Atomenergie

Kernkraftwerk Krümmel: Das Aus am Strom

Das Kernkraftwerk Krümmel an der Elbe bleibt endgültig abgeschaltet. Und es gibt nicht nur glückliche Menschen in Geesthacht. Ein Ortstermin.

Die Pappe für ihre großen Buchstaben hat sie sich von der Resterampe des Dänischen Bettenlagers geholt. "Praktisch, solche Buchstaben", sagt Bettina Boll und nickt zufrieden. "Man kann so viele verschiedene Worte daraus bilden." Zum Beispiel "STOPP AKW". Oder "EINFACH LEBEN". Bettina Boll steht in ihrem Garten. Hierhin ist sie in den vergangenen Jahren immer gegangen, wenn sie einen Ausgleich brauchte. Sie pflanzte, sie stellte Skulpturen im Garten auf. Hier, in ihrem 950 Quadratmeter großen Garten in Geesthacht, machte sie die Generalprobe für ihren Protest gegen das Atomkraftwerk Krümmel. Ihre Buchstaben nahm sie mit zu den Demonstrationen. Bettina Boll betrachtet die drei Wörter, die sie am Vormittag aus ihren Buchstaben geformt hat: "AUS BLEIBT AUS". Es scheint fast so, als ob sie sich dadurch noch einmal selbst vor Augen führen will, dass der Kampf gewonnen ist.

Es ist der Montag nach der besiegelten Energiewende. Krümmel geht nicht mehr ans Netz. Seit fast vier Jahren steht das Atomkraftwerk im Dreiländereck von Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen schon still. Weil es als eines der störanfälligsten Kernkraftwerke der Republik gilt. In der Nacht zum Montag hat die Bundesregierung das endgültige Aus besiegelt. Heute könnten Bettina Boll und ihr Mann Gerhard ihren Triumph feiern. Denn das, wofür sie seit 29 Jahren kämpfen, ist wahr geworden. Doch noch können sie ihren Erfolg nicht begreifen.

"Für mich ist das kein Tag des Triumphes", sagt Gerhard Boll. Er ist 65 Jahre alt und Lehrer an der Gemeinschaftsschule. In wenigen Wochen wird er pensioniert, er ist der Bedächtigere von den beiden. Seine Bettina, 57 Jahre alt, ist die Impulsive, die Kreative. Sie ist studierte Modedesignerin von Beruf und hat Schneiderin gelernt. Doch sie hat in ihren Berufen seit Jahren nicht mehr gearbeitet. Ihr Beruf war der Protest gegen Krümmel. "Ich kann jetzt Luft holen. Die Arbeit hatte einen Sinn. Es war nicht sicher, ob wir das noch erleben", sagt sie.

Sie waren immer gegen die Atomkraft, engagierten sich im BUND. Vor 29 Jahren, die Bolls waren gerade Eltern geworden, gingen sie zum ersten Mal gegen das Atomkraftwerk Krümmel auf die Straße. Ein Jahr später wurde das AKW in Betrieb genommen.

In Geesthacht waren damals nicht viele gegen das AKW. "Atomkraft kann man nicht riechen, nicht hören. Wir konnten unseren Protest gegen diese Technologie nicht sinnlich machen", sagt Bettina Boll. Die meisten, die zum Protestieren hierherkamen, reisten in Bussen aus dem Wendland an. Da kannte man sich aus mit Demos.

Wenn sie ihre Infostände aufbaute und Unterschriften gegen das AKW sammelte, wurde sie angepöbelt, sagt sie. "Ihr wollt zurück in die Steinzeit!", riefen die Menschen. Viele von ihnen arbeiteten in der Anlage oder profitierten davon. Wenn in der Schule Elternabend war, wurde Bettina Boll unfreundlich behandelt. Nachbarn wollten mit den Bolls nichts zu tun haben. Mitstreiter verloren die Kraft und den Mut. "Und wir sind da immer tiefer reingerutscht", sagt Gerhard Boll.

Bettina Boll holt Aktenordner herbei, sie zeigt Fotos von Protesten. Eine Kloschüssel haben sie damals aufgebaut. Geesthacht, das Atomklo. Die Bolls klagten gegen das Zwischenlager in Krümmel - ohne Erfolg. Die Klage kostete damals 25 000 Euro, das Geld sammelten die beiden, indem sie Pflanzen verkauften oder mit der Spendenbüchse herumgingen.

Die Bolls fuhren so gut wie nie weg. Sie organisierten Mahnwachen, als Studien über eine Häufung von Leukämiefällen in der Region öffentlich wurden. Mitte 2007 sorgten ein brennender Transformator, ein defektes Brennelement und ein Kurzschluss für Aufregung in Geesthacht. "Da sind die Leute in die Hufe gekommen", sagt Bettina Boll. Mehr Menschen kamen. Es bildete sich eine Elterninitiative gegen das AKW. Tschernobyl war nicht stark genug, sagt Gerhard Boll. Aber Fukushima war es. "Dass ein Hightech-Land die Lage bis jetzt nicht im Griff hat, hat viele schockiert", sagt er. Auch in der CDU, in der Bundesregierung. "Frau Merkel ist Physikerin. Warum sollte ich es ihr nicht abnehmen, dass sie sich ein neues Bild gemacht hat?" Gerhard Boll sagt, dass er jedem zugesteht, seine Meinung zu ändern. Er klingt versöhnlich an diesem Tag.

Die Bolls wohnen fünf Kilometer entfernt vom AKW Krümmel. Jörg Kunert wohnt nur eineinhalb Kilometer entfernt. "Ich hatte auch noch nie Angst", sagt Jörg Kunert. Er hat diesen bitteren Ton in der Stimme. In der vergangenen Woche ist Jörg Kunert, 51, als Vorsitzender des CDU-Ortsverbands Geesthacht abgewählt worden. Eine Kampfkandidatur, ein Putsch. Mit 24 zu zwölf Stimmen. Nach nur vier Jahren. Jörg Kunert verlor seinen Posten, weil er für die Atomkraft und für das Atomkraftwerk Krümmel ist. Vor einem Jahr hätte er sich mit dieser Haltung kaum von vielen seiner Parteifreunde unterschieden - jetzt stürzten sie ihn.

Jörg Kunert sitzt auf seinem Gartenstuhl und erinnert sich an die vielen Vorteile, die sein Geesthacht durch das AKW hatte. "Unser wunderschönes Freibad hätte es ohne AKW nicht gegeben." Die Volkshochschule wurde gesponsert. Ein Fußballturnier, das Elbfest. Dazu Aufträge im Umfang von vielen Millionen Euro, die in der Region vergeben wurden. Und 700 Arbeitsplätze. "Alles ist weg. Das ist außerordentlich traurig", sagt er. Einen dieser Arbeitsplätze wird Kunerts Frau jetzt verlieren. Kunert selbst hat einmal im AKW gearbeitet, in der Strahlensicherheit. Das prägt.

Kunert kennt viele Menschen, die im AKW arbeiten. Die Stimmung sei an diesem Montag sehr schlecht gewesen, sagt er. Die Menschen hätten Angst vor der Zukunft. "Ich weiß um ihre Qualität und ihre Motivation." Der Betreiber Vattenfall habe viel in die Sicherheit investiert - alles umsonst. "Das ist wie mit einem Auto, das zwei Jahre alt ist und auf den Schrottplatz muss", sagt er.

Kunert sagt, er sei ein Mann der Fakten. Wenn ihm jemand erklären würde, dass Krümmel wirklich unsicher sei, würde er eine Stilllegung akzeptieren. Aber noch sei niemand gekommen, der ihm das erklärt habe. Nicht mal seine Parteifreunde aus Berlin. "Keiner von denen aus Berlin ist hergekommen. Sie haben es uns einfach vorgesetzt", sagt er.

Jörg Kunert ist in der Geesthachter Ratsversammlung eigentlich Finanzpolitiker. Da ist man sowieso unbeliebt, sagt er. Dass seine Parteifreunde ihn jedoch abgesetzt haben, hat ihn tief getroffen. Er versucht es mit Trotz, hier in seiner Gartenlaube. "Ich bin der letzte aufrechte Dinosaurier", spricht er sich Mut zu. Und er warnt: davor, dass die Energie nicht sicher sei. "Ich möchte nicht, dass Dialyse-Patienten im Krankenhaus sterben, weil kein Strom mehr da ist", sagt er.

Kunert holt seinen Mitgliedsausweis aus dem Haus. Er will noch einmal nachsehen, wann er eigentlich in die CDU eingetreten ist. Im März 2003, seine Partei war in Berlin noch in der Opposition und stramm für Atomkraft. Damals konnte er sich identifizieren, sagt er. "Heute kann ich nicht nachvollziehen, warum wir grüner sein wollen als die Grünen. Die Wähler haben uns für unsere Überzeugungen früher gewählt. Jetzt nicht mehr." Er sagt, er könne seine Partei nur noch in Teilen erkennen.

Und jetzt? "Die Toten werden am Ende der Schlacht gezählt", sagt er verbittert. Vielleicht klagen ja die Betreiber der Atomkraftwerke und bringen noch eine Wende weg von der Wende, wer weiß das schon. Kunert würde sich darüber freuen.

Vor 30 Jahren war Jörg Kunert Schüler von Gerhard Boll, seinem heutigen Gegner. Nein, gegen den Boll habe er nichts, sagt er. Der habe als Lehrer nie den Schülern gegenüber seine Anti-AKW-Haltung zum Ausdruck gebracht. Kunert hat eher ein Problem mit Bettina Boll. "Krümmel ist ja ihre Lebensaufgabe", sagt er, es klingt ein wenig schnippisch. Eine "Ikone" sei sie geworden. "Jaja, jetzt freut sie sich besonders."

Es ist 18 Uhr geworden, die Bolls sind mit dem Fahrrad in die Fußgängerzone von Geesthacht gefahren. Zur Mahnwache. Einen Monat vor dem 25. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl haben sie damit angefangen, auch nach dem Jahrestag kamen die Menschen jeden Montag in die Fußgängerzone zum Brunnen. "Wir hatten einen Traum. Dank an alle, die ihn verwirklicht haben", steht auf einem Transparent. 40 Menschen sind gekommen, nicht nur ältere, sondern auch junge Familien. Kinder spielen mit den Buchstaben, die Bettina Boll mitgebracht hat: "AUS". "Ihr seid toll!", ruft Bettina Boll. Sie pustet in ihre Trillerpfeife, wenn neue Mitstreiter ankommen.

Am Ostermontag haben sie noch einmal eine große Demo organisiert, es kamen über 10 000 Menschen nach Geesthacht. Als Höhepunkt der Veranstaltung hatten sich die Organisatoren Folgendes überlegt: Die Demonstranten sollten sich auf Kommando vom Atomkraftwerk abwenden und das Gelände verlassen. Symbolisch. Das war Bettina Bolls Idee. Eine Kehrtwende. Auch für sie. Nach der Demo sagte sie ihrem Mann, dass sie keine Demos mehr will. Zum AKW geht sie seitdem nicht mehr. Weil sie keine Kraft mehr hat. Weil sie mal wegfahren will in den Urlaub. Weil sie sich um das Haus kümmern will, das sie immer schon mal ausbauen wollten. Ihr Sohn arbeitet in der Solarbranche, er engagiert sich bei den Demos.

Was genau sie in Zukunft machen werden, wissen die Bolls nicht. Aber sie sind nicht traurig darüber.

Die Bolls stehen in der Fußgängerzone. Sie wirken glücklich. Gleich soll es Sekt geben. Gerhard Boll sagt, dies ist für ihn die letzte Mahnwache.