnung ein. Sein Sohn begrüßt ihn mit den Worten: "Hier war der Teufel los, dein Minister hat ständig angerufen", und dann sagt er eher beiläufig: "Ach übrigens, die Mauer ist offen."

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